Es geht um die
erforderlichen Weichenstellungen für mehr väterliches Engagement. Katja
Gelinsky hat in einem Beitrag in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung den
roten Faden der Fachtagung der LAG-Väterarbeit in NRW aufgegriffen und notwendige
Konsequenzen aufgezeigt.
‚Marco hat in der Corona- Pandemie seine Stelle als Fahrer
verloren – und seine Stellung als Ernährer der Familie. Die übernahm seine
Frau; sie ist Bürokauffrau. Marco kümmerte sich den ganzen Tag um den zweijährigen
Sohn; das Kind erhält in normalen Zeiten Frühförderung. Seine Frau sei nach
ihrem anstrengenden Arbeitstag kaputt gewesen, erzählt Marco in einem
Interview. „Bis spätabends war ich mit dem Kind beschäftigt.“
Klingt nach einer weiteren der vielen Corona-Stress-Geschichten.
Doch dann die Überraschung: „In einer ruhigen Minute, wenn mich keiner sieht, springe
ich manchmal noch vor Freude in die Luft“, berichtet Marco. Der Mann mit eckiger
Brille im grauen Sweatshirt lächelt vorsichtig, dann ein bisschen mehr: „Dass
ich das geschafft habe, was ich immer wollte – ein besserer Vater zu werden,
als mein Vater es gewesen ist!“
Andere Väter, deren Corona-Erfahrungen ebenfalls unlängst
auf einer Tagung der „Landesarbeitsgemeinschaft Väterarbeit in NRW“ in
Video-Einspielern vorgestellt wurden, äußern sich nicht ganz so enthusiastisch.
Aber im Ergebnis stimmten die Männer – Krankenpfleger, Beamte, Handwerker und Architekten
– Marco zu: Die Pandemie habe sie zu engagierteren, sensibleren Vätern gemacht.
Es ist die Art Erfahrung, wie die Landesarbeitsgemeinschaft Väterarbeit sie
fördern will; die LAG ist ein Zusammenschluss von etwa einem Dutzend
Organisationen und Vereinen, der sich, unterstützt vom Land, dafür einsetzt,
dass Väterpolitik stärker als gesellschaftliche Querschnittsaufgabe wahrgenommen
wird. …‘
… lautet der Titel des #Vaeter Buchs von Benjamin Wockenfuß,
dass an diesem Freitag erscheint. Grafisch ist es ein Hingucker und auf den
zweiten Blick fällt auf, dass es eigentlich mindestens zwei Bücher sind. Am
einen Ende ist ein in sieben Kapitel gegliederter ‚Wissens-Input‘ wie es der
Autor nennt, am anderen Ende ist eine wunderbare ‚Power-Papa & Kreativ-Kid
Geschichte, die von Stefanie Messing bebildert ist. In der Mitte des Buches ein
analoges Planungstool für die ersten 22 Tage #TollerPapa.
Man kann das Buch aber auch einfach umdrehen und dann ergibt
sich eine andere Reihenfolge und eine andere Perspektive. Das gibt den Anspruch
und die Haltung von Ben, so tritt der Autor den Lesern und Leserinnen gegenüber,
ganz gut wieder. Sein Buch soll kein Fachbuch sein und die fachlichen
Erfahrungen die er weitergibt sind seine Erkenntnisse, seine Wahrheit und seine
Gefühle.
Das besondere an dem Buch ist, dass es nicht nur an
verschiedenen Stellen an fachlich fundierte Texte verweist, die per QR-Code
leicht zu erreichen sind, sondern auch in den sozialen Medien über den im Titel
formulierten Hashtag eine Community für #Vaeter eröffnet und diese zum aktiven
Austausch ihrer Erfahrungen einlädt.
Die im Untertitel vorsichtig formulierte These ‚Erziehung
ist (auch) Männersache‘ bildet, versehen mit einem Ausrufezeichen und dem
Zusatz ‚… Echt?‘ ist auch die Überschrift zum Kapitel 1. Der Autor positioniert
sich hier aber eindeutig: ‚Jeder Mann kann Erziehung!‘ „Ein Vater ist mehr als
nur ein Assistent der Mutter. Er hat eigene/ andere Fähigkeiten, die Kinder
dringend brauchen.“
So ist es, aber so einfach ist es leider nicht. Lernen tut
Mensch dass, was er tut und es gibt weder die geborene Mutter noch den
geborenen Vater. Das was einen tollen Papa, einen (hinreichend) guten Vater
ausmacht wird gelernt, indem ich es mache und von anderen abgucke. Das was Mann
macht oder besser lässt hängt vielfach von gesellschaftlichen und eigenen
Erwartungen und gegenseitigen Rollenzuschreibungen ab. Wockenfuß führt noch
weitere Faktoren an, die den Lernprozess und eine gelingende Erziehungsgestaltung
beeinflussen: Aktives Mitfühlen, Verantwortung annehmen und aushalten und trotz
Uneinigkeit ein Elternteam bleiben.
Zu allen drei Punkten bietet er dann praktische Tools an, die
dazu anleiten, sich mit seinen eigenen Positionen und Haltungen
auseinanderzusetzen und diese auch zu visualisieren. Am Ende dieses und jedem
der folgenden 6 Kapitel gibt es ein ‚Fazit to Go‘ einen Einseiter, auf dem die
wichtigsten Aussagen noch einem kurz und grafisch ansprechend zusammengefasst
werden.
