Während körperliche Hausarbeit oft sichtbar ist, bleibt die mentale Care-Arbeit – das Planen, Organisieren und Sorgen – meist verborgen. Das Team um HMU Professorin Dr. Rebecca Wiczorek konnte nachweisen, dass Frauen in Deutschland signifikant mehr mentale Care-Arbeit leisten als Männer. Besonders deutlich ist der Unterschied im organisatorischen Bereich, gefolgt von kognitiven Aufgaben. Bemerkenswert ist hierbei: Die geschlechtsspezifischen Unterschiede sind in Deutschland mehr als doppelt so groß wie in vergleichbaren US-amerikanischen Studien, was auf kulturelle Unterschiede hindeutet.
Emotionale Care-Arbeit als größter Stressfaktor
Die Studie belegt einen klaren Zusammenhang zwischen dem Ausmaß der mentalen Care-Arbeit und einer schlechteren psychischen Gesundheit. Wer mehr mentale Care-Arbeit leistet, berichtet über mehr Stress, stärkere Depressivität und höhere emotionale Erschöpfung. „Der entscheidende Faktor ist dabei die emotionale Komponente, also das ständige Sich-Sorgen-Machen um das Wohlbefinden der Familienmitglieder“, erklärt Professorin Rebecca Wiczorek. Diese Form der Arbeit ist oft grenzenlos und führt dazu, dass Betroffene auch nach Abschluss physischer Tätigkeiten gedanklich nicht zur Ruhe kommen.
Männer und Frauen reagieren unterschiedlich
Ein zentrales Ergebnis der Untersuchung ist, dass das Geschlecht die Wirkung dieser Belastung beeinflusst. Während Frauen vor allem bei einem sehr hohen Pensum an mentaler Care-Arbeit überproportionale Einbußen ihrer psychischen Gesundheit erleben, zeigen Männer bei geringer bis moderater Belastung stärkere negative Auswirkungen als Frauen. Dies könnte darauf hindeuten, dass gesellschaftliche Rollenerwartungen und die Art der übernommenen Aufgaben eine wesentliche Rolle bei der Verarbeitung des „Mental Load“ spielen.
Der Beitrag des
Vorsitzenden der LAG Väterarbeit in der aktuellen Ausgabe impu!se der
Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin
Niedersachsen e. V.
„Die WHO empfiehlt, die Beteiligung von Männern während der
Schwangerschaft, der Geburt und nach der Geburt zu fördern, um die
Selbstsorge von Frauen und die häuslichen Pflegepraktiken für Frauen und
Neugeborene zu verbessern. Neben dieser auf die Gesundheit von Mutter
und Kind bezogenen Perspektive gibt es weitere gute Gründe, dies zu tun.
Die Gesundheit der Väter, die Zuschreibung von väterlichen
Kompetenzen und ihre Beziehung zu dem ungeborenen Kind haben einen
großen Einfluss darauf, in welchem Maße sie sich an der Erziehung des
Kindes beteiligen und Ressourcen für seine gelingende Entwicklung zur
Verfügung stellen.
In der Phase vor und unmittelbar nach der Geburt werden zudem die
Weichen dafür gestellt, ob das gewünschte Lebenskonzept einer
partnerschaftlichen Aufteilung von Erwerbs- und Familienarbeit
Wirklichkeit werden kann oder die Partnerschaftszufriedenheit darunter
leidet, dass sich Vater und Mutter in jeweils unterschiedlichen Sphären
voneinander entfremden. Viele Väter haben den Wunsch, die Entwicklung
ihrer Kinder von Anfang an mitgestalten und erleben zu können.
Ansprüche und Wirklichkeiten
Erfahrungen und Studienergebnisse zeigen, dass die gewählten
Lebensmodelle häufig nicht Ergebnis zielgerichteter Aushandlungsprozesse
sind, sondern Paare vor dem Hintergrund vermeintlich rationaler Gründe
nach der Geburt dort ‚hineingeschliddert‘ sind und Väter sich mehr oder
weniger freiwillig auf die traditionelle Rolle des Ernährers und
Assistenten in der Familie einlassen.
