Fotografien von Martin Moog mit Texten und Impulsen zur
Vielfalt von Vätern in NRW
Das Selbstverständnis von Vätern sowie die Zuschreibungen
und Erwartungen an sie sind seit Jahrzehnten im Wandel. Väter wollen gute Väter
sein, von Anfang an für ihre Kinder da sein, ihre Entwicklung aktiv begleiten,
es besser machen als ihre eigenen, vielfach abwesenden Väter.
Im Alltag fällt es ihnen, auch aufgrund von unpassenden Rahmenbedingungen, schwer,
diese Vorstellungen zu leben.
Martin Moog, Fotograf aus Frankfurt, der seit knapp 20
Jahren als ‚Tagesvater‘ arbeitet, hat Väter mit ihren Kindern und Männer, die
in verschiedenen Situationen für Kinder Verantwortung übernommen haben,
porträtiert. Seine Fotografien zeichnen ein Bild davon, wie ‚engagierte
Vaterschaft‘ aussehen kann und welche Zufriedenheit Männer und Kinder in dieser
Zweisamkeit ausstrahlen.
Konfrontiert und ergänzt werden die Fotografien mit Wünschen
von Vätern sowie Zahlen und Fakten zu den vielfältigen Lebenswirklichkeiten von
Vätern in NRW.
Ausstellungseröffnung
Dienstag, 16. Mai, 19 Uhr
Tillmann Prüfer, Autor des Buchs ‚Vatersein, Warum wir mehr
denn je neue Väter brauchen‘ und der Zeit Kolumne ‚Prüfers Töchter‘ wird im
Gespräch mit dem Vorsitzenden der LAG-Väterarbeit darlegen, warum Feminismus
eine große Chance für Väter ist, auch ihr Schweigen zu brechen und aus dem
aktuellen Buch lesen.
Ausstellungszeitraum
Dienstag, 16. Mai bis Mittwoch, 14. Juni, Freiraum im KAP1
Eine Ausstellung der Landesarbeitsgemeinschaft Väterarbeit in NRW im Rahmen der ‚Tage der Familie‘ des Ministeriums für Kinder, Jugendliche, Familie, Gleichstellung, Flucht und Integration des Landes NRW.
„Großeltern im Blick- Gedanken zur Rolle von Großvätern im
Familiensystem“
… lautete der Titel des Werkstattgesprächs der LAG Väterarbeit am 16. März. Jürgen Haas, Referent beim Institut Kirche und Gesellschaft
in Villigst, ist dabei unter anderem auf folgende Fragen eingegangen:
Welche Veränderungen hat es in den letzten
Jahrzehnten gegeben?
Wovon ist eine gute
Großeltern-Enkelkind-Beziehung abhängig und
welche Herausforderungen ergeben sich?
Welche Beziehung haben wir selbst zu unseren
Großeltern und
welche Erinnerungen sind damit verknüpft?
„Großeltern sind für Enkelkinder wichtig“, zu diesem und
anderen interessanten Ergebnissen kommt eine Studie des Deutschen
Jugendinstituts, die der Referent zitierte. Vorab schilderte er seine
persönlichen Erfahrungen mit dem Großvater werden und wie diese Erfahrung auch
die Arbeit mit Vätern beeinflusst hat.
Nie zuvor hat es eine Generation von Kindern gegeben, denen
der Zugang zu den leiblichen und sozialen Großeltern in dem derzeitigen
zeitlichen Umfang möglich war. Von einem guten Kontakt profitieren beide –
Enkelkinder und deren Großeltern.
Neben den leiblichen Großeltern gibt es oft auch Nenn-Omas bzw. Opas, ältere Menschen
in der Nachbarschaft, die das Aufwachsen der Kinder begleiten, in der
Anonymität der Großstädte und aufgrund großer Entfernungen zur eigenen
Herkunftsfamilie inzwischen auch ‚Leih-Omas bzw. Opas‘.
Die Bedeutung der Großeltern, die in aktuellen Studien
vielfach auf die Betreuungsfrage ‚reduziert wird‘ ist vielschichtig und
komplementär zu den Erziehungsaufgaben der Eltern: Sie sind Beziehungspersonen,
Entwicklungshelfer, Vermittler von Werten und Ritualen, in der Erziehenden
Rolle und unterstützen ihre Kinder und Enkelkinder auf vielfältige Weise.
Insbesondere Jugendliche schätzen an ihren Großeltern, dass diese Zeit haben
ihnen zuzuhören.
Dass Großeltern eine derartige Bedeutung erlangt haben, ist
nicht zuletzt auch der Verlängerung der Lebenserwartung zu verdanken:
Vor 100 Jahren hatten 80% aller 20jährigen eine
Mutter
Heute haben 90% aller 20jährigen eine Großmutter
und
20% aller Großeltern werden auch Urgroßeltern
Das liegt auch daran, dass 36% bei der Geburt ihres ersten
Enkelkindes noch keine 50 Jahre alt sind, 45% sind im Alter zwischen 50 und 60
Jahren.
Angesichts von zahleichen Trennungen und Scheidungen ging es
auch um die Frage, ob Großeltern ein eigenes Umgangsrecht haben. Dies ist im
BGB § 1685 ‚Umgang des Kindes mit anderen Bezugspersonen‘ geregelt: „(1)
Großeltern und Geschwister haben ein Recht auf Umgang mit dem Kind, wenn dieser
dem Wohl des Kindes dient.“
Im Streitfall müssen die Großeltern begründen, dass ihr Umgang dem Wohl des
Kindes dient und im Konfliktfall wiegt das Erziehungsrecht der Eltern schwerer
als das Umgangsrecht der Großeltern.