Die einzelnen Abschnitte sind jeweils in sich abgeschlossen
und das Buch kann kreuz und quer gelesen und bearbeitet werden. Dazu fordert
der Autor auch explizit auf, es sei ein Arbeitsbuch und das Notieren von
Gedanken und die Verschriftlichung von Routinen erleichtere den Blick auf das
Wesentliche. Dazu bietet Wockenfuß an vielen Stellen neben den im Buch
skizzierten analogen auch digitale Werkzeuge an und stellt deren Vorzüge
heraus. Das macht er auch in Bezug auf die digitalen Medienzugänge für Kinder: „Durch
digitale Medien, wie etwas Spiele-Apps, haben Kinder die Chance, kreative Gestalter:innen
statt lineare Konsument:innen zu sein. Ein großer Schatz!“
Die im Kapitel 4 dargestellte ‚Einfachheit im Vatersein‘ und
dem Plädoyer für Langeweile aus der Kreativität erwächst getreu der Gleichung ‚Weniger
ist Mehr‘ erinnert mich an eine zentrale Aussage aus dem 2015 erschienen Buch ‚Geht
Alles gar nicht Warum wir Kinder, Liebe und Karriere nicht vereinbaren können‘
von Marc Brost und Heinrich Wefing:
„ … Auch früher gab es Erwartungen an Väter …, aber sie
waren klarer und eindeutiger, weil es auch klare und eindeutige Rollen gab. Heute
dagegen gibt es unendlich viele Erwartungen, weil es unendlich viele
Möglichkeiten gibt, … ein guter Vater zu sein, und deswegen scheint es das
Beste zu sein, einfach alle Erwartungen zu erfüllen.“
Benjamin Wockenfuß zeigt einen ‚einfachen‘ Weg auf, mit
diesen Erwartungen und Möglichkeiten umzugehen. Nicht nur zu Hause mit der
Familie, sondern auch im Beruf. Er schlägt hier einen neues Verständnis dafür
vor, wie Arbeitswelt und Vatersein zusammengehen können. „Welche Position in
meinem Selbstbild übernimmt meine Arbeit eigentlich? Wie sinnstiftend ist sie
für mich?“ Die praktischen Vorschläge an dieser Stelle sind meiner Auffassung
nach eher auf Väter mit gut abgesicherten Jobs zugeschnitten. Diejenigen die
zwei oder drei prekäre Jobs zur Absicherung des Lebensunterhalts haben, stellen
sich die Frage „Brauche ich wirklich eine Vollzeitstelle“ wohl nicht.
Eine gute Zusammenfassung formuliert der als Experte in
Kapitel 6 zitierte Organisationsberater Hendrik Epe: [es] … wird deutlich, dass
ich (m)eine Rolle als Vater … darin sehe, Ambiguitätstoleranz vorzuleben. Es
gibt nicht den einen, richtigen Weg in der Erziehung der Kinder, ebenso wenig
wie es die eine, richtige Art und Weise der Gestaltung der Arbeitswelt der
Zukunft gibt.
#TollerPapa liefert jede Menge Anregungen für Väter, diese
ambivalenten Möglichkeiten zu entdecken, eigene Positionen zu bilden und sich gemeinsam
mit den Kindern weiter zu entwickeln und der Papa zu sein, den man selber als
Kind gebraucht hätte. Das Wendebuch zum Preis von 18 € ist eine tolle
Investition sowohl für werdende als auch schon vor langer Zeit gewordene Väter.
Partnerschaftliche
Aufgabenteilung geht nur gemeinsam, das ist ebenso selbstverständlich
wie der blaue Himmel bei Sonnenschein. Trotz dieser Erkenntnis und
entgegen dem Wunsch der überwiegenden Zahl junger Väter und Mütter
wirken traditionelle Rollenmuster nach wie vor mächtig.
‚Don’t fix the WoMen‘ heißt es zurecht. Individuelles Wollen ist
notwendig, strukturelle Rahmenbedingungen und gesellschaftliche Diskurse
aber nach wie vor prägend. Vor diesem Hintergrund ist es bedeutsam,
Wirkungen und Mechanismen von dem, was Vätern und Müttern an Erwartungen
zugeschrieben wird und sich nicht nur in deren Haltungen und
Überzeugungen, sondern vor allem im familiären Handeln widerspiegelt,
nicht zu verleugnen und nach dem Motto ‚das nicht sein kann was nicht
sein kann‘ aus der Welt zu schaffen. Der Elefant, und in diesem Fall das
Phänomen des ‚maternal Gatekeeping‘ ist virulent.
Der Begriff ist erstmals 1989 in der Dissertation „Toward a
reconceptualization of paternal involvement in infancy: The role of
maternal gatekeeping” von Ashley Howard Beitel beschrieben worden.
Inzwischen verzeichnet Google Scholar gut 3.000 wissenschaftliche
Arbeiten zu diesem Thema.
Nicht nur vor diesem Hintergrund halte ich es für abwegig, dass aus
dem Spiegel Schwerpunkt dieser Woche ‚Papa kann das schon alleine‘ eine
Bühne des Geschlechterkampfs konstruiert wird. Worum geht es in dem
Beitrag ‚Papa von Mamas Gnaden – Worunter moderne Väter leiden‘?
Die Überschrift spitzt sicherlich thematisch zu, in dem Text wird das
Anliegen aber als Erleben und Empfinden von konkreten Vätern bzw.
Expert:innen und Praktker:innen wie Marc Schulte vom Papaladen in Berlin
oder Simon Bohn von der Friedrich-Schiller-Universität in Jena,
dargestellt und wiedergegeben.
Und dann kommen im letzten Drittel des Beitrags folgende
verallgemeinernde Aussagen: „Und wie es so ist mit der Mehrheitsdynamik:
Mütter rühmen sich großer Weisheit, wenn es um ihre Domäne geht. Sie
halten es nicht aus, wenn der Vater dem Kleinkind den gestreiften Pulli
zur karierten Hose anzieht. Sie runzeln die Stirn, wenn er vom Einkaufen
eine andere Windelmarke mitbringt als sie. Stellen Väter ihren Kindern
Fragen, antworten gern stellvertretend die Mütter.
