… was Väter können, was sie fürs Vatersein noch benötigen
und was sie gemeinsam lernen können
Diese Fragen werden beim ersten VäterSummit in NRW am 26.
August in Essen thematisiert. Am Vormittag wird Teresa Bücker, Journalistin und
Autorin des Buchs ‚Alle Zeit‘ unter der Überschrift ‚Ist es radikal, wenn Väter
sich mehr Zeit für die Familie nehmen?‘ ihre Gedanken und Vorschläge zu dem
Thema formulieren. Eingerahmt wird ihr Beitrag durch Impulse ‚aus dem
Väter-Leben‘ mit Comedian Florian Hacke. Moderiert wird der Väter von Sascha
Verlan, Mitinitiator des ‚Equal Care Days‘
Inhaltlich geht es dann nach der Mittagspause mit einem
BarCamp weiter. Die Väter können ihre Anliegen vorbringen und in zwei Runden
gemeinsam mit anderen Vätern bearbeiten. Unterstützt werden sie dabei unter
anderem Heiner Fischer (www.vaterwelten.de),
Hans-Georg Nelles (www.lag-vaeterarbeit.nrw)
und Sascha Verlan.
Für die Kinder gibt es den ganzen Tag spannende Spiel und
Bastelangebote.
Der #VaeterSummitNRW wird von der LAG Väterarbeit NRW gemeinsam mit den Gleichstellungsstellen in Bonn, Dortmund, Essen und Münster veranstaltet und richtet sich an Väter mit ihren Kindern sowie an Väterarbeit interessierte Fachkräfte. Weitere Informationen und eine Anmeldemöglichkeit zur Veranstaltung am 26. August finden Sie hier.
Vom 16. Mai bis zum 14. Juni zeigte die LAG Väterarbeit NRW
in der Zentralbibliothek in Düsseldorf Schwarz-Weiß-Fotografien von Vätern und
ihren Kindern. Martin Moog, Fotograf aus Frankfurt, der seit knapp 20 Jahren
als ‚Tagesvater‘ arbeitet, hat Väter mit ihren Kindern und Männer, die in
verschiedenen Situationen für Kinder Verantwortung übernommen haben,
porträtiert. Seine Fotografien zeichnen ein Bild davon, wie ‚engagierte
Vaterschaft‘ aussehen kann und welche Zufriedenheit Männer und Kinder in dieser
Zweisamkeit ausstrahlen.
Das Selbstverständnis von Vätern sowie die Zuschreibungen
und Erwartungen an sie sind seit Jahrzehnten im Wandel. Väter wollen gute Väter
sein, von Anfang an für ihre Kinder da sein, ihre Entwicklung aktiv begleiten,
es besser machen als ihre eigenen, vielfach abwesenden Väter.
Im Alltag fällt es ihnen, auch aufgrund von unpassenden Rahmenbedingungen, schwer,
diese Vorstellungen zu leben. Die Bilder sind auch eine Ermutigung, diese
Wünsche nicht vorschnell aufzugeben.
Konfrontiert und ergänzt wurden die Fotografien mit Aussagen
von Vätern sowie Zahlen und Fakten zu den vielfältigen Lebenswirklichkeiten von
Vätern in NRW.
Eröffnet wurde die Ausstellung am Dienstag, den 16. Mai mit einer Lesung von Tillmann Prüfer, Autor des Buchs ‚Vatersein, Warum wir mehr denn je neue Väter brauchen‘ und der Zeit Kolumne ‚Prüfers Töchter‘ Im Gespräch mit dem Vorsitzenden der LAG-Väterarbeit, Hans-Georg Nelles hat er unter anderem die Geschichte der existierenden ‚Väterbilder‘ skizziert und dargelegt, dass es nur eine Person auf der Welt gibt, die einem Mann beibringen kann, wie gutes Vatersein geht: … das eigene Kind.
Zuvor hatte Norbert Kamp, Leiter der Bibliotheken in Düsseldorf,
in seinem Grußwort auf die Aktualität und gesellschaftliche Bedeutung des ‚Väterthemas‘
hingewiesen und Martin Moog etwas zur Idee und Entstehungsgeschichte der Fotografien
erzählt. Der Ort der Ausstellung, der ‚Freiraum‘ befindet sich im
Eingangsbereich der Zentralbibliothek gegenüber der Düsseldorfer Hauptbahnhofs.
Pro Monat hat die Bücherei etwa 100.000 Besucher.
Zum Abschluss der Ausstellung gab es am 12. Juni eine Finissage mit Fabian Soethof. „Väter können das auch!“, der Titel des Buchs von Fabian Soethof ist eine klare Ansage. Es ist wirklich Zeit, Familie gleichberechtigt zu leben. Die Fragen und Zweifel, die in dem Zusammenhang auftauchen drehen sich eher um das Wollen und Dürfen. Das wurde auch bei dem Talk und im Gespräch mit den Zuhörenden deutlich
Väter und Mütter wollen raus aus den traditionellen Mustern,
Erwartungen und Klischeefallen, das Vater- und Elternsein anders gestalten als
die eigenen Eltern. Das ist eine große Chance, aber auch eine Herausforderung,
die nicht nur aus unpassenden strukturellen Rahmenbedingungen besteht.