Auch in der Väterarbeit sind aktive Großväter eine Ressource. Sie können Enkelkinder bei Vater-Kind-Angeboten begleiten, wenn der Vater, aus welchen Gründen auch immer, nicht zur Verfügung steht. Und Großväter sind selbstverständlich auch eine eigene Zielgruppe von Väterarbeit, wie z.B. das Wochenendseminar ‚Gemeinsam unterwegs‘ der Männerarbeit der Vater-Kind-Agentur der evangelischen Kirche.
„Es wird deutlich, dass sich in der aktuellen Krisensituation die Prioritäten und Möglichkeiten der Politik verändern.“ In dieser ‚Krise‘ hat die Familienministerin Lisa Paus einen Familienbarometer in Auftrag gegeben um die Stimmungslage und die Aussichten für die geplanten familienpolitischen Vorhaben priorisieren zu können. Dass was Väter und Mütter am meisten bedrückt bzw. unter Druck setzt wird konsequenterweise an die erste Stelle gesetzt: „Eine gute finanzielle Absicherung aller Kinder ist wichtiger denn je, und auch die Bedeutung einer qualitativ hochwertigen und verlässlichen Kinderbetreuung rückt noch mehr an die Spitze aktueller familienpolitischer Bedarfe.“
Kindergrundsicherung, bedarfsgerechter Kitaausbau und der
Ganztag in der Grundschule sind die dringendsten Vorhaben. Bei den anderen,
schon in diversen Koalitionsverträgen und zuletzt im 9. Familienbericht benannten
Vorhaben, wie die Weiterentwicklung des Elterngeldes und vor allem aber die
rechtlichen Bestimmungen zu Unterhalt und Sorgerecht nach Trennung und Scheidung,
wird es darauf ankommen, „die Familienorientierung in vielen Bereichen der
Gesellschaft zu stärken, um Entwicklungen im Familienleben wirkungsvoll und
konstruktiv zu begleiten.“
In Zeiten knapper Kassen kommt es auch darauf an, Maßnahmen mit großer Wirkung in die Wege zu leiten. In der Pressemitteilung zur Veröffentlichung des Familienbarometers wird Lisa Paus auch mit folgender Aussage zitiert: „Nach der Geburt des ersten Kindes stellen Eltern zentrale Weichen bei der Aufgabenteilung zwischen Familie und Beruf. Die Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit aber ist dabei in vielen Familien groß. Mit einer Elternstartzeit schaffen wir nun auch einen Schutz- und Schonraum für die erste intensive Phase mit einem neugeborenen Kind, stärken den familiären Zusammenhalt und setzen einen wichtigen Impuls für partnerschaftliche Aufgabenteilung in Familien.“
Aus der Partner- bzw. Vaterschaftsfreistellung wird eine ‚Elternstartzeit‘,
was aus dem ‚Impuls langfristig wachsen soll ist im Barometer zu lesen: „Wenn
aktive Väter den Spielraum für Mütter vergrößern, eine Erwerbstätigkeit
aufzunehmen beziehungsweise auszubauen, werden Erwerbstätigkeit und -umfänge
von Müttern weiter zunehmen.“
Das Familienpolitik auch Antworten auf den Fachkräftemangel liefern kann, zumal
solche, die den Wünschen von Müttern und Vätern entsprechen, ist selbstverständlich.
Aktive Vaterschaft in ‚He for She‘ Manier auf eine ‚Variable‘ zur Steigerung
der Erwerbstätigkeit von Müttern zu reduzieren, ist weniger als zu kurz
gesprungen.
Die erste Zeit nach der Geburt eines Kindes ist für Väter
und Mütter zentral, um eine enge Bindung zum Kind aufzubauen und die Weichen
für eine partnerschaftliche Aufteilung von Erwerbs und Sorgearbeit zu stellen. Die
im Familienbarometer an dieser Stelle formulierten Relativierungen ‚ganz zentral‘,
‚auch wichtige‘ und ‚für die spätere partnerschaftliche Aufteilung von
Sorgearbeit‘ sind nichts anderes als eine Verstärkung traditioneller Rollen-
und Bindungsmuster.
Die Vaterschaftsfreistellung, die Erhöhung der Partnermonate und vor allem eine Anpassung des Elterngeldes an die tatsächlichen Bedarfe setzen „noch stärkere Anreize für eine partnerschaftliche Aufgabenteilung“. Diese können dann auch zum Anlass genommen werden, Väter, Mütter und Arbeitgebende über die Ansprüche von Eltern, sich mehr Zeit für ihre Kinder nehmen, indem sie Elterngeld beziehen, zu informieren.
Am 8. März 2006 wurde der Preis ‚Spitzenvater des Jahres zum
ersten Mal verliehen. Die Verleihung stieß auf heftige Kritik, warum bekommen
Väter einen Preis für etwas, was eigentlich selbstverständlich ist und von
Müttern täglich geleistet wird. Der Begriff des #MentalLoad war damals noch
nicht so gebräuchlich.
Das die Motive der Initiatorin des Preises, Frau Ulrike Detmers, aber 17 Jahre später immer noch aktuell sind, macht die Aktion des @Fatherhood Institute aus London deutlich. Es würdigte am Weltfrauentag die Arbeit von sechs Väterforscherinnen und veröffentlichte ihre Antworten auf die Frage „: Warum ist es für Sie, für Frauen und für die Gesellschaft wichtig, Männer als engagierte Väter und Betreuer zu unterstützen?“.
