In
GOOD ENOUGH PARENTS nimmt der Regisseur Domenik Schuster seine eigene
Vaterschaft als Anlass, um sich mit alten Mythen und Erziehungsweisheiten
auseinander zu setzen, die ihn im Leben mit seinen Kindern begleiten.
Denn auf die Frage: „Was brauchen Kinder?“ hat jede Elterngeneration ihre eigenen Antworten gefunden. Welche davon sind es wert, sie zu behalten? Und von welchen müssen wir uns dringend verabschieden? Die Geschichte unserer Glaubenssätze darüber, was Kinder stark macht, ist auch eine Geschichte der Gewalt gegen Kinder. „Du sollst dein Kind nicht verwöhnen!“, „So wird dein Kind doch nie selbstständig!“ und „Man muss ein Baby doch auch mal schreien lassen!“ – diese Sätze sind keine Lappalien.
Die
Bindungstheorie zeigt ganz deutlich, dass Nähe ein Grundbedürfnis unserer
Kinder ist – und der Entzug selbiger gefährlich. Doch genau das passiert immer
noch. Sowohl im Elternhaus – als auch in Einrichtungen, die strukturell nach
aktuellen Studien zum Großteil nicht in der Lage sind, Kinder bedürfnisgerecht
zu betreuen und sich zunehmend auf kognitive Frühforderung fokussieren – schon
bei den jüngsten. Man sagt, es brauche ein Dorf, um ein Kind großzuziehen. Wie
wollen wir dieses Dorf gestalten?
Man sagt, es brauche ein Dorf, um ein Kind großzuziehen. Wie wollen wir dieses Dorf gestalten?
… aber die Last
trugen und tragen die Familien, ist Birk Grüling überzeugt: Wenn die
Betreuung wegbricht, springen die Eltern ein. Das ist erstmal gut und
richtig. Allerdings brauchen sie dafür Unterstützung – Corona-
Krankentage, mehr Kindergeld, etc. Und im Moment wird die Last der
Pandemie ohne Schutz in Schulen und Kita wieder auf die Eltern und
Kinder abgewälzt.
Die Zahlen sehen auf den ersten Blick gut aus, sowohl bei Vätern und
Müttern hat die Carearbeit mit 2,6 bzw. 3,1 Stunden täglich zugenommen.
Bei Familien mit traditioneller Rollenverteilung hat sich weniger
verändert als bei denen, die auch schon vor der Pandemie versucht haben,
Erwerbs- und Familienarbeit partnerschaftlich aufzuteilen.
Corona wirkt auch an dieser Stelle wie ein Brennglas: Es gibt keinen
Rückschritt, sondern eher die Erkenntnis, dass wir auch vorher nicht
weit genug waren. Damit sich dauerhaft etwas verändert ist es notwendig,
dass
Unternehmen und Politik den Wert von Familienarbeit und
Gleichberechtigung erkennen und Kinderbetreuung, Elternzeit und aktive
Vaterschaft fördern
Väter ihre ‚Privilegien‘ als Bezugspersonen dauerhaft verteidigen und ihre Erwerbsarbeitszeiten reduzieren
Eltern laut und unbequem werden und stärker für ihre Rechte kämpfen
Eine der Visionen die in der Dialogrunde formuliert wurde lautet:
‚Familienarbeit aus der Tabuzone holen‘. Was damit gemeint ist erläutert
Holger Strenz, Moderator de Nachmittags: „Im gesellschaftlichen Kontext
gehen wir vom Idealbild der heilen Familie aus, ein Ort von Liebe und
Geborgenheit. Treten Probleme und Herausforderungen auf, werden diese
schnell individualisiert und stehen in Verantwortung der Eltern. … Nicht
zuletzt gehört Familien- und Care-Arbeit nach wie vor zu den
unentgeltlichen Leistungen, die für eine Gesellschaft zwar unabdingbar
sind, aber eben nicht finanziert und entsprechend anerkannt werden.