Fabian Soethof begleitet seine Leser:innen bei den
anstrengenden und verunsichernden Prozessen, Gewohntes in Frage zu stellen und
eigene Vorstellungen von Mann- und Vatersein auf den Prüfstand zu stellen.
Gleichzeitig inspiriert und ermutigt er Väter und Mütter, miteinander neue Wege
zu gehen.
Als die drei wichtigsten Punkte auf dem Weg zu mehr
Gleichberechtigung benannte er:
Privilegien,
patriarchale Strukturen, Rollenbilder und Ungerechtigkeiten erkennen: Nur
wer weiß, wie vergleichsweise gut er oder sie es hat, kann dafür sorgen,
dass es anderen auch mal besser geht.
Es
gibt kein Wissens-, sondern ein Handlungsdefizit: Fast alles, was in
meinem Buch steht, ist seit Jahren bekannt. Theoretisch steht
Gleichberechtigung also nichts mehr im Wege – praktisch unter anderem das,
was ich auf die erste Frage hin antwortete.
Das
Private ist politisch (und umgekehrt): Nur wer Gleichberechtigung
selbstverständlich in der Familie und von dort hinaus vorlebt, kann zu
einem Rollenwandel beitragen. Und nur, wer von Politik und Wirtschaft
dabei hinreichend unterstützt wird, kann sein Privatleben ändern.
Da es während der Ausstellung schon Fragen danach gab: die Ausstellung kann ausgeliehen und an anderen Orten gezeigt werden. Nachfragen können Sie gerne an die LAG-Väterarbeit stellen, die Ihr Vorhaben in NRW gerne unterstützt.
… und liegt der Redaktion des ARD Hauptstadtstudios ‚exklusiv‘ vor. Das meldet der Sender gestern Nachmittag und titelt mit der Überschrift „Gesetzentwurf Sonderurlaub nach Geburt des Kindes“ Bundesfamilienministerin Lisa Paus wolle mit dem „Familienstartzeitgesetz“ eine gerechtere Verteilung der Kinderbetreuung und Hausarbeit stärken. Der Partner oder die Partnerin der entbindenden Person soll künftig zwei Wochen nach der Geburt bezahlt freigestellt werden. Finanziert werden soll die Freistellung durch eine Umlage analog zur Mutterschaftsfreistellung sechs Wochen vor und acht nach der Geburt. Über die Höhe der Lohnersatzleistung wird in dem Beitrag nichts gesagt.
Bereits im Dezember 2021 habe ich in einem Interview
Stellung zu den ‚kritischen‘ Punkten dieses Vorhabens, dass nach EU Recht auch
in Deutschland schon längst gängige Praxis sein müsste, Stellung bezogen.
Wo könnte es Herausforderungen oder Stolpersteine bei der
Umsetzung geben?
… Eine Herausforderung ist sicherlich die Finanzierung. Wenn
diese jedoch analog zum Mutterschaftsgeld organisiert, also in einem
Umlageverfahren durch alle Arbeitgebenden finanziert wird, sehe ich an dieser
Stelle keine großen finanziellen Belastungen auf die durch Corona strapazierte
Staatskasse und einzelne Arbeitgebende zukommen.
Zufriedene Väter sind ein Gewinn für jeden Betrieb und die Kompetenzen, die sie
durch ihr Engagement in Familie erwerben, gleichen die Kosten für die Umlage
sehr schnell wieder aus.
Sind zwei Wochen bezahlter Urlaub für das zweite
Elternteil genug, um eine Bindung zum Neugeborenen aufzubauen?
Die zwei Wochen bezahlte Freistellung sind meines Erachtens
kein ‚Urlaub‘ im landläufigen Sinn. Sie ermöglichen einen niedrigschwelligen
Einstieg ins Vatersein, nach der Geburt hat jeder neuer Vater die Möglichkeit,
seine Partnerin in der Zeit des Wochenbetts zu unterstützen und eine Beziehung
zu seinem Kind aufzubauen. Für eine sichere Bindung sind zwei Wochen eine zu
kurze Zeit, aber es geht um einen guten Einstieg und die gesellschaftliche
Zuschreibung ‚Mann du kannst ein guter Vater sein und du bist bedeutsam für die
Entwicklung deines Kindes‘.
Wie viele Elterngeldmonate für Paare würden Sie sich
wünschen? Wie viel bezahlte Freistellung beider Elternteile ist Ihrer Meinung
nach nötig?
Bislang gibt es ja 14 Elterngeldmonate, die nach dem Muster
12 plus 2 konstruiert sind und durch Regelungen wie ‚Elterngeld-Plus Monate‘
und dem ‚Partnerschaftsbonus‘ auf bis zu 28 bezahlte Monate Elternzeit ausgedehnt
werden können. Die Regelungen sind kompliziert, auch wenn in der Corona Zeit
schon einiges vereinfacht worden ist.