Auch ich teile die Vision von einer Gesellschaft, in
der alle Kinder eine starke und positive Beziehung zu ihrem Vater haben, in der
sowohl Mütter als auch Väter als Erwerbstätige und Betreuungspersonen
unterstützt werden und in der Jungen und Mädchen auf ihre künftige gemeinsame
Rolle bei der Betreuung von Kindern vorbereitet werden.
Die Beteiligung der Väter bringt nicht nur ihren
Kindern viele Vorteile. Auch für die Mütter ist sie von Bedeutung, denn sie
trägt dazu bei, ihre Mutterschaft und ihre Beziehung zu ihrem Baby zu
gestalten, und ermöglicht eine gleichberechtigtere Aufteilung von Betreuung und
Hausarbeit.
Aus diesem Grund ist meine Unterstützung engagierter Vaterschaft ein
Schlüssel zu einer geschlechtergerechten Welt – einer Welt frei von
Vorurteilen, Stereotypen und Diskriminierung.
Gewürdigt wurden Dr. Helen Norman, Dr. Jasmine Kelland, Jane van Zyl, Professorin Tina Miller, Nikki van der Gaag und Dr. Anna Machin, deren Buch „The Life of Dad: The Making of the Modern Father“ auch in Deutschland unter dem Titel „Papa werden, Die Entstehung des modernen Vaters“ erschienen ist. Ihr Antwort lautet:
„Wir wissen, dass Männer biologisch genauso für
die Elternschaft prädestiniert sind wie Frauen, dass sie genauso starke Bindungen
aufbauen wie Mütter, sich aber in einzigartiger und wichtiger Weise von ihnen
unterscheiden, und dass sie eine einzigartige und eigenständige Rolle in der
Entwicklung ihres Kindes spielen. Als
Gesellschaft müssen wir die Väter als die große ungenutzte Taskforce für die
psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen anerkennen: Ihre besondere
Rolle beim Aufbau von Resilienz kann das Risiko von Einsamkeit, geringem
Selbstwertgefühl und Depressionen bei unseren Kindern verringern.“
Der Preis „Spitzenvater des Jahres“ ist übrigens eingestellt worden. In der Stellungnahme von Frau Detmers heißt es dazu: „Auch wegen der stark angestiegenen Energiekosten und erhöhten Rohstoffpreise mussten wir leider als Familienunternehmen kurzfristig diverse Sparmaßnahmen ergreifen. Das hat unter anderem dazu geführt, dass der Gleichstellungspreis Spitzenvater des Jahres ab sofort eingestellt werden musste.“
… Die Tatsache, dass die Mutter ihrem Kind am Anfang seines
Lebens körperlich näher ist als der Vater, vermindert dessen Fähigkeiten bei
der Betreuung und Versorgung seiner Kinder nicht. In Stresssituationen gilt der
‚hinreichend gute‘ Vater nach der Mutter als wichtigste Bindungsperson für das
Kind und gibt dem Kind ebenfalls das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit.
Die Bindungssicherheit, die Kinder an ihre Väter entwickelt
haben. Ist recht stabil. Eine Längsschnittstudie an 112 Vätern und ihren
Kindern, die im Alter von 13 Monaten und 3 Jahren untersucht worden waren,
zeigte nicht nur eine hohe Stabilität über diesen Zeitraum, sondern auch, dass
die Bindungssicherheit der Kinder mit einer langfristigen Zunahme der
väterlichen Feinfühligkeit verbunden war – sicher Kinder sind also eine gute
Entwicklungschance für Väter!
Inge Seiffge-Krenke, Väter, Männer und kindliche Entwicklung, Mainz 2015, S.15
Wenn die Politik das Ziel der Chancengleichheit für Frauen und Männer
am Arbeitsmarkt ernsthaft verfolgen will, sollte sie an der Aufteilung
der Sorge- und Erwerbsarbeit in der kritischen Lebensphase der
Familiengründung ansetzen, empfiehlt das Deutsche Institut für
Wirtschaftsforschung (DIW) in seinem aktuellen Wochenbericht.
Eine vielversprechende Maßnahme wäre, die Partnermonate beim Elterngeld
auszuweiten. Die derzeit zwei Partnermonate (von 14 Monaten Elternzeit
für beide Elternteile insgesamt) wurden 2007 eingeführt und haben dazu
geführt, dass deutlich mehr Väter Elternzeit nehmen als zuvor.
Überwiegend tun sie dies jedoch nur im Umfang des gesetzlichen
Minimums von zwei Monaten, während Mütter überwiegend zwölf Monate
Elternzeit nehmen. Die Partnermonate sollten daher schrittweise erhöht
werden, bis eine Quote von 50 Prozent (sieben von 14 Monaten) erreicht
ist.
Eine andere Möglichkeit, die längere Inanspruchnahme der Elternzeit
von Vätern finanziell zu fördern, wäre eine zeitlich absinkende
Lohnersatzrate beim Elterngeld. Beispielsweise könnten beide Elternteile
für sieben Monate Elterngeld mit einer Lohnersatzrate von 80 Prozent
beziehen, danach würde die Lohnersatzrate auf 50 Prozent gesenkt werden
(für maximal vier Monate). In diesem Modell, das der Sachverständigenrat
des 9. Familienberichts vorgeschlagen hat, wäre das Elterngeld beider
Elternteile insgesamt am höchsten, wenn beide Elternteile eine
siebenmonatige Elternzeit wählen.
Aber auch andere Bereiche des Steuer- und Transfersystems müssten
reformiert werden, um eine gleichmäßigere Aufteilung von Erwerbs- und
Sorgearbeit zwischen Frauen und Männern zu fördern. So gehen vom
Ehegattensplitting – insbesondere in Kombination mit der steuerlichen
Behandlung der Einkünfte aus Minijobs – erwiesenermaßen negative
Erwerbsanreize für verheiratete Frauen aus.