Obwohl also alles dafür spricht, werdende Väter rechtzeitig
einzubeziehen, sie als aktive Subjekte im Geburtsgeschehen zu betrachten
und auf die neue Rolle vorzubereiten, werden sie hierzulande immer noch
als ‚Beifahrer‘ betrachtet. In Großbritannien, wo bereits 2006 im
Nationalen Gesundheitssystem ein Paradigmenwechsel zugunsten von Vätern
stattgefunden hat, zeigen kürzlich veröffentlichte Befragungsergebnisse,
dass der empfohlene Wandel auch dort noch längst nicht überall
praktiziert wird.
92 Prozent der Väter nehmen an den Vorsorgeuntersuchungen teil, aber
61 Prozent berichten, dass ihre Rolle als Vater zu keinem Zeitpunkt
angesprochen worden ist.
Väter haben keinen formalen Status bei der Geburtsvorbereitung,
selbst ihr Name wird nicht erfasst. Lediglich 16 Prozent der Väter
werden während der Geburt nach ihrem Befinden gefragt.
Wenn ‚Väter‘ und ‚Mütter‘ statt ‚Eltern‘ adressiert werden und
deutlich gemacht wird, dass beide gefragt sind, steigt die Beteiligung
von Vätern bei der Nachsorge von ca. 20 Prozent auf bis zu 70 Prozent
Das Erlebnis der Geburt
Wie Väter auf die Geburt vorbereitet werden können und welche Rolle
die verschiedenen Professionen dabei spielen, ist lange bekannt. Der
entscheidende Faktor dabei ist die Haltung gegenüber der Rolle der Väter
sowie ihrer aktiven Einbeziehung.
Angebote der Geburtsvorbereitung für Väter kommen auch werdenden
Müttern zugute. Studien zeigen, dass Väter, die ihre Rolle während der
Geburt kennen und verstehen, was dort geschieht, selbst besser vor
übermäßigem Stress geschützt sind und seltener Gefahr laufen, den Ablauf
der Geburt negativ zu beeinflussen. Das gilt insbesondere in den
Momenten, in denen es mal nicht nach Plan läuft.
Bei der Geburt selbst dabei sein zu können, ist für Männer die
einzigartige Möglichkeit, das Vaterwerden, das sich bislang als
‚Kopfgeburt‘ abgespielt hat, unmittelbar zu erleben und eine Beziehung
zu ihrem Kind aufbauen zu können. Dazu ein O-Ton: „Es war unglaublich,
atemberaubend, erstaunlich und erschreckend, die erste Person zu sein,
die meine Tochter sah, und Augenkontakt mit ihr herzustellen, als sie
herauskam. Ich habe ein Foto, etwa drei Minuten nach ihrer Geburt, auf
dem ich sie im Arm halte und wir uns gegenseitig anstarren, und es sieht
aus, als würde sie mir die Zunge herausstrecken.“
Väter müssen draußen bleiben
Corona wirkt wie ein Brennglas und hat auch in der Geburtshilfe
offengelegt, dass Väter dort noch nicht die Bedeutung haben, die ihnen
zusteht. Zehntausende Männer konnten wegen der Corona-Regeln in den
vergangenen Monaten die Geburt ihres Kindes nicht miterleben. In manchen
Kliniken dürfen Väter den gesamten Verlauf der Geburt begleiten, in
anderen ruft sie das Personal erst zur Endphase der Geburt in den
Kreißsaal – wenn die Presswehen beginnen oder der Muttermund um einige
Zentimeter geöffnet ist. Zum Teil dürfen Väter ihre Familie nur eine
Stunde am Tag auf Station besuchen, andernorts gibt es keine
Beschränkungen. Zu Vorsorgeterminen, zum Ultraschall dürfen Väter oft
ebenfalls nicht mitkommen.
„Ich durfte nur an einer Untersuchung teilnehmen. Meine Frau musste
zu allen anderen Untersuchungen und Konsultationen allein gehen. Ich
habe diese lebenswichtige Unterstützung für meine Frau und die
Entwicklung einer Bindung zu unserem kleinen Sohn völlig verpasst. Das
System ist durcheinandergeraten, und die emotionale Belastung, die wir
zahlen müssen, ist enorm …“ berichtet ein Vater.