Ich würde mir wünschen, dass es für Väter und Mütter jeweils
8 reservierte Elterngeldmonate gibt und dass es weitere 8 bezahlte Monate gibt,
die flexibel bis zum Schuleintritt des Kindes eingesetzt werden können. Damit
würde ein klares Signal dafür gesetzt, dass Väter und Mütter gleichermaßen für
ihre Kinder verantwortlich sind und die damit verbundenen Aufgaben und Arbeiten
von Anfang an partnerschaftlich aufgeteilt werden können.
Die weiteren acht Monate bieten den Eltern dann die
Möglichkeit sich nach Bedarf und flexibel Zeit für die Kinder zu nehmen, wenn
sie gebraucht wird. Neben dem Geld spielt die Zeit, die Väter und Mütter
einsetzen können eine große Rolle.
Dazu kommt noch die Infrastruktur, also zum Beispiel die qualitativ
hochwertigen Kinderbetreuungsangebote, die in ausreichender Zahl und mit
passenden Öffnungszeiten wohnungsnah zur Verfügung stehen.
Gibt es etwas anders, was Sie sich hinsichtlich der
Elternzeit-/Elterngeldregelung wünschen würden?
Ja, ich wünsche mir, dass das Engagement von Vätern für ihre
Familie und insbesondere für ihre Beteiligung an der Erziehung ihrer Kinder
nicht als ‚Ergänzung‘ oder ‚Unterstützung‘ der Leistungen der Mütter betrachtet
werden sondern als genauso notwendig wie selbstverständlich. Und zwar von
Anfang an und nicht nach dem Motto ‚krabbeln lerne ich bei Mama, laufen dann
bei Papa‘.
Damit das Wirklichkeit werden kann, braucht es, quasi als notwendige
Bedingung, gute gesetzliche Regelungen zu Elterngeld und Elternzeit, aber auch
passende strukturelle Rahmenbedingungen wie Arbeitszeitregelungen und
Kinderbetreuungsangebote.
Damit es hinreicht, sind aber auch Haltungen erforderlich,
die Vätern von Anfang an, also schon lange vor der Geburt, Kompetenzen
zuschreiben und ihnen von Geburt an Möglichkeiten geben, diese zu erwerben und
weiterzuentwickeln.
In diesem komplexen Gebilde sind die zwei Wochen Vaterschaftsfreistellung ein ganz wichtiger Baustein.
… Die Tatsache, dass die Mutter ihrem Kind am Anfang seines
Lebens körperlich näher ist als der Vater, vermindert dessen Fähigkeiten bei
der Betreuung und Versorgung seiner Kinder nicht. In Stresssituationen gilt der
‚hinreichend gute‘ Vater nach der Mutter als wichtigste Bindungsperson für das
Kind und gibt dem Kind ebenfalls das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit.
Die Bindungssicherheit, die Kinder an ihre Väter entwickelt
haben. Ist recht stabil. Eine Längsschnittstudie an 112 Vätern und ihren
Kindern, die im Alter von 13 Monaten und 3 Jahren untersucht worden waren,
zeigte nicht nur eine hohe Stabilität über diesen Zeitraum, sondern auch, dass
die Bindungssicherheit der Kinder mit einer langfristigen Zunahme der
väterlichen Feinfühligkeit verbunden war – sicher Kinder sind also eine gute
Entwicklungschance für Väter!
Inge Seiffge-Krenke, Väter, Männer und kindliche Entwicklung, Mainz 2015, S.15
In dieser Studie aus dem Jahr 2010 untersuchten Penny
Sorensena und Neil J. Coopera, wie 14 Großväter, die in einem ländlichen Gebiet
im Osten Englands leben, ihr Großvatersein und -werden verstehen. Mit den
Großvätern wurden locker strukturierte Interviews geführt, um ihnen die
Möglichkeit zu geben, über die Themen zu sprechen, die sie für wichtig hielten.
Mit Hilfe der ‚Grounded-Theory‘ wurde die Großvaterschaft in den
Lebensgeschichten der Teilnehmer verortet, wobei drei Hauptelemente im
Vordergrund standen: das Mann-Werden, die Aufrechterhaltung der Männlichkeit
während der Vaterschaft und die potenzielle Neupositionierung der Männlichkeit als
Großvater. Diese Studie zeigt, dass die Großvaterschaft vor allem eine
individuelle Erfahrung ist.
Zu Beginn der Studie stellen die Autor*innen die bisherige
Forschungslage dar. Großelternschaft hat ihrer Auffassung nach in der Forschung
einige Aufmerksamkeit erregt, aber ältere Menschen in Familien wurden
tendenziell stereotypisiert oder übersehen und bei der Untersuchung von Großeltern
bedeutet der Begriff „Großeltern“ meist „Großmutter. Ältere Männer erden als
unsichtbare Männer beschrieben, die in der Forschung häufig vernachlässigt
werden.