Die Mutterliebe? Für Väter eine fürsorgliche Belagerung, eine
Festung. Im Vaterland sprechen alle die Muttersprache. »Maternal
Gatekeeping« heißt das Stichwort, das viele Frauen als Kampfbegriff
empfinden. Sie begegnen der neuen Väterlichkeit auch deshalb mit
Misstrauen, weil sie über Jahrhunderte die Erfahrung gemacht haben, dass
im Zweifelsfall doch wieder vieles an ihnen hängen bleibt. Warum also,
fragen sie sich, wollen Männer jetzt eigentlich gefeiert werden für
etwas, was Mütter schon immer getan haben?“
‚Maternal Gatekeeping‘ wird losgelöst von inhaltlichen Bedeutungen
als ‚Kampfbegriff‘ eingeführt und es wird ignoriert, dass er ein
wissenschaftlich sehr umfangreich untersuchtes psychologisches Phänomen
beschreibt, das sich nicht für einfache Schuldzuweisungen eignet.
Aber es gibt immer Menschen, die über das angebotene Stöckchen
springen und sich in den sozialen Medien wider besseres Wissen selbst
wiederholen. Ich erinnere mich noch gut an die Diskussion beim
Väterkongress Anfang 2017 in Bielefeld. Dort hatte Frau Prof*in
Lieselotte Ahnert in ihrem Vortrag ‚Wieviel Mutter braucht ein Kind? …
und kommt es überhaupt auf den Vater an‘ auch zum ‚Maternal Gatekeeping‘
umfangreich Stellung bezogen. Die Postings auf Twitter und anderen
Kanälen wiederholen teilweise dieselben, dort widerlegten Behauptungen.
So kommen wir nicht weiter. Birk Grüling entwirft in einem Beitrag
für Men’s Health Dad eine Vision, wie es gelingen könnte: „Richtiger
wäre es, wenn wir uns gegenseitig aus dem Teufelskreis helfen und an
einem Strang ziehen. Ohne Misstrauen, ohne Zwietracht, dafür gemeinsam.
Dann hätten wir vielleicht eine so mächtige Lobby wie die
Automobilbranche, einen so starken Zusammenhalt wie Bundesligavereine.
Bildungs- und Familienpolitik hätten plötzlich oberste Priorität.
Kinderbetreuung und Hausarbeit würden höchste gesellschaftliche
Anerkennung genieße. Zeit für die Familie einzufordern, wäre kein Grund
für berufliche Diskriminierung und Vereinbarkeit kein Problem mehr.“
„… Eltern sind Zufluchtsort, Schule, Zuhause. Sie
organisieren, reparieren, moderieren, schleppen, planen, lachen, weinen,
heilen, hören zu und geben Halt. Sie sind 24/7 im Dienst, nie gleichgültig und
sie sind zu Recht die ganze Welt für ihre Kids. Und eine Inspiration für uns.
Dies ist euer Film, liebe Eltern.
Ob Mutter-Vater, Regenbogenfamilie, Alleinerziehende oder
Patchwork-Modell, wir sehen und erleben in unseren Filialen Tag für Tag, was
ihr für eure Liebsten leistet. Mit guter Miene und gutem Essen sorgt ihr dafür,
dass zu Hause die Welt in Ordnung bleibt. Ihr seid wahre Elternhelden! Danke,
dass wir für euch da sein dürfen.“
In der
wissenschaftlichen Literatur und in den Medien wird zunehmend über den
modernen aktiven Vater berichtet, der sich gleichberechtigt in die
Erziehung und die Versorgung seiner Kinder einbringen möchte. In dem Kim
Bräuer vom Lehrstuhl Arbeit und Organisation
initiierten Projekt soll in Erfahrung gebracht werden, was Väter in
Deutschland bewegt. Das Bild des modernen Vaters steht dabei dem
traditionellen Vater als Brotverdiener gegenüber. Das Projekt möchte
diese beiden Bilder von Vätern erweitern und vielfältige Lebenslagen von
Vätern erfassen.
Dafür wird eine quantitative Onlinebefragung und eine Interviewstudie durchgeführt.
Dabei interessieren die Initiatoren unterschiedlichen Vorstellungen
von Vaterschaft, mögliche Praktiken zur Vereinbarkeit von Beruf und
Familie und die individuellen Herausforderungen von Vätern. Bisher gibt
es nur wenige Studien, die sich explizit mit der subjektiven Perspektive
von Vätern befassen, weshalb wir diese in den Fokus unserer Studie
stellen. Sie möchten erfahren, wie Betriebe, politische Akteure,
Väternetzwerke und Beratungsstellen Väter dabei unterstützen können,
ihren Ansprüchen an sich als Vater, Partner und ggf. als Arbeitnehmer
gerecht zu werden. Es geht unter anderem um folgende Fragen:
welche Vorstellungen Männer von ihrer Vaterschaft und ihrem Familienleben haben
wie Sorge- und Erwerbsarbeit in den Familien aufgeteilt werden
mit welchen Problemen sich Väter konfrontiert sehen
ob sich neben dem traditionellen und dem modernen Vater weitere Typen von Vätern ausmachen lassen
Aus aktuellem Anlass spielen nicht zuletzt die besonderen Bedingungen
des Familienlebens in Zeiten der Corona-Pandemie und innerfamiliäre,
wie betriebliche Herausforderungen und Potentiale des Lockdowns eine
wichtige Rolle.
Am 16. Dezember hat der zweite ‚harte‘ Lockdown begonnen und
nicht nur der Jahreswechsel gibt Anlass, eine erste Bilanz der ‚Learnings‘ aus
der bisherigen Zeit mit Corona zu ziehen.
„Eltern sind in der Corona-Zeit mehrheitlich nicht in
traditionelle Rollen „zurückgefallen“. Meist blieb die Aufteilung der
Kinderbetreuung zwischen den Elternteilen unverändert, in etwa jeder fünften
Familie wurde die Aufteilung gleichmäßiger, in ebenso vielen Familien aber auch
ungleichmäßiger. Die zusätzlich anfallenden Betreuungsaufgaben haben Mütter und
Väter vielfach gemeinsam geschultert.“ heißt es in der kürzlich
veröffentlichten Broschüre ‚Familien in der Corona Zeit‘ des
BMFSFJ.