Nicht zuletzt sehen wir im Umgang mit Familien während der Pandemie,
dass zwar Trostpflaster verabreicht werden, wie einmalige Zahlungen,
aber dass wir viel mehr über Wirtschaft und Finanzen berichten, als dass
die herausfordernde Familien- und Sorgearbeit in den Mittelpunkt
gerückt werden.“
Damit alle anfallenden Aufgaben und Arbeiten in Familie
gleichberechtigt aufgeteilt werden, ist es erforderlich, Männer und
werdende Väter nicht nur als gleichberechtigte Subjekte von Anfang an
einzubeziehen sondern ihnen auch die entsprechenden Kompetenzen
zuzuschreiben. Dieser Prozess beginnt schon bei der frühkindlichen
Bildung:
„Wenn wir {…] etwas ändern wollen, dann müssen wir an individuellen
Einstellungen etwas verändern und bei den frühen Sozialisationsinstanzen
starten. Kinder müssen erleben können, dass Väter im Alltag anwesend
sind und sich ebenso um Kinder kümmern, wie sie ihre bezahlte Arbeit
meistern. So braucht es in allen Lebensbereichen männliche Vorbilder,
die ein gleichberechtigtes Leben ohne Rollenzuschreibungen anstreben
oder bereits realisiert haben. Und hierfür braucht es Männer und Väter
die dies auch leben wollen, also davon überzeugt sind, dass dies für sie
und für die nachfolgende Generation ein guter Weg ist, Gesellschaft zu
gestalten.“ so Strenz.
Damit die Vision Wirklichkeit werden kann, kommt es darauf,
Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, dass Männer nicht mit dem ‚Stempel‘
eines Familienernährers aufwachsen und sich als hauptverantwortlich für
die finanzielle Absicherung der Familie erleben. Jungen und (werdenden)
Vätern brauchen Ermutigung, sich auszuprobieren, den Bereich von
Sorgearbeit zu entdecken und sich auch dort zu engagieren.
Take Aways für Väter (und Mütter)
nehmen sie sich auch in ‚Pandemiezeiten‘ Raum und Zeit für Partnerschaft
tauschen Sie sich regelmäßig über ihre Erwartungen und (Un-)Zufriedenheit aus
thematisieren Sie ihre Familiensituation am Arbeitsplatz
nehmen Sie rechtzeitig Unterstützung und Beratungsangebote in Anspruch
Anregungen für Kita’s und Familienzentren
thematisieren Sie schon in den Familienzentren geschlechtsspezifische Arbeitsteilung
überprüfen sie, welche Haltungen und Vorstellungen in Ihrem Team zu dem Thema vorhanden sind
ermutigen Sie Väter mehr Verantwortung bei der Sorgearbeit zu übernehmen
Hinweise für Gleichstellungsstellen
betrachten Sie Männer und Väter als handelnde Subjekte, die gleichermaßen Gleichberechtigung wollen und auch davon profitieren
weisen Sie bei Ihren Angeboten auf die Bedeutung von Männern und Vätern für die Erreichung der Geschlechtergerechtigkeit hin
unterstützen Sie Männer und Väter dabei, ihre Haltungen zu
hinterfragen und gemeinsam mit ihren Partner:innen neue Modelle
auszuhandeln
Holger, du hast bei der Fachtagung der LAG Väterarbeit in
NRW im November die Dialogrunde und den Workshop im Themenfeld
‚Gleichberechtigung und Beteiligung‘ moderiert. Eine der Visionen die in der Dialogrunde
formuliert wurde lautet: ‚Familienarbeit aus der Tabuzone holen‘. Was ist damit
gemeint?
Im gesellschaftlichen Kontext gehen wir vom Idealbild der
heilen Familie aus, ein Ort von Liebe und Geborgenheit. Treten Probleme und
Herausforderungen auf, werden diese schnell individualisiert und stehen in
Verantwortung der Eltern. Dann gibt es Aussagen wie: „Die Eltern sind
überfordert sie sollen sich doch Hilfe holen.“ Im unternehmerischen Kontext
soll Familienarbeit idealerweise funktionieren und nicht den Arbeitsprozess
stören.
Schlaflose Nächte bei zahnenden Kindern, Erkrankungen, neue
Lebensabschnitte oder auch die Zeit der Pubertät sind jedoch ganz normale
Familienthemen, die in der Regel viel Kraft und elterliche Aufmerksamkeit
benötigen. Konkret geht es darum, dass Kolleginnen nicht ausgegrenzt und
belächelt werden, wenn sie aufgrund von Aufgaben mit und für die Kinder eher
gehen müssen oder die familiären Themen über berufliche Aufgaben stellen.