Die frühe Forschung zur Großelternschaft verknüpfte die
Großmutterschaft mit geschlechtsspezifischen Betreuungsaufgaben und
positionierte Großväter als Randfiguren. Eine Studie über Familien in East
London aus dem Jahr 1957 lieferte einige der ersten Erkenntnisse über die
Beziehungen zwischen Rentnern und ihren Kindern, zeigte aber insbesondere die Bedeutung
der Mutter-Tochter-Beziehung auf, insbesondere den gegenseitigen Austausch bei
häuslichen und pflegerischen Tätigkeiten.
Mit dem Wandel der Familienstrukturen und dem Eintritt von
mehr Frauen in den Beruf wird der potenzielle Wert von Großeltern in der
britischen Politik zunehmend anerkannt. Dementsprechend hat die Forschung zur
Großelternschaft zugenommen, wobei anerkannt wird, dass sie routinemäßige
Unterstützung bei der Kinderbetreuung und Hilfe in Krisenzeiten, z. B. bei
Beziehungsabbrüchen, leisten.
In dem politischen Diskurs wird nach wie vor davon
ausgegangen, dass Großmütter oder geschlechtsneutrale „Großeltern“ an
der Familienbetreuung beteiligt sind. Diese Position wird von der
zeitgenössischen Forschung geteilt, die an den traditionellen Erwartungen an
Frauen als „Angehörigenpflegerinnen“ festhält, die für die
Aufrechterhaltung von Familienbeziehungen über den gesamten Lebensverlauf
hinweg von zentraler Bedeutung sind.
Es wird davon ausgegangen, dass diese Identitätsnorm das Engagement von
Großmüttern für ihre Enkelkinder fördert. Im Gegensatz dazu war für viele
Männer, die Großväter sind, die Arbeit die Grundlage ihrer Identität, und
männliche Berufe schlossen Betreuungsarbeit aus, insbesondere für die Generation,
die in den 1950er und 1960er Jahren ins Berufsleben eintrat. Ohne Erfahrung in
der Pflegearbeit können ältere Männer in der Familienforschung ins Abseits
geraten.
In einer US-amerikanischen Arbeit über Großelternschaft
wurden 1964 fünf verschiedene Stile der Großelternschaft entwickelt: formell; spaßsuchend;
Reservoir der Familienweisheit; distanzierte Figur; und Elternersatz. Die „formelle“
Rolle wurde von etwa einem Drittel der Großväter und Großmütter eingenommen,
die sich an das hielten, was sie als „richtige“ Bindung ansahen, während
sie eine Trennung zwischen Elternschaft und Großelternschaft aufrechterhielten.
Die Rolle des Vergnügungsträgers, die als Freizeitbeschäftigung und Quelle des
Selbstgenusses charakterisiert wird, wurde von 24 % der Großväter und 29 % der
Großmütter eingenommen. Die Rolle des Reservoirs der Familienweisheit wurde von
6 % der Großväter und 1 % der Großmütter eingenommen. Die Rolle der
distanzierten Figur, die wenig soziales oder emotionales Engagement für die
Enkelkinder beinhaltet, wurde von 29 % der Großväter gegenüber 19 % der
Großmütter angegeben. Während 14 % der Großmütter eine elterliche
Betreuungsrolle übernahmen, waren keine Großväter in dieser Funktion zu finden.
20 Jahre später fanden weitere Studien heraus, dass
Großmütter sich stärker engagierten, wenn die Enkelkinder noch klein waren,
während das Engagement der Männer mit zunehmendem Alter der Kinder zunahm. Und,
dass Großväter den Wunsch nach einer kontinuierlichen Beziehung zu ihren
Enkelkindern haben und ein starkes emotionales Engagement zeigen. Großväter
üben ihre Großelternschaft auf individuelle Weise aus und vermischen ihre
Rollen oft.
Sich für die Familie einzusetzen und zu ihrem Wohlergehen beizutragen, kann auch
als generative Tätigkeit betrachtet werden. Männer und Frauen können nach
Abschluss der Erziehung der eigenen Kinder Aspekte ihrer selbst, die sie
verdrängt haben, zurückgewinnen. Insbesondere Männer, die für die elterliche
Rolle als Ernährer und Verteidiger der Familie ihre fürsorglichen Züge aufgegeben
haben, können nach dem Wegfall der elterlichen Verantwortung diese
Eigenschaften zurückgewinnen und beginnen, „Sinnlichkeit, Zugehörigkeit und
mütterliche Tendenzen“ zu zeigen.
„Als Mann hatte man nicht wirklich viel mit seinen
Kindern zu tun, man musste es auch nicht. Das hat nur deine Frau gemacht. Es
war nicht so wie heute, wo alles aufgeteilt werden muss und jeder zuerst
darüber spricht und all das. Die Kinder waren ihr Ding.“
Als Ergebnis der 14 Interviews halten die Autor*innen fest,
dass die Gespräche über die Großvaterschaft mit denen über die Kindheit und die
Vaterschaft einhergingen. Die eigenen Kindheitserfahrungen beeinflusste die Art
von Vätern, die die Männer wurden, und diese wiederum beeinflusste die Art von
Großvätern, die sie wurden.