Die britischen Zeitung Guardian beurteilt die Auswirkungen von
Corona noch optimistischer: „Das Jahr 2020 verändert die Art und Weise,
wie die Gesellschaft Vaterschaft sieht, und könnte nach Ansicht von Forschern,
Wirtschaftsführern und Aktivisten die tiefgreifendste Veränderung der
Betreuungsaufgaben seit dem Zweiten Weltkrieg bewirken….“
So oder so wird es aber darauf ankommen, genauer auf die
Situationen in den Familien und die Erfahrungen der Väter und Mütter zu
schauen, und die richtigen Konsequenzen daraus zu ziehen und die jetzt sichtbar
werdenden Effekte nachhaltig wirksam werden zu lassen.
Väter & Corona – die positiven Erfahrungen aus der
Krise für eine geschlechtergerechte Gestaltung der Zukunft und die Arbeit mit
Vätern nutzen
In der gesellschaftlichen Diskussion der Corona Pandemie und
ihrer Auswirkungen standen angesichts von Schul- und Kitaschließungen und
anderer Einschränkungen vor allem die Herausforderungen und Belastungen für
Familien im Vordergrund. Die Landesarbeitsgemeinschaft Väterarbeit in NRW hat
die Entwicklungen von Anfang an im engen Austausch mit ihren Mitgliedern und in
zahlreichen Gesprächen mit Vätern verfolgt und sieht neben den Mehrbelastungen
und Problemen für Väter und Mütter auch positive Erfahrungen aus der Krise.
Damit diese bei der Arbeit mit Vätern aber insbesondere auch bei der Gestaltung
der neuen ‚Normalität‘ genutzt werden kann, möchten wir sie in den folgenden
sieben ‚Corona Lektionen gelernt‘ Punkten zusammenfassen:
1. Zusätzliche
Herausforderungen
Väter und Mütter sind in vergangenen Monaten mit neuen Herausforderungen
konfrontiert worden. Mühsam ausbalancierte ‘Vereinbarkeiten’ sind durch die
Schließung von Kitas und Schulen oft wie ein Kartenhaus zusammengefallen. Väter
und Mütter sind je nach Branche und Tätigkeitsfeld als systemrelevant
eingestuft, in Kurzarbeit geschickt oder konnten im Homeoffice weiterarbeiten.
Zusätzlich zu den Sorgen um die Betreuung und Beschulung der Kinder kamen
vielfach die um die finanzielle Absicherung der Familien und in allen Fällen
die um die Gesundheit, die eigene, die der Kinder und vor allem die der älteren
Familienangehörigen. Diese Herausforderungen sind von vielen Familien gestemmt
worden, in einer Zeit, in der Beratungs- und Unterstützungssysteme, wenn
überhaupt, nur per Telefon zu erreichen waren.
2. Care- und
Betreuungsarbeiten
Sowohl bezahlte als auch unbezahlte Care- und Betreuungsarbeiten sind ungleich
zwischen Vätern und Müttern aufgeteilt. Dies hat unter anderem mit Bezahlung
und Zuschreibungen dieser Tätigkeiten zu tun. Bereits die Zeitverwendungsstudie
hat aber gezeigt, dass Väter und Mütter in der Summe der bezahlten Erwerbs- und
unbezahlten Care- und Betreuungsarbeiten gleich viel Zeit aufwenden. Die
Berichte von Vätern, vor allem aber die in den letzten Monaten durchgeführten
Studien zeigen auf, dass sich Väter mit zusätzlichen Zeitanteilen an Care- und
Betreuungsarbeiten beteiligen, insbesondere, wenn sie in Kurzarbeit oder
Homeoffice und ihre Partnerin in einem systemrelevanten Beruf tätig ist. Die
Erzählungen der Väter, diese Erfahrungen seien eine Bereicherung gewesen,
wollen wir für eine gerechtere Aufteilung von bezahlten und unbezahlten
Tätigkeiten nutzen.
3. Beziehung zu den Kindern
Kinder wünschen sich in allen Befragungen mehr Zeit mit ihren Vätern und auch
diese wollen von Anfang an für diese da sein und sich aktiv an deren Erziehung
beteiligen und das Aufwachsen begleiten. In der Vergangenheit haben wir bei
unseren Angeboten eine Unsicherheit der Väter gespürt, ob sie über ausreichende
Kompetenzen in der Betreuung insbesondere der jüngeren Kinder verfügen. Diese
Kompetenzen können sie erwerben, indem sie Zeit mit ihren Kindern verbringen,
sich auf diese einlassen und so eine Beziehung zu ihnen aufbauen. Diese
Erfahrungen haben Väter während der Krise machen können und sich dabei
zunehmend als wirksam und bedeutend für ihre Kinder erlebt. Diese Erfahrungen
werden auch das Ausmaß des zukünftigen väterlichen Engagements bestimmen, es
wird aber darauf ankommen, sie einzubeziehen und passende Rahmenbedingungen zu
schaffen.
4. Partnerschaftliche
Arbeitsteilung
Aus den Wünschen junger Paare, sich Erwerbs- und Familienarbeiten
partnerschaftlich aufzuteilen wird nach der Geburt des ersten Kindes häufig
eine mehr oder weniger traditionelle Arbeitsteilung, die Väter in die
Ernährerrolle und Mütter in die sorgende Sphäre verweist. In der Folge sinken
Zufriedenheit und Partnerschaftsqualität mit weiteren negativen Wirkungen auf
das Engagement von Vätern.
Diese Kreisläufe sind in den vergangenen Wochen vielfach durchbrochen worden.
