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Archiv für März, 2026

Mehr Druck, weniger Kinder

Erstellt von Hans-Georg Nelles am 24. März 2026

 Wie der Wettbewerb zwischen Eltern die Geburtenrate senkt

Eine neue Studie von Prof. Michèle Tertilt, Ph.D., von der Universität Mannheim und ihren Kollegen Prof. Minchul Yum, Ph.D., und Dr. Lukas Mahler zeigt: Eltern wünschen sich häufig mehr Kinder – doch entscheiden sich dagegen, weil sie das Gefühl haben, mit anderen Eltern und deren Investitionen in Bildung, Förderung und Betreuung nicht mithalten zu können. Der Vergleich zwischen Familien trägt somit maßgeblich zum weltweiten Rückgang der Geburtenraten bei.

Ein Grund für den Anstieg des Drucks ist laut Studie die wachsende Rolle von sozialen Medien – insbesondere sogenannter „Momfluencer“. Diese präsentieren auf Plattformen wie Instagram oder TikTok idealisierte Bilder moderner Mutterschaft: kreative Frühförderung, selbstgekochtes Bio-Essen, perfekte Kinderzimmergestaltung.

„In vielen Ländern gilt es inzwischen als notwendig, viel Geld und Zeit in die Förderung eines Kindes zu stecken, damit es mithalten kann. Das verändert, wie Familien über Kinder nachdenken – und wie viel Nachwuchs sie in Erwägung ziehen“, erklärt Tertilt. Der gesellschaftliche Druck auf Eltern führt demnach nicht nur zu Stress und finanzieller Belastung, sondern kann auch dazu beitragen, dass die Bevölkerung langfristig schrumpft.

Im Zentrum der Studie steht ein ökonomisches Modell, das die Entscheidung von Familien simuliert, wie viele Kinder sie bekommen und wie viel Zeit, Geld und Energie sie jeweils investieren. Dabei zeigt sich: Je stärker der soziale Vergleich, desto höher der Investitionsdruck pro Kind – und desto geringer die Geburtenraten.

Ergänzt wird das Modell durch empirische Analysen, die beispielsweise zeigen, dass in Ländern, in denen sich Eltern besonders Sorgen um die Bildung der Kinder machen und viel eigenes Geld in Bildung investieren, die Geburtenraten besonders niedrig sind. Dazu gehören Südkorea und die USA. Auch innerhalb der USA lässt sich dieser Zusammenhang beobachten: In Regionen mit hoher sozialer Vernetzung ist die Kinderzahl besonders niedrig, selbst bei vergleichbaren Einkommen. Umgekehrt verzeichnen eher ländliche Regionen mit weniger intensivem Vergleichsverhalten und weniger Wettbewerb um Bildungschancen höhere Kinderzahlen, auch bei vergleichbarem Einkommensniveau.

Aus Sicht der Forschenden könnten politische Maßnahmen, die den Vergleichsdruck im Bildungssystem reduzieren, dazu beitragen, dass Eltern sich eher für Kinder entscheiden. Dazu gehören etwa Reformen von Prüfungen und der Ausbau öffentlicher Bildungs- und Förderangebote. Auch ein offener Diskurs darüber, wie viel „Eltern-Investition“ sinnvoll und notwendig ist, könnte helfen, realistischere Erwartungen zu erzeugen.

Quelle

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Vater werden – von Anfang an mitgedacht?

Erstellt von Hans-Georg Nelles am 2. März 2026

Die Projektgruppe „1000 Tage“ nimmt die erste Phase der Elternschaft in den Blick

Vom ersten Gedanken an ein Kind bis zum Ende des ersten Lebensjahres – rund 1000 Tage entscheiden darüber, wie Familie gelebt wird. In dieser Zeit entstehen Bindungen, werden Rollen ausgehandelt und berufliche Weichen gestellt. Genau hier hat die Projektgruppe „1000 Tage“ angesetzt. Ihr Ziel: prüfen, ob Politik, Institutionen und Hilfesysteme den Bedürfnissen von Vätern gerecht werden, was sich ändern muss und was das Bundesforum Männer dazu beitragen kann.