Ebenso sind Themen wie Allein- bzw. Getrennterziehende oder
Trennung keine, mit denen man im Arbeitsalltag oder auch im Freundeskreis
punkten kann, wenn Familie und Familienarbeit zur besonderen Herausforderung
wird. Unsere Gesellschaft verweist lieber an individuelle
Unterstützungsangebote, als dass strukturelle Veränderungen angedacht und auf
den Weg gebracht werden.
Nicht zuletzt gehört Familien- und Care-Arbeit nach wie vor
zu den unentgeltlichen Leistungen, die für eine Gesellschaft zwar unabdingbar
sind, aber eben nicht finanziert und entsprechend anerkannt werden. Nicht
zuletzt sehen wir im Umgang mit Familien während der Pandemie, dass zwar
Trostpflaster verabreicht werden, wie einmalige Zahlungen, aber dass wir viel
mehr über Wirtschaft und Finanzen berichten, als dass die herausfordernde
Familien- und Sorgearbeit in den Mittelpunkt gerückt werden. Ebenso ist das
Lohngefälle ein Ausdruck dafür, welchen Wert Sorgearbeit in unserer
Gesellschaft hat und wie selbstverständlich sie in diesem Lohngefälle gegenüber
produzierendem Gewerbe gehalten wird.
Warum ist es wichtig, Männer und Väter von Anfang an als
Akteure im Gleichstellungsprozess zu adressieren und einzubeziehen?
Weil Gleichstellung nur im Miteinander und im für einander
Einstehen gelingen kann. Equal Pay und Equal Care sind Aufgaben, die längerfristig
Müttern wie Vätern zugutekommen. Rollenklischees entwickeln sich, sobald wir
auf die Welt kommen und prägen unsere Gesellschaft nachhaltig. Wenn wir daran
etwas ändern wollen, dann müssen wir an individuellen Einstellungen etwas
verändern und bei den frühen Sozialisationsinstanzen starten. Kinder müssen
erleben können, dass Väter im Alltag anwesend sind und sich ebenso um Kinder
kümmern, wie sie ihre bezahlte Arbeit meistern. So braucht es in allen
Lebensbereichen männliche Vorbilder, die ein gleichberechtigtes Leben ohne
Rollenzuschreibungen anstreben oder bereits realisiert haben. Und hierfür
braucht es Männer und Väter die dies auch leben wollen, also davon überzeugt
sind, dass dies für sie und für die nachfolgende Generation ein guter Weg ist,
Gesellschaft zu gestalten. Oft erleben heute Männer Gleichstellung als
Beschneidung von Möglichkeiten, als Zurechtweisen und defizitär. Dabei gilt es
das Augenmerk darauf zu legen, was Männer und Väter von diesem Prozess ganz
individuell und im Zusammenleben mit Frauen und Müttern davon haben.
Welche Vorteile bringt das für Väter und die Beziehung zu
ihren Kindern?
Es bringt Stabilität für die Beziehung, wenn Väter nicht nur
im Spaßbereich erlebt werden, sondern auch zeigen dass sie im Carebereich fit
sind. Viele Väter, die Elternzeit genommen haben, berichten davon, dass sie
später eine gute Beziehung zu ihren Kindern haben. Zum einen ist dies natürlich
in der Begleitung im Aufwachsen der Kinder eine wichtige Ressource. Aber ich
denke zudem ist es eine wichtige Energiequelle für Väter selbst, wenn sie am
Werden ihrer Kinder beteiligt sind und durch Beziehung zu ihnen gestärkt und
getragen werden. Nicht zuletzt verhindert es soziale Isolation, insbesondere in
Krisen & Konfliktsituationen.
Welche Stolpersteine und Widerstände gilt es dabei
unbedingt zu beachten?
Väter sind, wenn es um Familien- und Carearbeit geht, in
einem für sie noch relativ neuen Lebensbereich unterwegs. Es fehlt an
Erfahrungen und Angeboten. Häufig bekommen sie direkt oder durch die Blume
gesagt, dass die Mütter hier die bessere Arbeit leisten. Als Beispiel sei ein
Vater genannt, der in der Familienberatung bei der Umgangsgestaltung danach
gefragt wurde, ob er für seine Kinder sorgen könne. Dieser Vater hatte ein Jahr
Elternzeit genommen. Als er die Frage bejahte, kam die nächste Rückfrage, was
er denn für seine Kinder koche? Diese subtilen Kontrollfragen sind verunsichern
Väter zusätzlich und zeigen ein fehlendes Zutrauen. Väter brauchen jedoch
offene und vertrauensvolle Rahmenbedingungen, um sich noch mehr in den Care-
und Sorgebereich einzubringen.