Die Auswirkungen der Geburtserlebnisse auf die Vaterschaft
Studien zeigen, dass die Geburt und ihr Erleben für Väter und Mütter
einen wichtigen Ausgangspunkt für den Übergang zur Elternschaft
darstellen. Sie erleichtern oder erschweren den Prozess des
Vaterwerdens. Mütter mit einem negativen Geburtserlebnis geben häufiger
an, dass sie Probleme beim Stillen haben und ihre Wunden schlecht
heilen. Das Risiko, dass die Mütter und Väter nach der Geburt eine
Depression entwickeln steigt und auch die Eltern-Kind-Bindung war sechs
Monate nach Entbindung weniger sicher.
Da die Unterstützung von Vätern im Geburtsprozess positive
Auswirkungen auf die Frauen hat, muss sichergestellt werden, dass Väter
systematisch einbezogen werden und sich an Schwangerschaft, Geburt und
Kinderbetreuung beteiligen. So können sie ihre Partnerinnen
unterstützen, eine eigene Identität als Vater entwickeln und eine aktive
Rolle in der Versorgung der Säuglinge übernehmen.“
… und Väter gestehen sich häufig eine Krise erst dann ein, wenn sie alleine absolut nicht mehr weiter wissen. Das war schon vor Corona eine ‚Binsenwahrheit‘ und die Pandemie hat auch an dieser Stelle offengelegt, was eh nicht mehr zu verbergen war.
„Väter können permanent in Krisen sein. Die Vereinbarkeit von etwas, was nicht vereinbar ist, kann zu Ernüchterung und Überforderung führen“, führt Vonnoh in seinem Impuls aus, und weiter, „wir haben eine Vorstellung davon, was okay ist und was nicht. Gleichzeitig nehmen wir uns nicht die Zeit, zu hinterfragen, was dahintersteckt. Wir müssen schauen, wie ein typischer Alltag von einem Vater aussieht. Wir meinen, wir haben keine Wahlmöglichkeiten. Aber wenn es mir selber nicht gut geht, funktioniere ich bestenfalls nur und es kommt bei den Kindern nichts wirklich an, sie fühlen sich nicht gehalten und sicher.“
Viele Väter ahnten nicht, welche Potenziale in ihnen stecken. Als Männer haben sie gelernt, Wünsche und Gefühle zu unterdrücken. Es fällt ihnen daher auch schwer, sich in die Partnerin oder die Kinder hineinzuversetzen. Ein Zugang zu den Emotionen ist aber wichtig, um echte Beziehungen zur Partnerin und sichere Bindungen zu den Kindern aufzubauen. Viele Männer haben auch Probleme damit, der Zeit mit den Kindern einen eigenen Wert zuzuschreiben, auch wenn man nur gemeinsam ‚abhängt‘. Es habe aber einen unschätzbaren Wert, sich als Vater ein paar Wochen, Monate oder vielleicht auch Jahre rauszunehmen, um die Kinder bestmöglich zu begleiten. Es muss für Männer spürbar werden, welche Bedeutung es hat, für die Kinder da zu sein.