Der historische Kontext, Zweite Weltkrieg und Wehrdienst, prägte die
Karrierewege vieler Männer, aber auch die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung
in den Familien machte sie zu Ernährern. Die Erwerbsarbeit war ein zentrales
Element ihrer männlichen und väterlichen Identitäten. Als Ernährer beschrieben
sie, dass sie durch die Geburt von Kindern länger arbeiten mussten, was
bedeutete, dass sie weniger Zeit mit ihren Kindern verbringen konnten. Die
Vaterschaft wurde zwar als positiv beschrieben, sie hatten aber nicht so viel
mit den Kindern zu tun, da die Mutter die zentrale Familienfigur war.
Die Mehrheit der Männer betrachtete die Großvaterschaft als
eine Gelegenheit, neue und enge Beziehungen zu den Kindern in der Familie
aufzubauen. Der Verwandtschaft spielte dabei keine Rolle, es wurden keine
Unterschiede zwischen Stiefenkeln und leiblichen Enkeln gemacht. Diese Männer
waren nicht die in der 1980er Jahren beschriebenen „distanzierten
Großvaterfiguren“. Vielmehr waren sie aktive Mitgestalter von Beziehungen, und
diese Rolle war von zentraler Bedeutung für ihre Selbstidentität.
Enkelkinder, insbesondere Enkel, ermöglichten den Männern einen Zugang zur
Emotionalität und schufen eine Nähe, die sie mit ihren Kindern nur selten
erlebt hatten. Während väterliche Identitäten sozial und historisch konstruiert
sind und entsprechende Vorstellungen davon haben, wie „gute Vaterschaft“
ausgeübt wird, scheint Großvaterschaft stärker individualisiert zu sein. Großvaterschaft
bietet einen „Spielraum“ bei der Schaffung neuer männlicher Identitäten
innerhalb der Familie.
Diese Studie zeigt die Bedeutung des Vaters als Versorger im
Leben von Männern, die jetzt Großväter sind. Sorensena und Coopera halten es
für wahrscheinlich, dass die heutigen Väter, die sich mit der Erwartung des
engagierten Vaters auseinandersetzen, die Großvaterschaft anders umsetzen und
erleben als ihre Väter. Die Teilnehmer dieser Studie beschrieben, dass sie als
Väter ein Leben am Rande ihrer Familien führten, was es ihnen erschwerte, aktiv
an den Alltagserfahrungen ihrer Kinder teilzuhaben. Als Großväter waren diese
Männer im Leben ihrer Enkelkinder präsent und nahmen diese Rolle mit
Begeisterung an. Im Gegenzug beeinflussten die Enkelkinder das Leben der
Männer, indem sie eine Quelle demonstrativer Emotionalität einbrachten, die
ihnen in ihrer Erfahrung als Väter fehlte.
In der dritten Ausgabe der monatlichen Webinar-Reihe begrüßt
das Team von „Following Young Father’s Further“ Dr. Aniela Wenham und Judith
Cork, um ihre Forschungen mit jungen Müttern zu diskutieren.
„Es geht nicht darum, ein Teenager zu sein, es geht um die
Mutterschaft.“ Das „Problem“ der jungen Mutterschaft neu formulieren.
Judith Cork (Koordinatorin des Programms für junge Eltern,
Romsey Mill) ist seit mehr als 20 Jahren in der Jugendarbeit tätig und arbeitet
seit 2009 in Romsey Mill, insbesondere mit jungen Eltern. Romsey Mill arbeitet
sowohl mit jungen Müttern als auch mit jungen Vätern und bietet ein breites
Spektrum an Unterstützung in Einzel- und Gruppensettings. Romsey Mill ist auch
vom Cambridgeshire County Council beauftragt, die Unterstützung für junge
Eltern in der gesamten Grafschaft zu koordinieren. Inspiriert durch ihre
Unterstützungsarbeit führte Judiths Wunsch, Veränderungen für Familien auf
systemischer oder gesellschaftlicher Ebene herbeizuführen, dazu, dass sie ein
Teilzeitstudium der Gemeindepsychologie an der Universität Brighton
absolvierte.
Die Präsentation gibt Einblicke in ein Forschungsprojekt, das
untersucht, wie junge Mütter in der heutigen englischen Gesellschaft
konstruiert sind. Mithilfe der kreativen Methode des Photovoice wurden von
ehemaligen jungen Müttern aufgenommene Fotos mit Bildunterschriften erstellt,
die in Online-Fokusgruppen mit Hebammen und jungen Müttern diskutiert und
anschließend in einer öffentlichen Online-Ausstellung mit einer begleitenden
qualitativen Umfrage gezeigt wurden.
Die Ergebnisse der Studie stellen negative Stereotypen über junge Mütter in Frage, und in dieser Präsentation wird argumentiert, dass defizitorientierte Diskurse über „problematische“ junge Mütter durch einen neuen Diskurs ersetzt werden sollten, der junge Mütter als Mütter identifiziert, die eher Empathie und Verständnis als Kritik und Sanktionen verdienen.
Am 20.