Wahrscheinlich stehen sich jedoch die Männer im
Gleichstellungsprozess am meisten selbst im Weg, wird das Thema
Gleichberechtigung mit „schwach sein“ verknüpft und innerlich abgewertet. Auf
der anderen Seite braucht es natürlich auch Mütter und Frauen, die
Veränderungen aushalten, insbesondere, wenn sie nicht nach ihren Ideen
umgesetzt werden. Wichtig ist dabei, dass ein Austausch miteinander stattfindet
und mögliche Stolpersteine gemeinsam aus dem Weg geräumt werden können.
Nicht zuletzt ist es Aufgabe der Politik, den
gesellschaftlichen Umdenkprozess zu forcieren und zu unterstützen. Väter und
Männer aktiv hierzu einzuladen und dafür strukturelle Rahmenbedingungen zu
schaffen.
Was sind deiner Meinung nach die ersten drei Schritte auf
dem Weg hin zu einer ‚echten‘ Gleichberechtigung in den Sphären Erwerbs- und
Carearbeit?
Die Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, dass Männer nicht
mit dem Gedanken des Familienernährers aufwachsen, also als hauptverantwortlich
in die Erwerbsarbeit gedrängt werden und dass Vereinbarkeit von Familie und
Beruf aktiv von Unternehmen angesprochen und Vätern Mut gemacht wird, sich
auszuprobieren, den Bereich von Sorgearbeit zu entdecken und sich selbst zu
zeigen.
Themen, wie Vereinbarkeit von Familie und Beruf müssen auf
Männer und Väter direkt zugeschnitten werden, auch wenn es dieselben Inhalte
betrifft. Solange wir in traditionellen Rollenvorstellungen verhaftet sind,
braucht es aktive und manchmal provokative Anstöße zum Umdenken.
Role-Model-Kampagnen können dabei positive Denkanstöße liefern und eine
Vielfalt aufzeigen, die ganz unterschiedliche Väter anspricht.
Frauen in den Vorstandsetagen sind dabei ebenso wichtig, wie
Väter in einer Elternzeit von sieben Monaten und mehr. Die Elternzeit- und
Elterngeldreform 2007 hat gezeigt, dass strukturelle Anreize Veränderungen
wunderbar beschleunigen können. Hier kann Politik entsprechend unterstützend
wirken.
Holger
Strenz ist Vater von 2 Töchtern, Sozialpädagoge, Systemischer Paar- und
Familientherapeut. Er ergründet, untersucht und beforscht das männliche
Geschlecht seit über 25 Jahren und versteht sich als Netzwerker, der mit
Papaseiten.de Väterarbeit in Dresden und in Sachsen einen Weg bahnt. Seit über
15 Jahren geschieht dies innerhalb der Gleichstellungsarbeit. Er ist Mitglied
der Fachgruppe Väter im Bundesforum Männer und im Väterexpertennetz Deutschland
e.V. Aktuell koordiniert er die Kampagne zur Petition „10 Tage
Vaterschaftsfreistellung* zur Geburt“.
Im Interview mit der WELT äußert
sich die neue Familienministerin Anne Spiegel zu ihren Plänen für die kommenden
vier Jahre. Auf der Agenda stehen einige der Punkte, die auch die LAG
Väterarbeit in NRW seit langem anmahnt. Dies sind zum Beispiel die
Vaterschaftsfreistellung, die Weiterentwicklung der Elternzeit und Reformen im
Unterhalts- und Umgangsrecht.
WELT: Um mehr
Partnerschaftlichkeit in der Kindererziehung zu erreichen, plant die
Ampel-Koalition einen Monat mehr Väterzeit in der Elternzeit. Ist das nicht zu
kurz gesprungen?
Spiegel: Es ist zunächst
mal ein überfälliger und guter Schritt nach vorne, dass wir die Partnermonate
um einen Monat erweitern wollen. Man kann jetzt bedauern, dass wir nicht mehr
tun. Ich tendiere zu einer anderen Sicht. Wir haben uns mit dem
Koalitionsvertrag wirklich viel vorgenommen, und ich kann es kaum erwarten,
jetzt loszulegen.
