Das Ende der Liebe, die digitale Revolution oder die Verantwortung von Nachrichtenjournalismus – im HörSalon diskutieren regelmäßig Expertinnen und Experten über relevante gesellschaftliche Themen. Am Dienstagabend haben NDR Kultur und die ZEIT-Stiftung wieder geladen – diesmal zum Thema: Väter und Söhne.
Alexander Solloch aus der NDR Kultur Literaturredaktion hat sich darüber mit der Schweizer Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm und dem Schriftsteller und Kinder- und Jugendpsychiater Jakob Hein im Hamburger Bucerius Kunst Forum unterhalten.
Väter in Elternzeit sind heutzutage gang und gäbe; auch Männer wollen sich aktiv an der Kinder-Erziehung beteiligen und nicht mehr nur die Rolle des Ernährers spielen. Mit diesen sogenannten „neuen Vätern“ beschäftigt sich die Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm. Die 68-Jährige diskutierte mit dem um die 20 Jahre jüngeren Jakob Hein – Psychiater, Autor und selbst ein Exemplar der Spezies „neuer Vater“. Kernfrage des Abends: Was macht einen guten Vater aus?
„Ein guter Vater ist jemand, der die Bedürfnisse seines Kindes versteht und wahrnehmen kann, dem es gelingt, diese Bedürfnisse zu erfüllen“, meint Jakob Hein. Für ihn ist es auch essenziell, dass sich Kinder frei entfalten können. Eltern dürfen ihnen nicht ihre eigenen Wünsche und Sehnsüchte überstülpen. Und sie dürfen sie nicht mit einer überängstlichen Erziehung einengen – da sind sich beide Experten einig. So findet Margit Stamm:
„Wie Kinder heute mit Zuneigung, mit Überbehütung, mit Kontrolle überfrachtet werden, ist es eigentlich logisch, dass Kinder Mühe haben, mündig zu werden.“ Ein größeres Zutrauen in die Fähigkeiten der eigenen Kinder und in die eigene Intuition „Das ist so ein gesellschaftlicher impliziter Vertrag, dass man heute nicht mehr intuitiv erziehen kann. Die ganzen Erziehungsratgeber postulieren einen riesigen Druck auf die Eltern. Und für die Eltern ist es ganz schwierig, in diesem Perfektionsdruck nur hinreichend gut zu sein.“
In einem Beitrag für Focus-Online setzt sich Matthias Stiehler, Autor des Buches ‚Vaterlos‘, mit der Rolle und den Aufgaben von Vätern auseinander:
„… Väter wollen nicht mehr nur Versorger sein, sondern aktiv die Beziehung zu ihren Kindern gestalten. Doch mit der Familie verbrachte „Quality time“ ist nicht alles. Und ein Papa muss nicht die bessere Mama sein. Wir brauchen ein geschärftes Bewusstsein über die wichtigen Aufgaben von „Väterlichkeit“.
In unserer Gesellschaft spielt das Thema der sogenannten „aktiven Vaterschaft“ eine zunehmend wichtige Rolle. Väter sollen sich nicht mehr nur als Versorger ihrer Familie verstehen, sondern aktiv die Beziehung zu ihren Kindern gestalten. Und immer mehr Männer wünschen sich das auch. Sie wollen als Väter in der Familie präsent sein. …
Die Rolle des Vaters ist von Beginn an ambivalent: Er entlastet Mutter und Kind vom ausschließlichen gegenseitigen Zugriff. Doch er irritiert die Beziehung auch, er stört sie. Ich warne davor, diese Konstellation als gering oder gar unbedeutend abzutun. Für ein Kleinstkind spiegelt sich hier die Gesamtheit der Welt wider. Die Erfahrungen, die es macht, werden das gesamte Leben weiterwirken. Und wir erkennen an dem Kontrollverhalten, das Mütter gegenüber ihren Partnern bei der Kinderbetreuung oft an den Tag legen, und an den Rückzügen der Männer, wie schwer es ist, die triadifizierende Funktion des Vaters in einer Partnerschaft anzuerkennen und umzusetzen.
Das Prinzip „Väterlichkeit“, das seinen Ursprung in der frühen Sozialisation eines Kindes findet, lässt sich als herausfordernd, störend, befreiend, vorantreibend, begrenzend beschreiben. Es ist damit das Gegenstück zum Prinzip „Mütterlichkeit“, das fürsorglich, bewahrend, versorgend ausgerichtet ist. Doch auch wenn es sich um gegensätzliche Prinzipien handelt, sind sie doch aufeinander bezogen. Ein ausgewogenes Verhältnis zwischen beiden ist erforderlich. Oft genug geht es bei scheinbarer „liebevoller Zugewandtheit“ mehr darum, vom Kind gut gefunden zu werden, als wirklich dem Kind das zu geben, was es braucht. …“
Erich Lehner, Obmann des Dachverbands der Männerarbeit Österreichs (DMÖ), beschreibt in einem Kommentar in ‚Der Standard‘ die Vorteile aktiver Vaterschaft: „Über die Bedeutung des Vaters lässt sich trefflich streiten. Beklagt wird seine Abwesenheit und im Zusammenhang damit der „Vaterhunger“, der als schwerwiegendes Defizit in der Entwicklungsgeschichte Heranwachsender wahrgenommen wird. Seine Wichtigkeit wie sein Mangel werden oft stark an der Bedeutung seiner Männlichkeit festgemacht.