Februar 2023 haben das Following Young Fathers Further-Team und die North East
Young Dads and Lads (NEDYL) das „Think Dad! Vorgestellt. Das
Toolkit wurde gemeinsam mit jungen Vätern entwickelt und richtet sich an
Fachkräfte und Dienste, die ihre Arbeit mit jungen Vätern (bis 25 Jahre)
verbessern wollen.
Dieses interaktive Toolkit enthält Ressourcen, Aktivitäten
und Ratschläge, wie Sie väterintegrative Ansätze in der Praxis anwenden können,
die sowohl Müttern und Kindern als auch Vätern zugute kommen. Das Toolkit
stellt die Stimmen und Erfahrungen junger Väter in den Vordergrund und bietet
darüber hinaus Anleitungen für eine bessere Unterstützung von Vätern im
Allgemeinen.
Dieses Toolkit wurde von North East Young Dads and Lads mit
Unterstützung des Forschungsteams Following Young Fathers Further der
Universität Lincoln entwickelt. Dem Co-Creation-Team gehörten die jungen Väter
und Peer-Forscher Robert Oughton und Jordan Richardson von North East Young
Dads and Lads an, die sich beide für die Verbesserung der Elternschaft und der
Unterstützungserfahrungen junger Männer engagieren, die in jungen Jahren Eltern
werden.
NEYDL ist ein einzigartiger Jugendhilfedienst, der jungen Männern und jungen Vätern helfen will, eine aktive und sinnvolle Rolle im Leben ihrer Kinder, in der Familie und in der Gesellschaft zu spielen. Das Projekt „Following Young Fathers Further“ (FYFF), das vom UKRI Future Leaders Fellowship Scheme finanziert wird, ist eine vierjährige qualitative Längsschnittstudie an der Universität Lincoln, die den Erziehungsverlauf und den Unterstützungsbedarf junger Väter (unter 25 Jahren) untersucht.
… dass bekommen jugendliche Väter eher selten zu hören. Eine Vaterschaft in ihrem Alter wird als riskant und unverantwortlich betrachtet. Ohne abgeschlossene Ausbildung und vielfach in prekären Lebensverhältnissen Vater zu werden gehört sich nicht. Wenn schon Sex, dann bitte mit Verhütung.
Jugendliche Väter werden beschämt und ihre Vaterschaft wird
problematisiert, gesellschaftlich anerkannte positive Bilder existieren nicht. Das
war und ist die Ausgangslage des Verbundprojekts ‚… jugendliche Väter im Blick‘.
Die Projekte in Osnabrück, Rheydt und Düsseldorf machen jungen Männern
niedrigschwellige Angebote und tragen dazu bei, dass die jungen Väter
von
bestehenden Hilfsangeboten erreicht werden und ihre Ressourcen für ihre Kinder
einsetzen können. Gleichzeitig wird eine gesellschaftliche Debatte zur Bedeutung
jugendlicher Väter angestoßen
Bei dieser Fachtagung werden die beiden Keynote
Speakerinnen, Dr. Kim Bräuer und Prof. Anna Tarrant zunächst ihre aus
wissenschaftlicher Perspektive und praktischen Erfahrungen mit jugendlichen
Vätern gespeiste Expertise vortragen.
In den vier Workshops am Nachmittag haben die Teilnehmenden die Möglichkeit, sich mit den in verschiedenen Projekten gemachten Erfahrungen insbesondere mit dem Blick auf die Zugänge zu und die Erreichbarkeit von jungen Vätern auseinanderzusetzen und neue Ansätze kennenzulernen.
Niudad.ch will Männer auf ihre neue Rolle als Vater
vorbereiten.
Vatercrashkurse, Tests und Checklisten – die neue Plattform
Niudad.ch soll werdenden Vätern dabei helfen, sich auf ihre neue Rolle
vorzubereiten. Wie der Dachverband der Schweizer Männer- und
Vaterorganisationen Männer.ch in einer Mitteilung schreibt, starte der
Schweizer Durchschnittsmann bislang mit wenig Wissen, Vorbildern und Vernetzung
ins Abenteuer Vaterschaft– so auch Metin (36). .
‚Für werdende Väter gibt es kaum Angebote und Ressourcen‘
Er wurde letztes Jahr Vater von Zwillingen. ‚Die ersten
Wochen waren sehr anspruchsvoll.‘ Vor der Geburt seiner Söhne habe er sich
nicht vorstellen können, was es brauche, um ein engagierter Vater zu sein, und was
man bei der Kindererziehung alles beachten müsse. ‚Für werdende Väter gibt es
kaum Angebote und Ressourcen. Alles, was ich damals gefunden habe, war zu
Finanzen und Versicherungen, nicht zum Vatersein selbst.‘ Wie er sagt, wusste
er während der Schwangerschaft seiner Partnerin nicht, wohin mit seinen Fragen.
‚Ich habe in meinem näheren Umfeld nicht viele Freundinnen und Freunde, die
Eltern sind.‘ Einige Informationen habe er sich online zusammengesucht.