WELT: Überfällig ist auch
die Umsetzung der EU-Richtlinie für einen zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub nach
der Geburt. Warum kommt Deutschland damit so spät?
Spiegel: Das müssen Sie
die Vorgängerregierung fragen. Ich habe mich schon als Landesfamilienministerin
in Rheinland-Pfalz dafür eingesetzt. Die Zeit nach der Geburt ist so
entscheidend und wichtig, dass es selbstverständlich sein sollte, wenn beide
Eltern beim Baby sein können.
WELT: Kinder wachsen in
verschiedenen Familienkonstellationen auf. Vor allem Patchwork- und
Stieffamilien sind auf dem Vormarsch – ohne dass die sozialen Eltern
irgendwelche Rechte haben. Wie wollen Sie das ändern?
Spiegel: Das ist für mich
ein absolutes Herzensthema. Es ist dringend erforderlich, dass wir die
rechtlichen Rahmenbedingungen an die gesellschaftliche Realität anpassen. In
Patchwork-Familien wird oft selbstverständlich Verantwortung füreinander
übernommen. Das muss rechtlich abgesichert werden. Wir brauchen ein kleines
Sorgerecht für „Bonuseltern“, wie ich sie gerne nenne.
Wir müssen auch endlich dafür
sorgen, dass lesbische Mütter, die zusammen ein Kind bekommen, von Anfang an
die rechtliche Anerkennung als Eltern bekommen. Und wenn der biologische Vater
zum Beispiel aus dem Freundeskreis kommt, sollte auch er die Möglichkeit
bekommen, aktiv seine Vaterrolle wahrzunehmen. …
WELT: Auch die bereits
existierenden Familienformen sind schon anfällig für Brüche. Ein Großteil der
Kinder erlebt die Trennung der Eltern – Streit um Unterhalt und Betreuung
inklusive. Was wollen Sie für diese Trennungskinder tun?
Spiegel: Vor allem wollen
wir die Trennungs- und Konfliktberatung verbessern und Eltern dabei helfen, das
für sie richtige Betreuungsmodell zu finden, zum Beispiel das Wechselmodell.
Denn auch nach einer Trennung gibt es viele Möglichkeiten, sich die Betreuung
für die Kinder partnerschaftlich aufzuteilen.
Eine Trennung ist eine
emotionale Ausnahmesituation, da kann es helfen, sich von Profis beraten zu
lassen. Idealerweise einigt man sich danach außergerichtlich auf ein Modell der
Betreuung, das dem Kindeswohl am besten entspricht. Wir wollen
Partnerschaftlichkeit und die geteilte Verantwortung für Erwerbs- und
Sorgearbeit auch in Trennungsfamilien unterstützen.
WELT: Ein solcher
Paradigmenwechsel würde große Reformen erfordern. Lässt sich das in dieser
Legislaturperiode auf die Beine stellen?
Spiegel: Das ist auf
jeden Fall der Plan. Es ist ein sehr komplexes Vorhaben, da vom Umgangsrecht
über Unterhaltsregelungen bis zum Steuer- und Melderecht viele Bereiche
tangiert sind. Aber der Wille ist da. Wir wollen das jetzt anpacken.
Hoffentlich schaffen wir es parallel, die Kinderrechte im Grundgesetz zu
verankern. Das wäre eine gute Grundlage, solche Prozesse im Sinne der Kinder zu
gestalten. …
… Vater Rene Haase bewältigt den Alltag mit seiner großen Patchworkfamilie und hat gerade eine Quarantänezeit überstanden. Gerne möchte er wieder arbeiten und seinen Kindern ein gutes Vorbild sein.
Ein ganz normaler Morgen bei Familie Haase zwischen
Weihnachten und Silvester: „Um sechs Uhr aufgestanden, dann trinke ich erstmal
meinen Kaffee. Geschirrspüler ist schon einmal fertig. Waschmaschine läuft. Wir
müssen jetzt noch Einkäufe erledigen. Mittagessen? – Da habe ich noch keinen
Plan. Dann muss ich noch zum PCR-Test“, schildert der Vater Rene Haase seinen
Start in den Tag.