Den Vätern und Müttern, denen es schon vor der Pandemie gelungen ist, eine
partnerschaftliche Arbeitsteilung zu leben, berichten zwar am häufigsten von
extremen Belastungen, wollen aber keineswegs zurück zu einer klassischen
Arbeitsteilung. In den zahlreichen anderen Fällen ist die traditionelle Arbeitsteilung,
in die man vielfach ‘hineingerutscht’ ist, wieder zu einem Aushandlungsthema
geworden. Wir wollen Väter dabei unterstützen, ihre Wünsche nach einer
Reduzierung von Erwerbsarbeitszeiten auch umzusetzen
5. Stärkung des familiären
Zusammenhalts
Die Bewältigung der Herausforderungen ist selbstverständlich nicht ohne Krisen
und Konflikte verlaufen. Väter und Mütter sind in den vergangenen Monaten
häufig und für längere Zeiträume über ihre Grenzen hinaus gegangen und mit den
Erfahrungen auch gewachsen. Die Stärkung der Resilienzen ist eine wichtige
Erfahrung für den Zusammenhalt von Familien.
Wir wünschen uns selbstverständlich keine Wiederholung dieser ‘Lernsituation’
durch einen weiteren ‘Lockdown’, werden aber Väter und ihre Familien dabei
begleiten, ihre Erfahrungen aufzuarbeiten und für die Bewältigung zukünftiger
Herausforderungen nutzbar zu machen. In den Fällen,, in der die Krisen in
der Familie eskaliert sind, gilt es hinzuschauen welche Unterstützungsangebote
nötig sind um Krisensituationen konstruktiv meistern zu können.
6. Andere Formen der
Erwerbsarbeit Auch außerhalb von Familien haben Väter neue Erfahrungen machen können.
Arbeitsorte, -zeiten und -abläufe haben sich in vielen Bereichen grundlegend
verändert, in anderen ist schlagartig die gesellschaftliche Relevanz von
vielfach unterbezahlten Tätigkeiten deutlich geworden. Die Väter, die zeitweise
oder ganz im Homeoffice arbeiten konnten (oder mussten) wünschen sich, dass sie
diese Möglichkeiten auch weiterhin zumindest an zwei bis drei Tagen pro Woche
nutzen können, um mehr Zeit für Familie und Kinder zu haben.
Darüber hinaus geht es auch um Verantwortungsübernahme und Selbststeuerung, die
letztlich Auswirkungen auf Abläufe und Kulturen in den Unternehmen haben
werden. Dass die Arbeit im Homeoffice kein Ersatz für eine qualitativ
hochwertige Kinderbetreuung ist ja auch eine Lernerfahrung der letzten
Monate.
7. Wege der Arbeit mit
Vätern
Die Krise und die damit einhergehenden ‘Coronaschutzverordnungen’ haben auch
unmittelbare Auswirkungen auf die Arbeit unserer Mitglieder gehabt.
Einrichtungen haben geschlossen und selbst nach der Wiederöffnung ist Vätern
der Zugang verwehrt oder nur streng reglementiert. Hygienekonzepte führen dazu,
dass offene Angebote kaum noch möglich sind.
Diese Rahmenbedingungen haben zu einem Lernschub bei der Nutzung von neuen,
insbesondere digitalen Zugängen zu Vätern geführt und damit auch Vätern, die
schon vorher keine Angebote vor Ort gefunden haben, Möglichkeiten zur Teilnahme
eröffnet und Schwellen gesenkt. Nach anfänglichen Unsicherheiten finden
Beratungen zunehmend per Video statt und auch bei thematischen Veranstaltungen
und Weiterbildungsangeboten sind wertvolle Erfahrungen mit dieser Form des
Zusammenkommens und Austauschs gemacht worden, die die zukünftige Arbeit mit
Vätern erweitern können.
Ich bin mir bewusst, dass es auch zahlreiche Väter und Mütter gab, die andere Erfahrungen gemacht haben, weil der Partner bzw. die Partnerin nicht zur Verfügung standen, prekäre Lebenssituationen und unsichere Arbeitsverhältnisse sich während der Pandemie noch verschärft haben und diese oder andere Rahmenbedingungen zur Verschärfung von Konflikten beigetragen haben. Diese Familien brauchen auch weiterhin passende Beratungs- und Unterstützungsangebote.
Aber auch dabei lohnt sich der Blick auf die oben
skizzierten Gelingensfaktoren. Diese wollen wir auch in Zukunft durch die
Arbeit der LAG-Väterarbeit in NRW sowie der 26 Mitgliedsorganisationen stärken,
um Vätern Wege in die Familie zu ebnen, Kindern eine gelingende Entwicklung und
Partnerschaften zufriedenstellende Beziehungen zu ermöglichen.
Ihre Erfahrungen sind gefragt
Das ist eine erste Zwischenbilanz, die wir aus zahlreichen
Gesprächen und Zoom Konferenzen mit Kollegen und Kolleginnen zum Jahresende
ziehen. Wir sind uns bewusst, dass Sie und andere Menschen auch ganz andere
Erfahrungen gemacht haben können bzw. andere Konsequenzen aus diesen
Erfahrungen ziehen können.
Herr Nelles, Frauen- und Kinderverbände wurden aus der
gesellschaftlichen Defensive gegründet. Gegen wen will sich das
Bundesforum Männer behaupten?
Wir wenden uns gegen Ignoranz gegenüber den Anliegen von Männern,
Jungen und Vätern. Aber wir haben uns nicht aus der Defensive heraus
zusammengeschlossen. Ich habe damals in den neunziger Jahren bei meinem
damaligen Arbeitgeber mit einem Projekt zur beruflichen Qualifizierung
während des Erziehungsurlaubs begonnen. Wir haben ausdrücklich auch
Väter angesprochen. Das Thema Erziehungsurlaub musste aus der Frauenecke
heraus. Die Zahl der Väter, die Erziehungsurlaub nahmen, war zwar sehr
gering. Aber es gab auch damals schon den Wunsch nach einer anderen
Aufteilung von Berufs- und Familienarbeit. Daran haben wir gearbeitet
und uns zusammengetan, um Kommunikationslinien in die Politik und in die
Verbände hinein aufbauen. Den Anfang machte das „Väterexpertennetz“.