‚Viele haben Mühe damit, über ihre Ängste und Fragen zu
sprechen‘
‚Es ist heute immer noch so, dass sich Frauen viel stärker
aufs Elternsein vorbereiten als Männer‘, sagt Thomas Neumeyer, Leiter
Kommunikation von Männer.ch. Regelmäßige Arztbesuche und Beratungen der
werdenden Mutter seien Gründe dafür. Zudem sei ein Großteil der zur Verfügung
stehenden Literatur zu Kind und Geburt auf Frauen ausgerichtet.
Jungen Männern fehle es hingegen oftmals an Gelegenheiten,
sich über die zukünftige Rolle auszutauschen. ‚Auch haben viele Männer Mühe
damit, über ihre Ängste und Fragen zu sprechen.‘ Diese würden vielfach einfach
totgeschwiegen. ‚Das muss sich ändern.‘
Mit der Plattform Niudad.ch wollen Neumeyer und sein Team
deshalb den Austausch unter neuen Vätern aktiv fördern und ihnen in Kursen und
Beratungen die Möglichkeit geben, von den Erfahrungen anderer zu
profitieren.
Studie der TU Braunschweig und FH Kiel gibt Einblicke in
Selbstbild und Selbstverständnis von Vätern
Wie nehmen Väter sich selbst und ihre Familie wahr? Haben
sie Probleme, Vaterschaft und Berufstätigkeit zu vereinbaren? Wie sieht es mit
der Geschlechtergerechtigkeit und der Arbeitsorganisation im Familienalltag
aus? Diese und andere Fragen untersuchten Sozialwissenschafter*innen der
Technischen Universität Braunschweig und der Fachhochschule Kiel in ihrer
Studie „VAPRO – You don’t need to be
Superheroes“.
(c) Kim Bräuer
Die Rolle von Vätern ist in den vergangenen Jahren immer
mehr in den gesellschaftlichen Fokus gerückt. Debatten wie
#dazuhatpapanichtszusagen, Diskussionen um einen 14-tägigen Vaterschutz und
nicht zuletzt die Erweiterung der Elternzeit um zwei Vätermonate spiegeln diese
Entwicklung wider. „Trotz der vermehrten Diskussion um die Rolle von Vätern ist
diese seit einigen Jahren nicht mehr umfassend wissenschaftlich untersucht
worden. Diese Lücke wollten wir mit unserer Studie schließen“, erklärt Projektleiterin Dr. Kim Bräuer von der TU Braunschweig.
Im Rahmen der VAPRO-Studie befragte das Team um Bräuer und Prof. Dr. Kai
Marquardsen von der Fachhochschule Kiel 2.200 Väter online und führten 55
qualitative Interviews. Dabei berücksichtigten sie neben rechtlichen und
biologischen Vätern auch Pflegeväter, Väter in Co-Parenting-Konstellationen und
homosexuelle Väterpaare. Außerdem wurden nicht nur die Männer selbst befragt,
sondern auch die (Eigen-)Darstellung von Vaterschaft in sozialen Medien
analysiert.
Das Bild vom Vater, der mit seinem Einkommen die Familie
ernährt und mit den Kindern höchstens am Wochenende spielt, ist passé.
Tatsächlich ist es Vätern heute vor allem wichtig, ihre Kinder „empathisch und
verständnisvoll“ zu erziehen. Das ist eines der zentralen Ergebnisse der
VAPRO-Studie. Das Ideal des emotionalen Vaters ist weit verbreitet. So ist es
fast 60 Prozent der Väter am wichtigsten, dass sie ihrem Kind bzw. ihren
Kindern Zuneigung zeigen. Der Trend zu vermehrter aktiver Vaterschaft sei klar
erkennbar, so die Wissenschaftler*innen. Dabei engagieren sich die Väter am
häufigsten in der Kinderbetreuung, indem sie zum Beispiel mit den Kindern
spielen. Deutlich seltener übernehmen die Väter aktive Erziehungsmaßnahmen.
Das Bild vom Vater als Ernährer dominiert nicht mehr
Ein Großteil der befragten Väter hat sich von dem Bild des
Vaters als Ernährer gelöst. Nur rund 12 Prozent von ihnen halten es für ihre
wichtigste Aufgabe, der Familie finanzielle Sicherheit zu bieten. „Die von uns
befragten Väter haben angegeben, dass ihnen monetäre Werte nicht so wichtig
seien, wie soziale oder emotionale Werte“, erklärt Prof. Dr. Kai Marquardsen.
In diesem Zusammenhang kritisierten viele der Interviewten ihre eigenen Väter
unter anderem als „zu bestimmend“, als „abwesend“ und „mit der Arbeit zu
beschäftigt“. Sie nutzen ihre Väter als „negatives Vorbild“ und betonen, dass
sie selbst als Vater bewusst anders handeln würden.
Dennoch sind fast 85 Prozent der Väter wöchentlich 40
Stunden oder mehr erwerbstätig, während fast drei Viertel der anderen
Elternteile nicht oder maximal 30 Stunden in der Woche arbeiten. Trotzdem nimmt
fast jeder zweite Vater an, dass er sich genauso viel um familiäre
Angelegenheiten der Kinderbetreuung kümmert, wie der andere Elternteil.