Daher sollte einerseits eine Reform des Ehegattensplittings beispielsweise hin zu einem Realsplitting mit niedrigem Übertragungsbetrag umgesetzt werden. Zusätzlich sollten die Minijobs – bis auf mögliche Ausnahmen für Schüler*innen, Studierende und Rentner*innen – abgeschafft werden. Diese Maßnahmen hätten nicht nur wichtige gleichstellungspolitische Wirkungen, sondern sie wären auch wirksame Mittel, um dem Arbeitskräftemangel entgegen zu treten.
In dieser Studie aus dem Jahr 2010 untersuchten Penny
Sorensena und Neil J. Coopera, wie 14 Großväter, die in einem ländlichen Gebiet
im Osten Englands leben, ihr Großvatersein und -werden verstehen. Mit den
Großvätern wurden locker strukturierte Interviews geführt, um ihnen die
Möglichkeit zu geben, über die Themen zu sprechen, die sie für wichtig hielten.
Mit Hilfe der ‚Grounded-Theory‘ wurde die Großvaterschaft in den
Lebensgeschichten der Teilnehmer verortet, wobei drei Hauptelemente im
Vordergrund standen: das Mann-Werden, die Aufrechterhaltung der Männlichkeit
während der Vaterschaft und die potenzielle Neupositionierung der Männlichkeit als
Großvater. Diese Studie zeigt, dass die Großvaterschaft vor allem eine
individuelle Erfahrung ist.
Zu Beginn der Studie stellen die Autor*innen die bisherige
Forschungslage dar. Großelternschaft hat ihrer Auffassung nach in der Forschung
einige Aufmerksamkeit erregt, aber ältere Menschen in Familien wurden
tendenziell stereotypisiert oder übersehen und bei der Untersuchung von Großeltern
bedeutet der Begriff „Großeltern“ meist „Großmutter. Ältere Männer erden als
unsichtbare Männer beschrieben, die in der Forschung häufig vernachlässigt
werden.
Die frühe Forschung zur Großelternschaft verknüpfte die
Großmutterschaft mit geschlechtsspezifischen Betreuungsaufgaben und
positionierte Großväter als Randfiguren. Eine Studie über Familien in East
London aus dem Jahr 1957 lieferte einige der ersten Erkenntnisse über die
Beziehungen zwischen Rentnern und ihren Kindern, zeigte aber insbesondere die Bedeutung
der Mutter-Tochter-Beziehung auf, insbesondere den gegenseitigen Austausch bei
häuslichen und pflegerischen Tätigkeiten.
Mit dem Wandel der Familienstrukturen und dem Eintritt von
mehr Frauen in den Beruf wird der potenzielle Wert von Großeltern in der
britischen Politik zunehmend anerkannt. Dementsprechend hat die Forschung zur
Großelternschaft zugenommen, wobei anerkannt wird, dass sie routinemäßige
Unterstützung bei der Kinderbetreuung und Hilfe in Krisenzeiten, z. B. bei
Beziehungsabbrüchen, leisten.
In dem politischen Diskurs wird nach wie vor davon
ausgegangen, dass Großmütter oder geschlechtsneutrale „Großeltern“ an
der Familienbetreuung beteiligt sind. Diese Position wird von der
zeitgenössischen Forschung geteilt, die an den traditionellen Erwartungen an
Frauen als „Angehörigenpflegerinnen“ festhält, die für die
Aufrechterhaltung von Familienbeziehungen über den gesamten Lebensverlauf
hinweg von zentraler Bedeutung sind.
Es wird davon ausgegangen, dass diese Identitätsnorm das Engagement von
Großmüttern für ihre Enkelkinder fördert. Im Gegensatz dazu war für viele
Männer, die Großväter sind, die Arbeit die Grundlage ihrer Identität, und
männliche Berufe schlossen Betreuungsarbeit aus, insbesondere für die Generation,
die in den 1950er und 1960er Jahren ins Berufsleben eintrat. Ohne Erfahrung in
der Pflegearbeit können ältere Männer in der Familienforschung ins Abseits
geraten.
In einer US-amerikanischen Arbeit über Großelternschaft
wurden 1964 fünf verschiedene Stile der Großelternschaft entwickelt: formell; spaßsuchend;
Reservoir der Familienweisheit; distanzierte Figur; und Elternersatz. Die „formelle“
Rolle wurde von etwa einem Drittel der Großväter und Großmütter eingenommen,
die sich an das hielten, was sie als „richtige“ Bindung ansahen, während
sie eine Trennung zwischen Elternschaft und Großelternschaft aufrechterhielten.
Die Rolle des Vergnügungsträgers, die als Freizeitbeschäftigung und Quelle des
Selbstgenusses charakterisiert wird, wurde von 24 % der Großväter und 29 % der
Großmütter eingenommen. Die Rolle des Reservoirs der Familienweisheit wurde von
6 % der Großväter und 1 % der Großmütter eingenommen. Die Rolle der
distanzierten Figur, die wenig soziales oder emotionales Engagement für die
Enkelkinder beinhaltet, wurde von 29 % der Großväter gegenüber 19 % der
Großmütter angegeben. Während 14 % der Großmütter eine elterliche
Betreuungsrolle übernahmen, waren keine Großväter in dieser Funktion zu finden.