Vor diesem Hintergrund hat Corona und die mehrfach verhängten Lockdowns, die unfreiwillige Kurzarbeit, das HomeOffice und Homeschooling mit den Kindern alleine zu Hause für viele Väter auf der individuellen Ebene neue Erfahrungen mit sich gebracht und kann auf der gesellschaftlichen als wirkmächtiges soziales ‚Experiment‘ betrachtet und ausgewertet werden. Es lohnt sich, an dieser Stelle genauer hinzuschauen und die Konsequenzen der Lockdowns für väterliches Engagement zu betrachten
Die umfangreichste Untersuchung dazu hat das Fatherhood Institute[i] aus London mit der Studie „Lockdown Fathers: The untold story“[ii] vorgelegt. Die Studie basiert auf einer landesweit repräsentativen Stichprobe von rund 2 000 Vätern, die im Frühjahr 2020 während des Lockdowns im Vereinigten Königreich befragt wurden. Sie zeigte, dass Väter aus Paarfamilien aller sozioökonomischen gesellschaftlichen Gruppen:
mehr Zeit mit ihren Kindern verbrachten (78 %),
mehr Zeit als üblich für die häusliche Erziehung und die Unterstützung bei den Hausaufgaben aufwandten (68 %),
sich nach dieser Erfahrung besser gerüstet fühlten, um das Lernen und die Erziehung ihrer Kinder zu unterstützen (57 %; selbst unter benachteiligten Vätern lag der Anteil bei 50 %),
sowie 59 % mehr Zeit für Putzen, Wäsche waschen und Kochen aufbrachten. Und das, obwohl 27 % weiterhin Vollzeit außer Haus Erwerbsarbeit nachgingen und 86 % derjenigen, die während der Schließung noch arbeiteten, 30 und mehr Stunden pro Woche erwerbstätig arbeiteten. [iii]
Auch in anderen wichtigen Bereichen berichteten die Väter von überwiegend positiven Erfahrungen. Hinsichtlich der Anstiegs von „Väterkompetenzen“ berichteten 65 % von einer besseren Vater-Kind-Beziehung nach dem Lockdown im Frühjahr 2020 (73 % der Väter, die Vollzeit zu Hause sind). 48 % fühlten sich nach dem Lockdown in ihrer Elternrolle als kompetenter, nur 8 % fühlten sich weniger kompetent. 42 % fühlten sich besser in der Lage, Ruhe zu bewahren und ihre Wut auf ihre Kinder zu kontrollieren. Eine kleine, aber signifikante Minderheit (14 %) war dazu weniger in der Lage.
Hinsichtlich des Verständnisses für die Kinder gaben 51 % an, ihre Kinder besser zu verstehen, und 64 % fühlten sich ihnen nach dem Lockdown emotional näher. Fast alle anderen berichteten von keiner Veränderung. Nur 2 bis 3 % berichteten von einer Verschlechterung.
Bezüglich der mentalen Gesundheit, dem sog. „Mental Health“, zeigte sich folgendes Bild. Väter, die von einer besseren Vater-Kind-Beziehung berichteten, äußerten mit größerer Wahrscheinlichkeit auch ein besseren psychischen Wohlbefinden. Die meisten gaben an, dass sich ihr eigenes Wohlbefinden (und das ihrer Partnerin) während der Abriegelung verbessert (20 %) oder nicht verändert hat (40 %). Eine Verschlechterung wurde von 40 % berichtet. Dies steht in Verbindung mit befürchteten oder tatsächlichen Arbeitsplatz- und Einkommensverlusten.
Diese Väter benötigen passende und niedrigschwellige Beratungsangebote, und zwar eine Beratung, so Eberhard Schäfer, „die ihrem Anliegen gerecht wird. Das heißt, bei dem Berater oder bei der Beraterin muss ein Verständnis dafür da sein, dass dieser Mann oder dieser Vater in einer Krise ist. Und dass er entsprechend eine Ansprechpartnerin oder einen Ansprechpartner braucht, der zuhören kann und will. Der ein offenes Ohr hat. Der verständnisbereit ist. Und der schnell aus seiner professionellen Haltung heraus einordnen kann, um was es dem Vater geht und für was er jetzt welche Art von Rat oder Unterstützung oder Gespräch braucht.“
Das klingt banal, in der Realität finden Väter derartige Angebote nicht immer.
Take Aways für Väter
holen Sie sich rechtzeitig Unterstützung und nehmen Beratung in Anspruch. Je länger sie damit warten, umso langwieriger wird der Lösungsweg.