Bald kamen auch Themen für Nichtväter dazu. Ein wichtiger Partner war
die evangelische Kirche, die schon lange eine sehr elaborierte
Männerarbeit geleistet hat. 2008 sind wir mit dem
Bundesfamilienministerium in Gespräch gekommen. Dort zeigte man sich
sehr aufgeschlossen, denn einen zentralen Ansprechpartner für die
Belange von Männern gab es nicht. 2010 haben wir mit zunächst zwei
Dutzend Verbänden das Bundesforum Männer gegründet – nicht gegen
irgendjemanden, sondern um Themen von Jungen, Männern und Vätern
gebündelt nach vorne zu bringen.
Personell grenzen Sie sich von Frauenverbänden ab, inhaltlich von
Männerbündnissen mit traditionellen Rollenbildern. Was genau ist Ihr
Markenkern?
Zentral für uns sind Geschlechtergerechtigkeit und Dialog. Es geht
uns um Gleichberechtigung in allen Lebensbereichen. Wir treten in den
Dialog mit denjenigen, die zuständig sind für Gesetzgebung und für
Arbeitsbedingungen. Mit der IG Metall haben wir uns zum Beispiel darüber
auseinandergesetzt, wie sich Arbeitszeiten so gestalten lassen, dass
sie aktive Vaterschaft ermöglichen. Einige unserer Mitgliedsvereine
legen ihren Schwerpunkt auf Gewaltprävention oder Gesundheitsvorsorge.
Die Lebens- und Arbeitsweise von Männern führt dazu, dass sie eine
niedrigere Lebenserwartung haben. Zu vernünftigen Ergebnissen in der
Gleichstellungspolitik kommen wir nur, wenn wir das ganze Leben von
Männern betrachten.
Gehören dem Bundesforum Männer auch Vereine und Organisationen mit traditionellen Männerthemen an?
Wir sind im Gespräch zum Beispiel mit dem Nationalen Olympischen
Komitee und anderen Vereinen. Aber Bedingung für eine Mitgliedschaft bei
uns ist, dass die Interessen von Männern in der eigenen Organisation
thematisiert werden. Es gibt zwar viele große Vereine, in denen
massenhaft Männer organisiert sind, die spezifische Perspektive von
Jungen, Männern und Vätern wird dort aber oft noch nicht adressiert.
Doch es gibt Bewegung. Väter im Fußball, zum Beispiel, ist durchaus ein
Thema.
Klassiker traditioneller Männerarbeit sind Holzhacken oder Reparaturen rund ums Haus. Was ist Ihr Verständnis von Männerarbeit?
Wir arbeiten daran, Geschlechterklischees zu überwinden. Viele Männer
wollen beim Kindergartenfest nicht nur am Grill stehen. Sie möchten
auch fürsorglich sein und als Erziehungspartner akzeptiert werden. Die
gesetzlichen Rahmenbedingungen, etwa das Ehegattensplitting, wirken
jedoch einer partnerschaftlichen Aufteilung der Erwerbs- und
Familienarbeit entgegen. Derartige Fehlanreize führen dazu, dass Männer,
gerade wenn sie Väter geworden sind, nicht das Leben führen können, das
sie eigentlich gerne leben würden.
Die meisten Ihrer Mitgliedsorganisationen kommen aus den Bereichen
Bildung, Gesundheit, Kirche, Arbeit und Soziales. Sind auch Unternehmen
eingebunden?
Mit der „Väter gGmbH“ haben wir ein Mitglied, das sehr aktiv und
erfolgreich Netzwerkarbeit für Väter in Unternehmen betreibt. Die Väter
gGmbh berät bundesweit Unternehmen zum Thema Vereinbarkeit von Beruf und
Familie aus Vätersicht. In verschiedenen Branchen wurden Väternetzwerke
aufgebaut, im Bankenwesen ebenso wie in Mobilfunkunternehmen, in der
Pharmaindustrie und im Handel. Ich würde allerdings vehement der These
widersprechen, dass kleine Betriebe sich mit der Väterarbeit schwerer
tun als Großkonzerne. Aus eigener Erfahrung in Unternehmen verschiedener
Größe kann ich berichten, dass es immer darauf ankommt, die
Vereinbarkeit von Familie und Beruf tatsächlich zu leben und vorzuleben.
Wenn ein Handwerksmeister ein halbes Jahr in Elternzeit geht und
tatsächlich „nur“ 30 Wochenstunden im Betrieb ist, wird sich etwas
verändern.
Sie haben viele Aktive aus dem kirchlichen Bereich. Wie sieht es aus
mit Organisationen anderer Religionsgemeinschaften. Gibt es unter Ihrem
Dach islamische Verbände?
Aktuell liegt uns ein Mitgliedsantrag des Sozialdienstes muslimischer Frauen (SmF) vor . . .
Eines Frauenverbandes?
Ja, der Sozialdienst betreibt auch eine sehr engagierte Väterarbeit.
Einen Sozialdienst muslimischer Männer gibt es bislang nicht. Die
Aufnahme des SmF wäre in der Tat ein Präzedenzfall. Aber in unseren
Mitgliedsverbänden sind nicht ausschließlich Männer tätig. Einige
schicken auch weibliche Delegierte zu unseren Mitgliedsversammlungen.
Ihr Verband empfiehlt sich der Politik aber als Ansprechpartner für
die Anliegen von Männern. Was unterscheidet männer- von
frauenpolitischen Themen?
Die unterschiedliche Perspektive. Im Koalitionsvertrag ist zum
Beispiel vereinbart, dass das Umgangs- und Sorgerecht neu geregelt wird.
Unsere Erwartung war, dass die Interessen von Vätern künftig früher
berücksichtigt werden und unverheiratete Väter nach der
Vaterschaftsanerkennung automatisch sorgeberechtigt sein werden. Danach
sieht es aber nun leider nicht aus. Dabei hatte eine Arbeitsgruppe von
Familienrechtlern diesen Reformschritt empfohlen und überzeugend
dargelegt, dass Kinder von Geburt an Anspruch auf zwei sorgeberechtigte
Eltern haben.