20 Jahre später fanden weitere Studien heraus, dass
Großmütter sich stärker engagierten, wenn die Enkelkinder noch klein waren,
während das Engagement der Männer mit zunehmendem Alter der Kinder zunahm. Und,
dass Großväter den Wunsch nach einer kontinuierlichen Beziehung zu ihren
Enkelkindern haben und ein starkes emotionales Engagement zeigen. Großväter
üben ihre Großelternschaft auf individuelle Weise aus und vermischen ihre
Rollen oft.
Sich für die Familie einzusetzen und zu ihrem Wohlergehen beizutragen, kann auch
als generative Tätigkeit betrachtet werden. Männer und Frauen können nach
Abschluss der Erziehung der eigenen Kinder Aspekte ihrer selbst, die sie
verdrängt haben, zurückgewinnen. Insbesondere Männer, die für die elterliche
Rolle als Ernährer und Verteidiger der Familie ihre fürsorglichen Züge aufgegeben
haben, können nach dem Wegfall der elterlichen Verantwortung diese
Eigenschaften zurückgewinnen und beginnen, „Sinnlichkeit, Zugehörigkeit und
mütterliche Tendenzen“ zu zeigen.
„Als Mann hatte man nicht wirklich viel mit seinen
Kindern zu tun, man musste es auch nicht. Das hat nur deine Frau gemacht. Es
war nicht so wie heute, wo alles aufgeteilt werden muss und jeder zuerst
darüber spricht und all das. Die Kinder waren ihr Ding.“
Als Ergebnis der 14 Interviews halten die Autor*innen fest,
dass die Gespräche über die Großvaterschaft mit denen über die Kindheit und die
Vaterschaft einhergingen. Die eigenen Kindheitserfahrungen beeinflusste die Art
von Vätern, die die Männer wurden, und diese wiederum beeinflusste die Art von
Großvätern, die sie wurden.
Der historische Kontext, Zweite Weltkrieg und Wehrdienst, prägte die
Karrierewege vieler Männer, aber auch die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung
in den Familien machte sie zu Ernährern. Die Erwerbsarbeit war ein zentrales
Element ihrer männlichen und väterlichen Identitäten. Als Ernährer beschrieben
sie, dass sie durch die Geburt von Kindern länger arbeiten mussten, was
bedeutete, dass sie weniger Zeit mit ihren Kindern verbringen konnten. Die
Vaterschaft wurde zwar als positiv beschrieben, sie hatten aber nicht so viel
mit den Kindern zu tun, da die Mutter die zentrale Familienfigur war.
Die Mehrheit der Männer betrachtete die Großvaterschaft als
eine Gelegenheit, neue und enge Beziehungen zu den Kindern in der Familie
aufzubauen. Der Verwandtschaft spielte dabei keine Rolle, es wurden keine
Unterschiede zwischen Stiefenkeln und leiblichen Enkeln gemacht. Diese Männer
waren nicht die in der 1980er Jahren beschriebenen „distanzierten
Großvaterfiguren“. Vielmehr waren sie aktive Mitgestalter von Beziehungen, und
diese Rolle war von zentraler Bedeutung für ihre Selbstidentität.
Enkelkinder, insbesondere Enkel, ermöglichten den Männern einen Zugang zur
Emotionalität und schufen eine Nähe, die sie mit ihren Kindern nur selten
erlebt hatten. Während väterliche Identitäten sozial und historisch konstruiert
sind und entsprechende Vorstellungen davon haben, wie „gute Vaterschaft“
ausgeübt wird, scheint Großvaterschaft stärker individualisiert zu sein. Großvaterschaft
bietet einen „Spielraum“ bei der Schaffung neuer männlicher Identitäten
innerhalb der Familie.
Diese Studie zeigt die Bedeutung des Vaters als Versorger im
Leben von Männern, die jetzt Großväter sind. Sorensena und Coopera halten es
für wahrscheinlich, dass die heutigen Väter, die sich mit der Erwartung des
engagierten Vaters auseinandersetzen, die Großvaterschaft anders umsetzen und
erleben als ihre Väter. Die Teilnehmer dieser Studie beschrieben, dass sie als
Väter ein Leben am Rande ihrer Familien führten, was es ihnen erschwerte, aktiv
an den Alltagserfahrungen ihrer Kinder teilzuhaben. Als Großväter waren diese
Männer im Leben ihrer Enkelkinder präsent und nahmen diese Rolle mit
Begeisterung an. Im Gegenzug beeinflussten die Enkelkinder das Leben der
Männer, indem sie eine Quelle demonstrativer Emotionalität einbrachten, die
ihnen in ihrer Erfahrung als Väter fehlte.
Veränderungen in der
Enkelbetreuung, das Wohlbefinden von Eltern und das Wohlergehen von Kindern waren
die Kernpunkte der von der Stiftung Ravensburger Verlag angestoßenen Studie,
deren Ergebnisse im Sommer des vergangenen Jahres präsentiert wurden
Oma und Opa gefragt? war die
Ausgangsfrage des zweijährigen Projektes, mit dem sich ein Team aus Familien-
und Bildungsforscherinnen am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW
Berlin) und am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB Wiesbaden und
Berlin) befasst hat.
Für den Zusammenhalt der
Generationenuntereinander hat die Frage, inwiefern Oma und Opa gefragt
sind, eine wichtige Bedeutung: Die Betreuung der Enkel durch die Großeltern
kann zum Zusammenhalt der Enkel- und Großelterngeneration beitragen, aber auch
zum Zusammenhalt der Eltern- und Großelterngeneration.