zu einer Beziehungskrise gehören immer zwei Seiten und bei einem Streit vor Gericht gibt es in der Regel mehrere Verlierer. Nehmen Sie gerade in Konfliktsituationen außergerichtliche, mediative Angebote in Anspruch und behalten ihre Verantwortung als Vater für Ihr Kind/ Ihre Kinder im Blick
spezifische Beratungsangebote können Sie in Ihrer Region unter maennerberatungsnetz.de finden
in NRW finden Sie auf der Webseite echte-maenner-reden.de ausgebildete Männerberater, die Sie in den unterschiedlichen Krisensituationen, auch als Opfer von Gewalt beraten
Anregungen für Familien – Beratungsstellen
überprüfen Sie, inwieweit sich Ihr öffentlicher Auftritt, Webseite, Flyer, etc. auch ausdrücklich an Männer und Väter richtet und die Angebote niedrigschwellig zugänglich sind
sind die Mitarbeitenden darauf vorbereitet, Väter in Krisensituationen spezifisch zu beraten?
können Sie ratsuchenden Männern und Vätern die Auswahl eine Beraters bzw. einer Beraterin ermöglichen?
beziehen Sie bei einer Trennungsberatung den jeweiligen Partner bzw. die Partnerin mit ein?
[iii] Burgess, A. & Goldman, R. (2021) Lockdown Fathers: the untold story (executive summary). Contemporary Fathers in the UK series. London: Fatherhood Institute; S. 3f
„Damit
die Corona-Krise nicht zur familiären Krise wird, hilft nur eines:
reden, reden, reden.“ Das hat David Hanisch, Agenturchef, Vater von zwei
Kindern und Teilnehmer der Paneldiskussion als Resümee geäußert.
Bei der Fachtagung am 16. November ist viel geredet worden. Damit die
Teilnehmenden, aber vor allem diejenigen, die nicht dabei sein konnten,
noch einmal in Ruhe nachhören können, was die zahlreichen Väter in dem
Film ‚Corona#Changes#Families‘
die beiden eingeladenen Expert*innen, Jan Braukmann von der Prognos AG
und Anna Buschmeyer vom Deutschen Jugend Institut, geäußert haben,
veröffentlichen wir die verschiedenen Beiträge auf unserem Youtube Kanal.
Weitere Stellungnahmen von Vätern und Müttern finden Sie hier.
Die Eröffnungsrunde
der Fachtagung: Vorstandsmitglieder der LAG Väterarbeit im Gespräch:
Stephan Buttgereit, Jürgen Haas und Hans-Georg Nelles zu den
Herausforderungen und Erfahrungen in der Arbeit der letzten 20 Monate
‚Engagement von Vätern – Entwicklungen, Bedeutung und Rahmenbedingungen‘ Jan Braukmann von der Prognos AG. Vortrag von Jan Braukmann
bei der Fachtagung ‚Lockdown als Chance? – Weichenstellungen für mehr
väterliches Engagement‘ der LAG Väterarbeit in NRW am 16. November 2021
Corona als Brennglas – Herausforderungen und Empfehlungen für Väterliches Engagement. Vortrag von Anna Buschmeyer
bei der Fachtagung ‚Lockdown als Chance? – Weichenstellungen für mehr
väterliches Engagement‘ der LAG Väterarbeit in NRW am 16. November 2021
Corona Changes Families
– … und auf einmal saßen wir zu Hause. Auswirkungen von Corona auf das
Familienleben und die Aufgabenteilung zwischen Vätern und Müttern.
Panelgespräch mit den beiden Keynotegeber:innen Jan Braukmann und
Anna Buschmeyer sowie David Hanisch, Vater von zwei Kindern, der sich
schon vor Corona mit seiner Frau Erwerbs- und Familienarbeit
partnerschaftlich aufgeteilt hat.
Die Highlights der Fachtagung ‚Lockdown als Chance? – Weichenstellungen für mehr väterliches Engagement‘ am 16. November 2021 in 10 Minuten zusammengefasst.
Pünktlich zum Vatertag hat die Canadian Men’s Health Foundation (CMHF) eine Studie darüber veröffentlicht, wie sich die Krise der öffentlichen Gesundheit auf die Beziehungen von Vätern zu ihren Familien sowie auf ihre eigene geistige und körperliche Gesundheit ausgewirkt hat.
Vom 8. bis 11. Mai sprachen sie mit 1.019 Vätern im Alter
von 19 bis 74 Jahren aus dem ganzen Land.