Lediglich jeder zehnte Vater übernimmt die meisten Aufgaben der Familienarbeit.
Dies sind vor allem Väter, die ihre Erwerbstätigkeit beendet oder deren Umfang
reduziert haben, um mehr Zeit für ihre Familie und die Versorgung der Kinder zu
haben.
Viele Väter, auch das ist eine Erkenntnis der Studie, geben
an, ihren eigenen Vorstellungen guter Vaterschaft nicht gerecht zu werden.
„Hier zeigen sich Parallelen zur Mutter als Allrounderin, die im Job
erfolgreich sein muss und gleichzeitig liebevoll die Kinder und ihre Verwandten
umsorgt“, erklärt Kim Bräuer. „Der Trend geht also weg von der ‚klassischen‘
Rollentrennung hin zu einem ‚Alle-erfüllen-alle-Rollen‘ und dieses möglichst
perfekt. Dabei erleben die Väter nicht nur einen Work-Family-Konflikt. Es
scheint auch darum zu gehen, sich in ihrem Freundeskreis, in Vereinen oder bei
der Versorgung der Eltern einzubringen und ihren Kindern auf diese Weise
soziale Werte vorzuleben,“ so Bräuer.
Väter bloggen nicht über Armut
Im Rahmen ihrer Studie haben die Sozialwissenschaftler*innen
die Instagram-Accounts von sieben sehr populären Väterbloggern und deren Bild
von Vaterschaft analysiert. Hier herrscht das Ideal des zumeist weißen, aktiven
Vaters. Vaterschaft in Armut oder Vatersein mit Migrationserfahrung würden
hingegen kaum thematisiert, erklärt Prof. Marquardsen. „Das lässt sich damit
erklären, dass Armut mit Scham behaftet ist und Väter in Armutslagen sich –
auch virtuell – nicht offenbaren wollen. Väter, deren Leben von einem geringen
Einkommen geprägt ist oder die auf Leistungen vom Staat angewiesen sind, finden
unter Väterbloggern also niemanden in ähnlicher Lebenslage.“ Auch unter
#ichbinarmutsbetroffen fanden die Wissenschaftler*innen nur wenige Berichte von
Vätern in Armutslagen.
Es sei schwierig gewesen, für Interviews Kontakt zu
Betroffenen herzustellen, da diese in besonderer Weise unter dem Druck
gesellschaftlicher Normalitätsvorstellungen stünden, erklärt der Kieler
Sozialwissenschaftler: „Selbstverständlich finden wir auch unter Vätern in
Armutslagen eine Vielfalt im Erleben von Vaterschaft. Aber im Unterschied zu
anderen Vätern ist für sie vor allem die materielle Versorgung der Familie
wichtigeres Thema. In unseren Interviews wurde deutlich, dass für sie
insbesondere Herausforderungen auf materieller Ebene eine Rolle spielen, die
bei Vätern in gesicherten Verhältnissen kein Thema waren “, so Marquardsen. „Insgesamt
besteht bezüglich des Erlebens von Vaterschaft von Vätern in Armut aber weiter
dringender Forschungsbedarf. Nicht zuletzt wissen wir noch zu wenig darüber,
welche kurz- und längerfristigen Einflüsse gesellschaftliche Krisenereignisse
wie Corona oder eine steigende Inflation auf die Praxis gelebter Vaterschaft in
verschiedenen Milieus haben.“
Handlungsempfehlungen für die Praxis
Ziel des Projekts war es auch, Handlungsempfehlungen für
Arbeitgeber*innen, Koordinator*innen von Väternetzwerken und politische
Akteur*innen zu entwickeln, um die Lebenslagen von Vätern sichtbarer zu machen
und ihre Situation und die ihrer Familien nachhaltig zu verbessern.
Väterarbeit, so die Empfehlung der Forschenden, solle sich verstärkt auf deren
alltägliches Handeln beziehen. Es gehe weniger darum, ein neues Bild von
Vaterschaft zu vermitteln, als die Väter stärker in alltägliche Aufgaben
einzubinden, erklärt Bräuer: „Es wäre denkbar, Väter aktiv als Elternsprecher
anzufragen, Väterschwimmkurse anzubieten oder sie aktiv zum Beispiel in
Elternchats anzusprechen.“ Unterstützung wünschen sich die
Wissenschaftler*innen außerdem durch entsprechende familienpolitische Reformen.
„Das würde es vielen Vätern leichter machen, spezielle Angebote der
Arbeitgeber*innen auch tatsächlich anzunehmen.“
Studiendesign
Die VAPRO Studie hatte eine Laufzeit von zweieinhalb Jahren
und wurde von der Stabstelle für Chancengleichheit der TU Braunschweig und dem
Braunschweiger Zentrum für Gender Studies finanziert. Die Forscher*innen
wählten einen Methoden-Mix und werteten 55 qualitative Interviews, eine
Online-Umfrage mit bundesweit 2.200 Teilnehmern und sieben Instagram-Accounts
von Väterbloggern aus.