Im ersten Teil der Studie geht es
um die Frage, wie sich vor dem Hintergrund familienpolitischer Veränderungen
die Betreuung durch Großeltern über die Zeit veränderte. In welchem
Zusammenhang stehen Großelternbetreuung und Kita-Betreuung? In einem zweiten
Studienschwerpunkt wurde die Frage beantwortet, in welchem Zusammenhang eine
Großelternbetreuung und kindliche Entwicklungsmaße sowie elterliche Zufriedenheit
stehen.
Als Ergebnis ihrer Untersuchung halten
die Forscher*innen fest, dass die Betreuung der Enkel durch Großeltern in
Deutschland seit vielen Jahren ein bedeutsamer Bestandteil der
Betreuungswirklichkeit von Kindern zwischen null und zehn Jahren ist. Im Detail
zeigt sich, dass bei Kindern im Krippenalter die Großeltern sowohl am Vor- als auch
Nachmittag eine Bedeutung haben, während es bei älteren Kindern die
Nachmittagsbetreuung ist.
Neben der planmäßigen Unterstützung sind Großeltern auch für die Betreuung in
Notfällen relevant. Ungefähr 60 Prozent aller Großmütter und 40 Prozent aller
Großväter unterstützen im Notfall bei der Betreuung ihrer Enkelkinder.
Zusätzlich betreuen Großeltern im Bedarfsfall. Wird die Großelternabfrage nicht
auf eine regelmäßige Betreuung beschränkt, sondern umfasst auch eine Betreuung
„nach Bedarf“, gibt rund die Hälfte aller Eltern von unter Dreijährigen und
etwa 55 Prozent der Eltern von Kindern zwischen drei und sechs Jahren, die noch
die Kita besuchen, an, dass die Großeltern normalerweise eine
Kinderbetreuungsfunktion übernehmen.
Wenn Großeltern bei der
Kinderbetreuung mitwirken, kann man bei Müttern zwei Effekte beobachten: Sie
sind zufriedener mit der Kinderbetreuung und mit ihrer eigenen Freizeit. Ihre
Zufriedenheit mit der Kinderbetreuungssituation steigt um 14 Prozent an. Dieser
Effekt geht auf Eltern mit Kindern im Kindergartenalter zurück – für diejenigen
mit Grundschulkindern ist er nicht festzustellen.
Bei den Vätern sind die Effekte
auf die Zufriedenheit im statistischen Sinne nicht so stabil. Die Zufriedenheit
der Väter mit der Kinderbetreuungssituation steigt um 21 Prozent, wenn ihre
Kinder von den Großeltern betreut werden. Die Kinderbetreuung durch die Großeltern
senkt jedoch die Zufriedenheit der Väter mit ihrer Karriere um 7 Prozent.
Die Effekte der Betreuung der Großeltern
auf die Kinder entspricht nicht denen, die einer Kita mit einer hohen Qualität
zugesprochen werden. Dies wird damit erklärt, dass Kinder in Kitas mit Gleichaltrigen
agieren, die Kita einen expliziten Bildungsauftrag hat und dort pädagogische
Fachkräfte beschäftigt sind.
„Der Befund, dass wir kaum Effekte im Mittel aller Kinder messen können, zeigt
aber auch, dass eine Großelternbetreuung nicht zu einer größeren
Entwicklungsauffälligkeit von Kindern oder Ähnlichem beiträgt. Vielmehr kann
vermutet werden, dass diese gemeinsame Zeit mit den Großeltern Wirkungen zeigt,
die eher mittel- bis langfristiger Natur sind.“
In ihren Schlussfolgerungen für
die zukünftige Kinderbetreuungspolitik, beschreibt die Studie auch in den
kommenden Jahren einen großen Bedarf, dass Familien auf diese
„Betreuungsressourcen“ zurückzugreifen. Für Familien, deren Großeltern nicht mehr
leben oder zu weit weg wohnen, müssten diese Ungleichheiten im Zugang und der
Verfügbarkeit von intergenerationalen Unterstützungsleistungen durch
ehrenamtliche und professionelle „Großelterndienste“ begegnet werden.
Großelternbetreuung ist, so ein
weiteres Ergebnis, in den letzten Jahren trotz Kita-Ausbau weitgehend konstant
geblieben, sie ist eine wichtige Komponente im Leben von jungen Familien und
hilft den Eltern. Eltern, die sie nicht nutzen können, wünschen sich in großem
Maß eine stärkere Einbindung von Oma und Opa. Erwerbstätigen Eltern stehen weiterhin
vor großen Herausforderungen – selbst wenn die Kita-Betreuung noch weiter
ausgebaut wird.
Sie sind vor allem auf eine
familienfreundliche Arbeitswelt angewiesen. Eine Arbeitswelt die Möglichkeiten bereit
hält, auf Notfälle und ungeplante Bedarfe reagieren zu können. Eine familienbewusste
Unternehmenskultur ist von großer Bedeutung und wird in Zukunft noch an
Bedeutung zunehmen.
In der dritten Ausgabe der monatlichen Webinar-Reihe begrüßt
das Team von „Following Young Father’s Further“ Dr. Aniela Wenham und Judith
Cork, um ihre Forschungen mit jungen Müttern zu diskutieren.
„Es geht nicht darum, ein Teenager zu sein, es geht um die
Mutterschaft.“ Das „Problem“ der jungen Mutterschaft neu formulieren.