Wo sehen Sie weiteren Handlungsbedarf, wenn es um die Rechte und Interessen von Jungen, Männern und Vätern geht?
Das Feld vor und rund um die Geburt von Kindern muss insgesamt
stärker ins Blickfeld rücken. Denn bereits bei der Geburtsvorbereitung
werden die Weichen gestellt für alles weitere, was man später versucht,
durch Gleichstellungspolitik zu reparieren. Deshalb ist es so wichtig,
Vätern zu diesem frühen Zeitpunkt Angebote zu machen. Noch viel mehr
passieren müsste beim Gewaltschutz. Auch Männer werden Opfer häuslicher
Gewalt. Zumindest im Hellfeld nicht so häufig wie Frauen, aber der
Anteil liegt immerhin bei rund 20 Prozent. Für Männer gibt es jedoch
kaum Schutzräume. Einige Gewaltschutzwohnungen wurden mittlerweile im
Rahmen von Modellprojekten in Bayern und in Nordrhein-Westfalen
eingerichtet. In Sachsen gibt es ebenfalls eine Einrichtung. Aber
insgesamt sind es viel zu wenige. Wir bräuchten auch deutlich mehr
Beratungsstellen für Männer, die häusliche Gewalt erleben. Auf einer
Internetseite haben wir bislang rund 280 Angebote gebündelt, damit
Männer möglichst frühzeitig Hilfe suchen und Krisen überwunden werden
können, ohne dass es zur Trennung kommt.
Ihr Verband arbeitet ja auch mit Frauenorganisationen zusammen. Bei
welchen Themen funktioniert die Kooperation gut und wo gibt es
Differenzen?
Wir haben von Anfang an mit dem Deutschen Frauenrat
zusammengearbeitet. In den allermeisten Fällen klappt das sehr gut. Aber
manchmal haben wir unterschiedliche Perspektiven, etwa im Bereich
Pflege. Mit der Ausgangsthese, Männer würden sich hier nicht engagieren,
erreicht man nichts. Gerade ältere Männer übernehmen häufig
Pflegeverantwortung für ihre Frauen oder Partnerinnen, fast ebenso
häufig wie ältere Frauen. Wenn man erreichen möchte, dass Männer sich
insgesamt mehr in der Pflege engagieren, auch beruflich, sollte man auch
anerkennen, wo sie bereits als Pflegende aktiv sind.
Die Corona-Pandemie gilt als Rückschlag für die
Gleichstellungspolitik. Frauen und Mütter gelten als die Verliererinnen.
Stimmen Sie zu?
Nein, das sehe ich nicht so. Die Corona-Krise wirkt wie ein
Brennglas, das heißt man sieht in besonderer Schärfe, was vorher schon
war. So hat sich in der Pandemie besonders bemerkbar gemacht, dass
überwiegend die Männer Vollzeit arbeiten und die Frauen sehr häufig in
Teilzeit tätig sind, wenn sie Familie haben. Wie sich dieses Modell in
der Corona-Krise auf die Familie ausgewirkt hat, war zum Teil sehr stark
branchenabhängig. Arbeitet der Mann in einem Unternehmen, das
Kurzarbeit anmeldete, blieb er zu Hause. Eine Partnerin, die im
Pflegebereich tätig ist, war beruflich voll eingespannt. Aber nach einer
Umfrage, die das Bundesfamilienministerium in Auftrag gegeben hatte,
ist die Aufteilung bei der Kinderbetreuung in knapp 60 Prozent der
Familien so gut wie gleich geblieben. In rund 20 Prozent der befragten
Familien ging es partnerschaftlicher zu und in weiteren rund 20 Prozent
wurde die Aufteilung ungleicher. Einen großen Trend zur
Retraditionalisierung sehe ich hier nicht. Im Gegenteil: Das familiäre
Engagement der Väter hat in der Corona-Krise stärker zugenommen als in
früheren Jahren, auch wenn Frauen sich insgesamt noch mehr engagieren.
Ihr Verband blickte im November 2020 auf sein zehnjähriges Jubiläum zurück. Was gab es zu feiern?
Unser Verband und unser Einfluss sind deutlich gewachsen. Nicht nur
in Berlin, auch in vielen Bundesländern werden unsere Themen
aufgegriffen. Aber es gibt weiterhin viel zu tun. Die traditionelle
Überzeugung, dass Kinder und Mütter mehr zusammengehören und Väter
zweitrangig sind, ist immer noch da. Vor allem bei den Themen Trennung,
Sorge und Unterhalt sind wir noch lange nicht am Ziel.
Treffen Sie sich mit Ihrem Sohn manchmal zu einem klassischen Männerabend?
Dazu haben wir leider zu selten Gelegenheit gehabt. Seit dem Abitur
vor 13 Jahren ist mein Sohn in der Weltgeschichte unterwegs. Mal
gemeinsam vor dem Fernseher abzuhängen und Bier zu trinken, das wird, in
Zeiten von Corona, in diesem Jahr aber klappen.
Der Anspruch von Boris an sich selbst ist sehr hoch: Der
zweifache Vater will zu Hause und bei der Arbeit alles geben, „das Beste
aus meinem Leben rausholen“, auch wenn das heißt, dass er in manchen
Nächten nur drei oder vier Stunden schläft.
Das letzte Mal mit einem Freund unterwegs war Boris vor drei
Jahren, erzählt er. Er möchte gerne, dass seine Kinder später von ihm sagen
„dass er ein toller Papa war, der Beste“. Dafür hat Boris seinen
gutbezahlten Posten als Facharbeiter bei einem großen Pharmakonzern gegen einen
Job bei einem Mittelständler getauscht. Er ist jetzt nicht mehr täglich drei
Stunden auf der Autobahn, aber das heißt für die Familie auch: weniger Geld.