Jane, Denni, Conner und Aaron sind zwischen acht und zwölf
Jahren alt und fläzen sich noch etwas verschlafen auf dem großen Sofa. Conni
ist bereits erwachsen und hat gerade die zweite Kanne Kaffee gekocht, die
anderen beiden Großen haben heute bei Freunden übernachtet. Normalerweise sei
die Patchworkfamilie zu acht, sagt Vater Haase: „Ich bin gekommen mit vieren,
da ist Conni die jüngste davon. Meine Frau kam mit dreien, da ist Leann die
mittelste. Hier wohnen tun jetzt nur noch Leann, von meiner Frau der Älteste,
der ist jetzt 20, Conni, und die vier gemeinsamen.“
Zwei Wochen Quarantäne
Seine Frau hat die Familie vor knapp zwei Jahren verlassen, seitdem ist der Vater mit den Kindern alleine. Haase ist Mitte 50. Er ist schlank und durchtrainiert, ein Kämpfertyp. Aber jetzt sieht er müde aus. Gerade erst haben alle zwei Wochen Quarantäne hinter sich, weil Denni sich auf einer Klassenfahrt mit Corona infiziert hatte: „Es ist schon anstrengend, die ganze Zeit in der Bude zu hocken“, sagt der Junge. „Wir gucken Fernsehen, aber ich habe dann noch ab und zu mal mit meinen Spielsachen gespielt.“ Weihnachten sei es dann besser geworden, weil vier der Kinder einen Computer bekommen hätten. Ohne PC seien seine Kinder zu Corona-Zeiten in der Schule chancenlos, sagt Haase. Er war früher Lkw-Fahrer und Gerüstbauer. Bis zum Sommer ging er abends, wenn die Kinder im Bett waren, noch putzen, in einem Kindergarten in der Nähe. Dann kam der Schlaganfall. …
Bisherige Ergebnisse der Studie fasste Frau Buschmeyer so zusammen:
Wer vorher mehr Care-Arbeit gemacht hat, macht das meist auch während der Pandemie (mit Ausnahmen)
Für Getrennt- bzw. Alleinerziehende ist die Pandemie dann besonders
herausfordernd, wenn sie kein/wenig Unterstützung durch Ex-Partner*in
oder ein größeres Netzwerk haben
Gefühl der Entschleunigung ist in der zweiten Welle der Verdichtung gewichen
Vorstellungen von Mütterlichkeit und Väterlichkeit beeinflussen die Übernahme von Care-Arbeit oder deren Auslagerung
Väterliches Engagement hat sich in der Corona-Pandemie folgendermaßen entwickelt:
Insgesamt haben (die befragten) Väter einen großen Anteil an der Care-Arbeit übernommen und ihr Engagement in der Krise erhöht
Wo Väter vorher eher abwesend waren à Mehr Engagement möglich
Wo die Väter vorher mit viel Engagement in der Familienarbeit dabei waren à In der Pandemie beibehalten
Je mehr die Väter sich einbringen (möchten) in die Care-Arbeit, desto größer die Zerrissenheit
Je größer das Netzwerk aus Betreuungspersonen, desto einfacher ist die Vereinbarkeit individuell gelöst
Wenn andere den Großteil der Betreuungsarbeit leisten, können Väter durch die neue Flexibilität mehr „unterstützen“
In der zweiten Welle hat das Engagement teilweise wieder abgenommen, die Erwerbsarbeit wird (wieder) zentraler angesehen
Auch wenn es einfacher ist, die Care-Arbeit anderen zu überlassen:
Mehr Engagement von mehr Personen ist für alle eine Erleichterung!
Handlungsempfehlungen, damit das Positive bleibt
Anerkennen, dass Sorgearbeit Arbeit ist und genauso fordert wie Erwerbsarbeit
Dienstreisen und viele Überstunden (Abendtermine) reduzieren (à Positive Aspekte der Digitalisierung nutzen)
Vorteile des Homeoffice auch für Sorgearbeit nutzen (Wäsche wäscht nebenbei, Kinder können schnell abgeholt werden etc.)
Zeit mit der Familie einplanen und gestalten (Regelmäßige gemeinsame Mahlzeiten etc.)