Judith Cork (Koordinatorin des Programms für junge Eltern,
Romsey Mill) ist seit mehr als 20 Jahren in der Jugendarbeit tätig und arbeitet
seit 2009 in Romsey Mill, insbesondere mit jungen Eltern. Romsey Mill arbeitet
sowohl mit jungen Müttern als auch mit jungen Vätern und bietet ein breites
Spektrum an Unterstützung in Einzel- und Gruppensettings. Romsey Mill ist auch
vom Cambridgeshire County Council beauftragt, die Unterstützung für junge
Eltern in der gesamten Grafschaft zu koordinieren. Inspiriert durch ihre
Unterstützungsarbeit führte Judiths Wunsch, Veränderungen für Familien auf
systemischer oder gesellschaftlicher Ebene herbeizuführen, dazu, dass sie ein
Teilzeitstudium der Gemeindepsychologie an der Universität Brighton
absolvierte.
Die Präsentation gibt Einblicke in ein Forschungsprojekt, das
untersucht, wie junge Mütter in der heutigen englischen Gesellschaft
konstruiert sind. Mithilfe der kreativen Methode des Photovoice wurden von
ehemaligen jungen Müttern aufgenommene Fotos mit Bildunterschriften erstellt,
die in Online-Fokusgruppen mit Hebammen und jungen Müttern diskutiert und
anschließend in einer öffentlichen Online-Ausstellung mit einer begleitenden
qualitativen Umfrage gezeigt wurden.
Die Ergebnisse der Studie stellen negative Stereotypen über junge Mütter in Frage, und in dieser Präsentation wird argumentiert, dass defizitorientierte Diskurse über „problematische“ junge Mütter durch einen neuen Diskurs ersetzt werden sollten, der junge Mütter als Mütter identifiziert, die eher Empathie und Verständnis als Kritik und Sanktionen verdienen.
… lautete vor 10 Jahren der Titel eines Manifests,
mit dem sich 23 Wissenschaftler*innen an die Öffentlichkeit gewandt
haben. Sie sahen den Zusammenhalt der Gesellschaft, der über
wechselseitige Sorge gewährleistet wird, gefährdet. „Care in allen
Facetten ist in einer umfassenden Krise. Hierzu gehören unverzichtbare
Tätigkeiten wie Fürsorge, Erziehung, Pflege und Unterstützung, bezahlt
und unbezahlt, in Einrichtungen und in privaten Lebenszusammenhängen,
bezogen auf Gesundheit, Erziehung, Betreuung u.v.m. – kurz: die Sorge
für andere, für das Gemeinwohl und als Basis die Sorge für sich selbst,
Tag für Tag und in den Wechselfällen des Lebens. Care ist Zuwendung und
Mitgefühl ebenso wie Mühe und Last. Gleichwohl ist Care keine
Privatangelegenheit, sondern eine gesellschaftliche Aufgabe. …“
Ihrer Auffassung nach hat sich die Gesellschaft seit den 1970er
Jahren hin zur flexibilisierten und globalisierten Dienstleistungs- und
Wissensgesellschaft verändert. Die Organisation und Zuweisung von
Care-Aufgaben spiegeln jedoch noch ihre historische Entstehung während
der Industrialisierung im 19. Jahrhundert.
Care wurde Frauen zugewiesen, abgewertet als ihre scheinbar
natürliche Aufgabe, unsichtbar gemacht im privaten Raum der Familie oder
unterfinanziert und semi-professionalisiert im sozialen Bereich
organisiert.
Erschwerend komme hinzu, dass die Care-Krise, die von der aktuellen
neoliberalen Politik verschärft wird, immer nur an einzelnen Stellen
aufscheint: wenn Frauen und Männer versuchen, individuell und oft mit
großer Anstrengung, strukturelle gesellschaftliche Probleme zu
bewältigen.
Die Autorinnen des Manifests forderten dazu auf, alternative
Care-Modelle zu entwickeln und gesellschaftlich-politische
Veränderungsprozesse anzustoßen, die sich an umfassenden Vorstellungen
von Gerechtigkeit und einem guten Leben orientieren: „Hierfür müssen
Politik, Unternehmen und Verbände – auch in transnationaler Perspektive –
anfangen, Care-Bedarfe als grundlegende gesellschaftliche Aufgabe im
Zusammenhang wahrzunehmen, statt Einzellösungen zu entwickeln. Denn über
Care wird zwar vielerorts geredet, aber die Diskussionen nehmen bislang
weder disziplinär noch politisch oder normativ aufeinander Bezug.“
Es ging für sie auch darum, „Fürsorglichkeit und Beziehungsarbeit neu
bewerten, unabhängig von traditionellen Geschlechterbildern. Im Zentrum
einer fürsorglichen Praxis steht privat wie professionell die
Beziehungsqualität. Menschen sind aufeinander angewiesen und brauchen
persönliche Beziehungen. Care stiftet damit individuelle Identität und
schafft gemeinschaftlichen Zusammenhalt.“
Ihr Fazit: „Wir brauchen eine neue gesellschaftliche Kultur, in der
die Sorge für sich und andere einen eigenständigen Stellenwert bekommt,
unabhängig davon, ob eigene Kinder oder Eltern zu versorgen sind. Wir
brauchen neue Wege der Bereitstellung, Anerkennung, Aufwertung und
Bezahlung wie auch der gesellschaftlichen Organisation von Care-Arbeit
auf lokaler, nationaler und transnationaler Ebene.“ Das ist vor 10
Jahren formuliert worden.