Seine Frau geht deswegen wieder arbeiten. Er steht nun um
vier Uhr morgens auf, um am Nachmittag wieder zu Hause zu sein – dann geht
seine Frau arbeiten und er versorgt die beiden Kleinkinder. Das ist ein
täglicher Spagat. Laut Väterreport des Bundesfamilienministeriums fänden es 60
Prozent der Väter ideal, sich den Alltag partnerschaftlich zu teilen,
verwirklicht wird es aber nur von 14 Prozent.
Immer im Hamsterrad, rund um die Uhr funktionieren – 40
Prozent der Väter fühlen sich laut einer Familienstudie der AOK zeitlich
überlastet und 82 Prozent der Kinder zeigen Stresssymptome, so eine Studie der
Uni Bielefeld.
„Die Väter der Zukunft sitzen mit ihren Kindern am Fluss und sehen zu wie alles vergeht …“ Der Publizit Björn Vedder entwirft im Philosophischen Radio Bilder der ‚Väter der Zukunft‘. Wir leben in einer Gesellschaft, in der die Vaterrolle unklar ist, und das hat Folgen. Der Vater – ist vor allem ein abwesender Vater. Braucht es neue Väter der Zukunft?
(C) Hella Mittrücker
Schon in den 1960er Jahren etablierte der Psychologe Alexander Mitscherlich den Begriff der „vaterlosen Gesellschaft“, in der es an vorbildhaften Vaterfiguren mangelt. Heute ist das Problem noch viel drängender und konkreter sichtbar: Leibliche Väter sind oftmals abwesende Väter; sei es, weil Beziehungen zerbrochen sind, sei es, weil sie über die Maßen im Arbeitsprozess gefordert sind. Hinzu kommt: Es existiert im Grunde keine Idee, was eine gute Vaterschaft in diesen Zeiten überhaupt ausmacht. Zeiten, in denen es auch darauf ankommt, dass so eine Idee mit Genderdiskursen und Geschlechtergerechtigkeit vereinbar ist. Geht das überhaupt?
Klarheit, sagt der Philosoph Björn Vedder, gab es in der Frage des Vaterbildes höchstens zu Zeiten des Patriarchats, das mit seinen Vorstellungen von Vaterschaft im Prinzip allerdings seit der Französischen Revolution abgeschafft sei. Trotzdem hallen und wirken noch viele Aspekte dieser Zeit nach, gerade in der Frage der Vaterschaft. Und zum Teil werden sie im Zuge aktueller Wertediskussionen von konservativen Bewahrern sogar wieder zunehmend reaktiviert. Björn Vedder setzt alldem seinen Vorschlag eines demokratischen Vaters entgegen, der nicht formelle Autorität ausübt aus Prinzip, sondern seinen Kindern unterstützend Rahmen und Räume bietet, damit sie selbst ihren Weg in ein gutes Leben finden können. Dazu brauche es: Reflexion, Mut, Demut, Verzicht, Nähe – und natürlich: Liebe.
Sie können zwar nicht mehr der erste Ansprechpartner für Männer und Väter in einer Gleichstellungsstelle in Deutschland werden, aber zu den ersten 10 gehören Sie in jedem Fall. Die Stellenausschreibung liest sich zwar etwas ‚dröje‘, aber die Aufgabe ist in jedem Fall spannend. Dort heißt es unter anderem:
„Als
offene, tolerante Stadt und Ort der Vielfalt versteht die Stadtverwaltung
Gleichstellung als ganzheitliche zukunftsgerichtete Strategie. War
Gleichstellungsarbeit bislang überwiegend auf frauenspezifische Belange
fokussiert, sollen nunmehr verstärkt auch Männer in die Wahrnehmung und in den
Fokus der Gleichstellungspolitik gerückt, tradierte Rollenzuweisungen für die
verschiedenen Geschlechter hinterfragt, neue Lebenskonzepte und -formen
erarbeitet und unterstützt werden.
Aufgabenstellung:
Identifizierung von themenspezifischen
Handlungsbedarfen, Strategie- und Konzepterstellung für den Themenbereich
„Männerspezifische Belange“
Initiierung und Begleitung von Projekten und
Aktionen im Bereich männer- und jungenorientierter Gleichstellungsarbeit
Unterstützung und Initiierung von Netzwerken und
Strukturen in der Stadtgesellschaft in Zusammenarbeit mit den als
Multiplikatoren fungierenden Personen und Stellen
Information, Beratung und Unterstützung von
Mitarbeitenden und Führungskräften der Stadtverwaltung Essen, aus dem Konzern
Stadt Essen und der Einwohnerschaft
Mitwirkung bei der Umsetzung des Landesgleichstellungsgesetzes
und der Ratsbeschlüsse zur Frauenförderung
Vertretung der Gleichstellungsstelle im Bereich
Personal und Organisation
Öffentlichkeitsarbeit
Eingebettet in ein multiprofessionelles und diverses Team
soll die zukünftige Ansprechperson gleichstellungsbezogene Interessen der
männlichen Mitarbeitenden der Stadtverwaltung vertreten, Sprachrohr sein und
über die Verwaltung hinaus Belange von Jungen, heranwachsenden und volljährigen
Männern für und in der Stadtgesellschaft sichtbar machen und fördern.
Dies beinhaltet zunächst den konzeptionellen Aufbau des
Bereiches Männer-/Jungenarbeit unter Einbeziehung von Erfahrungen anderer
Kommunen. In der Umsetzung sind männerspezifische Anliegen und Themen aktiv zu
formulieren und unter Einbeziehung und Beteiligung der verschiedenen Stellen
und Interessengruppen zu gestalten.
Die Mitwirkung bei der Umsetzung des
Landesgleichstellungsgesetzes und der Ratsbeschlüsse zur Frauenförderung sowie
die Vertretung der Gleichstellungsstelle im Rahmen von
Personalauswahlgesprächen und bei organisatorischen Maßnahmen bilden einen
weiteren mindestens gleichwertigen Bestandteil der Aufgabenstellung. …“