Etwa 40 Prozent sagten, dass sich COVID-19 positiv auf ihre
Rolle als Vater ausgewirkt hat, weitere 40 Prozent waren der Meinung, dass sich
nicht viel geändert hat, während etwa 20 Prozent berichteten, dass sich die
Lage verschlechtert hat.
Positiv ist zu vermerken, dass viele von ihnen es genossen
haben, mehr Zeit mit ihren Kindern zu verbringen und sich stärker in ihr Leben
einzubringen.
Mehr als die Hälfte der Befragten haben mehr Mahlzeiten mit
ihren Kindern eingenommen (63,7 %), mehr Zeit mit ihnen verbracht (52,4 %) und
Sendungen gemeinsam gesehen (51,6 %). Außerdem halfen 45,2% häufiger bei den
Hausaufgaben ihrer Kinder mit und spielten Videospiele oder Sport.
Eine knappe Mehrheit hat in den letzten Monaten einen
größeren Teil der Hausarbeit erledigt.
„Wenn die COVID-19-Sperre Väter dazu bewegt hat, sich mehr
für ihre Kinder zu engagieren, könnte dies ein dauerhafter Nutzen für die
öffentliche Gesundheit sein“, sagte Dr. Larry Goldenberg,
Gründungsvorsitzender von CMHF. „Es ist jedoch klar, dass es eine
Herausforderung für die Männer sein wird, weiterhin qualitativ hochwertige Zeit
mit ihren Familien zu verbringen, sobald der tägliche Stress des Pendelns und
der langen Arbeitszeiten wieder in ihr Leben Einzug gehalten hat.“
Die vielen Informationen über den Coronavirus und die Covid19-Erkrankungen belasten nicht nur Erwachsene, sondern auch Kinder. Sie sind von den vielen Expertenmeinungen und anderen Medieninformationen ziemlich überfordert. Eltern, Erzieher*innen und Lehrer*innen sind gefordert, Kindern die Ängste zu nehmen und Informationen altersgerecht aufzubereiten. Eine echte Herausforderung!
Da kommt das Kinderbuch „Coronavirus – Ein Buch für Kinder“
gerade recht, das der englische Verlag Nosy Crow entwickelt hat und vom Beltz&Gelberg Verlag übersetzt wurde. Die tollen
Illustrationen stammen von Axel Scheffler, vielen sicher als der
Grüffelo-Schöpfer bekannt.
Beltz & Gelberg schreibt über das Projekt: „Das
Coronavirus hat auch den Alltag von Kindern durcheinandergewirbelt und
vieles auf den Kopf gestellt. Doch was ist das neuartige Coronavirus
eigentlich? Was passiert, wenn jemand an Covid19 erkrankt? Und wie kann ich
mich und meine Familie vor einer Ansteckung schützen? Diese Fragen
interessieren Kinder genauso wie Erwachsene. Der englische Verlag Nosy Crow hat
zusammen mit Prof. Graham Medley von der London School of Hygiene &
Tropical Medicine sowie Lehrer*innen und Kinderpsycholog*innen ein
Informationsbuch für Kinder entwickelt, das genau diese Fragen beantwortet. In
verständlichen Texten – und mit vielen Illustrationen von Axel Scheffler –
erklärt es Kindern ab 5 Jahren alles rund um das Virus und seine Folgen.“
Das Buch wird von allen Beteiligten kostenfrei zum Download als PDF zur Verfügung gestellt, damit möglichst viele Menschen Zugang dazu erhalten.
Die Befragung hat zwar einen anderen Hintergrund, da aber da auch wegen Corona viele Kontakte fragiler geworden sind, aktueller denn je, es geht ja ums gesundbleiben.
Eine Studie der norwegischen Universität Bergen hat nun untersucht, was mit der Kommunikation zwischen Scheidungskindern und ihren Eltern passiert und wie dies die Gesundheit der Kinder beeinflusst. Die Studie umfasste 1225 Jugendliche, die 2011 und 2013 befragt wurden. Zu Beginn waren 213 der Teenager Scheidungskinder, zwei Jahre später 270. Sie gaben Auskunft, ob sie es als schwierig empfinden, mit ihren Eltern zu sprechen, und ob sie den Kontakt zu einem Elternteil verloren haben. Zudem wurden sie zu ihrem Selbstvertrauen und zu gesundheitlichen Problemen wie Kopfschmerzen, Depressionen und Schlafstörungen befragt.