Morgen, am 1. März ist der ‚Equal Care Day‘. Dieser wird seit 2020
von dem gemeinnützigen Vereins klische*esc e.V. durchgeführt. Der Tag
soll „kein Anlass für Blumen- und Pralinen-Geschenke, sondern eine
Initiative sein, die den Druck kontinuierlich hochhält und dafür sorgt,
dass das Thema ‘Equal Care’ nicht mehr aus der politischen Debatte
verdrängt werden kann.“
Im Rahmen des ersten ‚Equal-Care-Day‘ am 29. Februar 2020 ist ebenfalls ein Manifest entstanden. Dort heißt es unter anderem:
„Wir alle sind in unserem Lebensverlauf auf die fürsorgliche Zuwendung
und Versorgung anderer angewiesen: Das gilt für Neugeborene ebenso wie
für Kinder im Vor- und Grundschulalter, aber auch als junge Erwachsene,
als Berufstätige, bei Krankheit oder Behinderung und schließlich als
ältere Menschen profitieren wir im Alltag immer wieder von der
Care-Arbeit anderer; Gesundheit, Wohlbefinden, Lebensqualität und
gesellschaftliches Miteinander hängen davon ab.
Diese Care-Arbeiten und die Mental Load werden vor allem von Frauen
und Mädchen getragen – unbezahlt oder unterbezahlt. Dadurch bleibt ihnen
weniger, manchmal gar keine Zeit für Erwerbsarbeit, zur Aus- und
Fortbildung, und sie verfügen deshalb über weniger oder kein eigenes
Einkommen. Weltweit übernehmen Frauen täglich mehr als 12 Milliarden
Stunden unbezahlte Sorgearbeit. … Würden diese auch nur mit dem
Mindestlohn bezahlt, würde … das Bruttoinlandsprodukt Deutschlands um
circa ein Drittel höher ausfallen, als in den bisherigen
Gesamtrechnungen ausgewiesen wird. Aber private Care-Arbeit spielt für
diese ökonomische Kennziffer, die als ‚Wohlstandsmaß’ einer Nation gilt,
keine Rolle, dabei ist sie das Fundament jeglichen Wirtschaftens.“
Im weiteren Verlauf des Manifests geht es um die individuelle
Verteilung der Care-Aufgaben, die Beseitigung des ‚Mental Load‘. Die
Bundesregierung wird im letzten Abschnitt aufgefordert, passende
gesetzliche Rahmenbedingungen herzustellen und „sich weltweit für die
ideelle und finanzielle Anerkennung und eine faire Verteilung von
Sorgearbeit stark zu machen.“
Diese Einengung der 2013 manifestierten umfassenden Care-Krise auf
die traditionelle geschlechtsspezifische Arbeitsteilung wird von dem im
Juli 2020 haben gegründeten zivilgesellschaftliche Bündnis „Sorgearbeit fair teilen“ noch weiter zugespitzt.
„Die ökonomischen und sozialen Folgen dieser traditionellen
Arbeitsteilung sind schwerwiegend: Frauen gehen sehr viel häufiger
Teilzeitbeschäftigungen nach und ihre Einkommen sind oft deutlich
niedriger als die von Männern. Die beruflichen Entwicklungsperspektiven
von Frauen sind entsprechend vielfach begrenzt und bei Trennung oder im
Alter sind sie finanziell nicht ausreichend abgesichert. Männern fällt
noch immer überwiegend die Rolle des Familienernährers zu. So fehlt
ihnen neben der Erwerbstätigkeit oftmals die Zeit, Sorge- und Hausarbeit
zu übernehmen. Diese Arbeitsteilung entspricht allerdings nicht mehr
den Lebensvorstellungen vieler heterosexueller Paare. Viele Frauen und
Männer wollen sowohl Sorgearbeit und Sorgeverantwortung übernehmen als
auch den eigenen Lebensunterhalt verdienen können.“
Das Bündnis befindet sich in Trägerschaft des Deutschen Frauenrats
und die Geschäftsstelle wird vom BMFSFJ finanziert. Das Ziel des
Bündnisses ist es, „dass Geschlechterstereotype abgebaut und
Rahmenbedingungen geschaffen werden, die allen Menschen die gleichen
Verwirklichungschancen und die Vereinbarkeit von Sorge- und
Erwerbsarbeit über den gesamten Lebensverlauf hinweg ermöglichen.“
Die Forderungen wie „Ausweitung der individuellen, nicht
übertragbaren Elterngeldmonate auf mindestens vier Monate“ und „10 Tage
Freistellung für Väter bzw. zweite Elternteile rund um die Geburt mit
vollem Lohnersatz“ gehen zwar schon über die im aktuellen
Koalitionsvertrag formulierten Vorhaben hinaus, sind aber allenfalls ein
erster Schritt dahin, „Care-Bedarfe als grundlegende gesellschaftliche
Aufgabe im Zusammenhang wahrzunehmen, statt Einzellösungen zu
entwickeln“, wie es 2013 gefordert wurde.
Die Corona Pandemie hat die Schwächen der Care Systeme schonungslos
offengelegt. Eine gesellschaftliche Kultur die Sorge für sich und andere
einen angemessenen Stellenwert zuweist, ist dennoch nicht in Sicht. Im
Gegenteil, vor dem Hintergrund, der durch den russischen Überfall
provozierten Energiekrise und der Inflation wird zwar einerseits das
Muster männlicher Vollzeittätigkeit als Haupthemmnis identifiziert, das
Väter an mehr Familienarbeit hindert. Andererseits aber kommuniziert,
dass Wirtschaft mehr ‚Bock auf (Erwerbs-) Arbeit‘ braucht und
diejenigen, die Arbeitszeiten reduzieren möchten, mit dem Vorwurf
konfrontiert, ‚Arbeit sei kein Ponyhof‘.
Care macht mehr Leben ins Männerleben. Aber dafür braucht es mehr strukturelle Veränderungen, vor allem auch bei den Arbeitszeiten. Ohne eine Reduzierung der Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich ist eine geschlechtergerechte Aufteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit nicht möglich. Don’t fix the (Wo)Men!