So betonte schon Sigmund Freud die Bedeutung des Vaters ab der ödipalen Phase, wenn das Kind den Geschlechterunterschied zwischen Mutter und Vater erkennen kann. Bis dahin hält er die Beziehung zur Mutter für bedeutsamer. Hinter dieser Sichtweise steckt die Struktur der bürgerlichen Kleinfamilie, die dem Vater die Versorgung der Familie durch außerhäusliche Erwerbstätigkeit und der Mutter die Ernährung, die emotionale Versorgung und den Schutz des Kindes zuschreibt. Auch heute noch ist diese traditionelle Ansicht präsent, wenn es etwa heißt, dass für ein Kind unter drei Jahren die Mutter am wichtigsten ist.
Dagegen sieht die moderne Entwicklungspsychologie das „primäre Dreieck“ als basale Beziehungsstruktur an, in der beide Elternteile und das Kind vom Anfang an miteinander verbunden sind. Damit ist einerseits gesagt, dass ein Neugeborenes von Anfang an nicht nur zur leiblichen Mutter, sondern zu mehreren Personen Beziehung aufnehmen kann. Andererseits hat in diesem Beziehungsdreieck auch jede Teilbeziehung – also Mutter/Kind, Vater/Kind, Mutter/Vater – ihre eigenständige Bedeutung und wirkt sich auf die Entwicklung des Kindes aus. Ein Vater ist wichtig von der Empfängnis an und seine Präsenz hat positive Auswirkung auf die Entwicklung von Kindern. „Umfassendes väterliches Engagement,“ so formuliert der Vaterforscher Wassilios Fthenakis, „wirkt sich insbesondere auf die Entwicklung kindlicher Eigenschaften wie Empathie, soziale Kompetenz, schulische Leistungsfähigkeit und Problembewältigungsfertigkeiten aus“.
Worin besteht nun seine Wirkmächtigkeit? Die von Fthenakis angesprochenen positiven Auswirkungen wurden bei Kindern festgestellt, deren Väter 40 Prozent und mehr der alltäglichen Versorgungsarbeit übernommen haben. Die Bindungsqualität zwischen Vätern und Kinder ist ab einem gewissen qualitativen Niveau durch vermehrte Anwesenheit nicht mehr zu steigern. Was jedoch zur Vertiefung der Beziehung beitragen kann, ist die Involvierung in reproduktive und pflegende Tätigkeiten. Je mehr sich also Väter zu Hause engagieren, desto unterstützender werden sie von ihren Kindern wahrgenommen. …“
„In unserem Haus übernehme ich eine Menge Verantwortung, die frühere Generationen verspottet hätten“, sagt Whit Honea, Mitbegründer von Dads 4 Change. In einer neuen Episode von Home School, The Atlantic’s animierter Serie über Erziehung, erklärt Honea, warum Eltern in einer Kultur, in der veraltete Geschlechterstereotypen „noch sehr lebendig“ sind, ihren Kindern keine Geschlechterrollen vorschreiben sollten.
Die Rolle der Väter hat sich in den vergangenen Jahren gesellschaftlich stark gewandelt: Vom traditionellen Haupternährer einer Familie hin zu einem Mann, der sich intensiv um die Kinder kümmert. Der ‚neue Vater‘ erscheint modern, aktiv, präsent und beteiligt.
Welche Erwartungen werden heutzutage an Väter gestellt?
Wie sehen sie sich selbst?
Welche Chancen und Risiken birgt eine Fokussierung auf den neuen Typus?
In den USA wird der Vatertag traditionell am dritten Sonntag im Juni gefeiert. Giedre Gomes, eine junge Fotografin aus Indiana, will mit ihrer Fotoserie Väter ehren. Sie sind die Helden des Alltags, eigentlich ganz gewöhnliche Menschen – Schwarze und Weiße, Heteros und Schwule – die ihre Zeit mit ihren Kindern verbringen. Sie lassen sich schminken und spielen Fee, sie unternehmen eine Radtour, wechseln Windeln und gehen angeln. Eine beeindruckende Serie, die nicht nur am Vatertag zu Herzen geht.
Nach einer Trennung kann das sogenannte Residenzmodell zur Belastung werden. Kinder, die zu gleichen Teilen bei den Eltern leben, nach dem sogenannten Wechselmodell, geht es psychisch besser.