Die Studie ergab, dass insbesondere die Kommunikation
zwischen den Kindern und dem Vater leidet. «Die meisten gesundheitlichen
Probleme hatten Kinder, die angaben, den Kontakt zum Vater verloren zu haben,
oder die es schwierig fanden, nach der Scheidung mit ihm zu sprechen», schreibt
Eivind Meland, Professor am Institut für öffentliche Gesundheit. Besonders den
Mädchen falle es schwer, mit ihrem Vater zu sprechen. Die Scheidung scheint die
Kommunikation mit der Mutter nicht zu beeinflussen. Dass insbesondere das
Vertrauensverhältnis zum Vater leidet, führt der Studienautor darauf zurück,
dass vor Gericht oft die Mütter das Sorgerecht bekämen.
Die Studie zeigte aber auch, dass die Trennung das Selbstvertrauen und die Gesundheit derjenigen Teenager nicht negativ beeinflusste, die nach der Scheidung angaben, ein gutes Verhältnis zu beiden Elternteilen zu haben.
Kinderärztinnen und Kinderärzte, die Kinder mit Asthma
oder anderen chronischen Erkrankungen betreuen, werden seit Beginn der
COVID-Pandemie täglich mehrfach von besorgten Eltern kontaktiert, die Angst
haben um ihre Kinder. Diese können wir anhand klarer Daten beruhigen.
Die vorliegenden Informationen sprechen dafür, dass Kinder
seltener als Erwachsene erkranken aber vergleichbar häufig durch SARS-CoV2
infiziert werden. In den USA waren von den dem CDC am 2.4.2020 gemeldeten
14.9760 Fällen 2.572 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren (1,7 %).
In einer anderen Erhebung mit differenten Methoden betrug
der Anteil von Kindern in den USA 5 %. Vergleichbare Zahlen werden auch aus
Italien (1,2 %) und China (2 %) berichtet. Die klinische Symptomatik
unterscheidet sich zwischen an COVID19 erkrankten Kindern und Erwachsenen, so
haben Kinder seltener Atemnot, seltener Husten und seltener Fieber und werden
seltener schwer krank.
Nur ganz vereinzelt sind Todesfälle bei Kindern beschrieben
worden und häufig ist der ursächliche Zusammenhang mit einer
SARS-CoV2-Infektion nicht gesichert. Anhand der wenigen systematischen Daten
ergibt sich kein Anhalt dafür, dass Kinder mit stabil eingestellten
allergischen Erkrankungen (Allergische Rhinitis, Asthma bronchiale,
Nahrungsmittelallergie) und atopischer Dermatitis im Vergleich zu anderen
Virusinfektionen der Atemwege ein erhöhtes Risiko haben, im Rahmen einer
SARS-CoV-2-Infektion an COVID19 zu erkranken bzw. schwerer zu erkranken als
Kinder ohne allergische Erkrankungen.
Zum Umgang mit psychischen Belastungen im Kontext der COVID-19 Pandemie hat Prof. Dr. Gunther Meinlschmidt von der International Psychoanalytic University (IPU) Berlin gemeinsam mit dem Berliner Unternehmen Selfapy ein begleitetes Onlineprogramm erarbeitet. Das Angebot ist kostenfrei nutzbar und beschäftigt sich unter anderem mit Stressbewältigung, der Gestaltung des Alltags und dem Umgang mit Ängsten, negativen Gefühlen und Gedanken. Durch die Begleitforschung wird das Programm wissenschaftlich untersucht und evaluiert.
Mit Hilfe von Texten und Videos informiert das begleitete
Onlineprogramm über einen möglichen Umgang mit den Auswirkungen der
Corona-Pandemie. Übungen werden angeleitet sowie Techniken vorgestellt.