Die Analyse zeigt ein klares Bild: Väter wollen heute mehr sein als Ernährer. Sie möchten präsent sein, Verantwortung übernehmen und von Beginn an eine enge Beziehung zu ihrem Kind aufbauen. Doch zwischen Anspruch und Wirklichkeit klafft eine Lücke.

Partnerschaft(lichkeit) als Voraussetzung

Beim Thema Kinderwunsch hat sich das Rollenverständnis deutlich verändert. Viele Männer orientieren sich an partnerschaftlichen Modellen und wünschen sich eine faire Aufteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit. Gleichzeitig bremsen wirtschaftliche Unsicherheiten, hohe berufliche Anforderungen und unklare gesellschaftliche Erwartungen die Entscheidung für ein Kind aus. Studien legen nahe: Wer Gleichberechtigung lebt – oder realistisch leben kann –, entscheidet sich eher für Familie.

Väter am Rand

Spätestens in der Schwangerschaft wird deutlich, dass die Versorgungsstrukturen immer noch stark auf Mütter fokussiert sind. Geburtsvorbereitungskurse, medizinische Betreuung und betriebliche Regelungen beziehen Väter, wenn überhaupt nur am Rande ein. Zwar sind heute rund 90 Prozent der Väter bei der Geburt dabei, doch ihre Rolle bleibt oft passiv. Vorbereitung auf eigene Verantwortlichkeit, auf emotionale Belastungen oder auf die Kommunikation im Kreißsaal? Fehlanzeige.

Kompetent, aber strukturell gebremst

Entwicklungspsychologisch ist die Lage eindeutig: Väter verfügen von Anfang an über vergleichbare Kompetenzen in Bindung, Pflege und Interaktion. Die Forschung zeigt, dass Säuglinge mehrere tragfähige Bindungen entwickeln können – und dass die Qualität der Beziehung entscheidend ist, nicht das Geschlecht.

Dennoch bleibt die Praxis traditionell: Mütter reduzieren ihre Erwerbsarbeit, Väter arbeiten überwiegend weiter in Vollzeit. Viele fühlen sich im Wochenbett und im ersten Lebensjahr nicht ausreichend informiert, nicht gezielt angesprochen und institutionell kaum unterstützt.

Was sich ändern muss

Die Projektgruppe formuliert klare Forderungen: eine verbindliche Vaterschaftsfreistellung, reformierte und partnerschaftlich ausgestaltete Elternzeitmodelle, flexible Arbeitsstrukturen sowie eine stärkere Einbindung von Vätern in Gesundheitswesen, Frühen Hilfen und Familienberatung. Ebenso notwendig ist ein kultureller Wandel – weg vom Bild des „helfenden“ Vaters hin zu einem gleichwertig verantwortlichen Elternteil.

Auch die Fachpraxis ist gefragt: Hebammenausbildung, psychosoziale Berufe und familienbezogene Dienste sollen in die Lage versetzt werden, väterliche Kompetenzen systematisch zu berücksichtigen. Und nicht zuletzt braucht es mehr Forschung, um Bedarfe präziser zu erfassen und politische Maßnahmen evidenzbasiert zu gestalten.

1000 Tage mit Langzeitwirkung

Die ersten 1000 Tage sind kein Randthema, sondern eine gesellschaftliche Schlüsselphase. Hier entscheidet sich, ob partnerschaftliche Elternschaft gelingt – oder ob alte Muster fortgeschrieben werden. Die Botschaft der Projektgruppe: Väter sind bereit. Jetzt müssen Strukturen folgen.

Termin bitte vormerken

Am Donnerstag, den 23. April werden die Empfehlungen der Projektgruppe im Rahmen eines Meet & Speak des Bundesforums Männeröffentlich präsentiert und aus der Perspektive der Frühen Hilfe und der Entwicklungspsychologie kommentiert. Der Zoom findet von 16 bis 17:30 Uhr statt.

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