Unterstützt werden die Teilnehmer_innen des Programms durch Psycholog_innen,
die bei Bedarf per Textnachricht erreichbar sind.
Die Corona-Pandemie: Alle sind betroffen, aber Belastungen individuell
„Die COVID-19-Pandemie beeinflusst das Alltagsleben fast
aller Menschen“, erklärt IPU-Professor Gunther Meinlschmidt. Die Begrenzung der
Sozialkontakte als Gegenmaßnahme zur Ausbreitung des Virus SARS-CoV-2, aber
auch andere Verunsicherungen, wie wirtschaftliche Risiken bis hin zu Angst vor
Verlust des Arbeitsplatzes, können Menschen vor psychische Herausforderungen
stellen. „Aber die Auswirkungen auf die Psyche der Menschen sind individuell
äußerst verschieden“, so Meinlschmidt weiter, „Extreme Belastungen,
Überforderungen, Ängste, Vereinsamung bis hin zu Gewalterfahrungen auf der
einen Seite, endlich eine wohltuende Auszeit, Beschäftigung mit Sinnfragen und
positive Erfahrungen der Solidarität auf der anderen Seite. Die Bandbreite ist
enorm.“
Das Belastungsempfinden hänge auch von den sozialen
Kontakten ab, die Menschen ansonsten gewöhnt sind, sowie von Aspekten wie
Kinderbetreuung oder den Aufgaben, die im Home Office bzw. im Rahmen von
Home-Schooling, also dem Unterricht zu Hause, erledigt werden müssen.
Meinlschmidt erklärt: „Ist für Sie die aktuelle Zeit belastend und möchten Sie
dagegen etwas tun, kann das Programm für Sie hilfreich sein. Auch, wenn es nur
darum geht, Ideen und Anregungen zu bekommen, was helfen kann, die Zeit der
Corona-Pandemie positiver zu erleben.“
Kostenloser Zugang für alle zum Onlineprogramm
Die Selfapy GmbH bietet begleitete Onlinekurse zur Bewältigung psychischer Probleme an. Der spezielle Kurs für den Umgang mit Belastungen im Rahmen der COVID-19-Pandemie ist kostenlos verfügbar. Die Zusammenarbeit mit Gunther Meinlschmidt sichert die wissenschaftliche Fundierung des Programms. Meinlschmidt ist Professor für Klinische Psychologie an der IPU Berlin. Er forscht zu Beschwerdebildern und Gesundheitsaspekten an der Schnittstelle von Psychologie und Medizin sowie neuen Technologien im Kontext psychischer Störungen, Psychotherapie und Gesundheitsförderung.
Psychologische Studien weisen immer wieder darauf hin, wie
sehr Menschen auf soziale Bezüge angewiesen sind. Das Coronavirus und die
dadurch hervorgerufene Krankheit Covid-19 stellt Menschen in diesem
Zusammenhang vor enorme Herausforderungen. In vielen Ländern hat die Krankheit
dazu geführt, dass weite Gruppen der Gesellschaft zu häuslicher Isolation und
Quarantäne aufgefordert werden, und auch in Deutschland haben vereinzelte
Bundesländer bereits Ausgangssperren ausgerufen.
Der Umgang mit häuslicher Isolation ist jedoch für viele Menschen eine enorme und vor allem auch neuartige Herausforderung. Für Familien und Wohngemeinschaften birgt sie ein verstärktes Konfliktpotential, Alleinlebende sind unter Umständen mit Einsamkeits- und Isolationsgefühlen konfrontiert. Welche Möglichkeiten haben Menschen, mit Schwierigkeiten häuslicher Isolation umzugehen? Prof. Dr. Frank Jacobi, Prorektor und Leiter des Fachbereichs Verhaltenstherapie an der PHB, fasst in einem aktuellen Artikel psychologische Empfehlungen zusammen, die Menschen helfen können, Phasen von Quarantäne und Ausgangssperre psychisch gut zu überstehen.
In seiner Forschungsarbeit beschäftigt Prof. Dr. Frank Jacobi sich seit langem mit der Entstehung und dem Verlauf psychischer Störungen sowie der Suche nach Risiko- und Schutzfaktoren.