Absprachen unter den Eltern einfordern und beibehalten
(Priorisierung der Erwerbsarbeit vielleicht nicht nur unter finanziellen
Gesichtspunkten)
Freizeittermine (der Kinder) reduzieren
Das Netzwerk möglicher Unterstützer*innen bei der Kinderbetreuung ausbauen
Dies fasst die Aussage eines Studienteilnehmers gut zusammen:
„Na ja, vielleicht reichen drei Abendtermine ja auch und die anderen
zwei Tage setzt du dich mal in den Garten und guckst den Blumen beim
Wachsen zu. Könnte ja so für die eigene Psychohygiene auch mal ganz
hilfreich sein. Also so nochmal zu gucken, was ist eigentlich wirklich
wichtig und was brauche ich eigentlich für mich?“
Vaterschaft ist im Wandel und Rollenbilder ändern sich fortlaufend.
‚Vater sein‘ heute ist anders als ‚Vater sein‘ früher. Nicht nur die
Erwartungen der Väter an ihre Rolle haben sich grundlegend geändert,
auch die gesellschaftlichen Erwartungen sind im Wandel und Elternschaft
intensiviert sich. Das Leitbild der aktiven Väter verbreitet sich immer
stärker.
Auch Corona hat die familiäre Aufgabenteilung verändert und wirkt zugleich wie ein Spiegel und ein Brennglas:
Einerseits hat die Corona-Krise zu einer Retraditionalisierung der
Elternrollen geführt: Mütter übernehmen in der Krise den Großteil der
Betreuungs- und Erziehungsaufgaben. Das haben sie auch schon vor der
Krise getan.
In 20 Prozent der Familien ist die Aufgabenteilung ungleicher
geworden. Mütter bleiben möglicherweise häufiger im Homeoffice und sind
im Unternehmen weniger sichtbar.
Andererseits hat die Corona-Krise auch Chancen geboten, traditionelle
Elternrollen zu überwinden. Die Krise wirkt wie ein Innovationslabor:
Schon jetzt ist in 20 Prozent der Familien die Aufgabenteilung
partnerschaftlicher geworden als vor der Pandemie. Gerade Väter mit
kleinem Einkommen oder niedrigem Bildungsstand verbringen mehr Zeit
mit der Kinderbetreuung.
Es ist wieder Winter, eine Zeit, sich mit Büchern zu beschäftigen, selber zu lesen oder Kindern oder Erwachsenen vorzulesen. Christian Meyn Schwarze sucht seit 20 Jahren den Vater – und nun auch altersbedingt – den Großvater in der Literatur.
Kinderbücherei
Christian Meyn Schwarze wird einen Papa Jungen Vormittag veranstalten mit lesen und Murmelbahn basteln
Einige Bücher macht er ‚lebendig‘ und gestaltet in
Büchereien die sogenannte ‚Papa-Zeit‘ – eine Mischung aus einer Lesung und
einem kleinen Erlebnis – einer Aktion oder einer Bastelei. Papas und Opas
erleben zwei intensive Stunden und dann leihen noch Bücher aus und Papa liest
zuhause vor.
Um den richtigen Vorlesestoff für Papas zu finden, verfasst er die Papa-Lese-Liste. Sie enthält lieferbare Titel, in denen ein Vater oder ein Großvater eine wichtige Rolle spielen. Manchmal auch ein anderer Mann, der für die Entwicklung eines Kindes eine bedeutsam ist.
Und damit Väter auch etwas mit ihren Kindern unternehmen,
gibt es auch eine Reihe von ‚Beschäftigungsbüchern‘ für diejenigen, die noch
Anregungen brauchen.
Damit das ganze jetzt ein bisschen bunter wird, hat er diejenigen Titel, die seit Juni 2021 neu dazu gekommen sind, blau eingefärbt. Und druckfrische Titel des Frühjahrs 2022 sind grün markiert.
„Damit
die Corona-Krise nicht zur familiären Krise wird, hilft nur eines:
reden, reden, reden.“ Das hat David Hanisch, Agenturchef, Vater von zwei
Kindern und Teilnehmer der Paneldiskussion als Resümee geäußert.
Bei der Fachtagung am 16. November ist viel geredet worden. Damit die
Teilnehmenden, aber vor allem diejenigen, die nicht dabei sein konnten,
noch einmal in Ruhe nachhören können, was die zahlreichen Väter in dem
Film ‚Corona#Changes#Families‘
die beiden eingeladenen Expert*innen, Jan Braukmann von der Prognos AG
und Anna Buschmeyer vom Deutschen Jugend Institut, geäußert haben,
veröffentlichen wir die verschiedenen Beiträge auf unserem Youtube Kanal.
Weitere Stellungnahmen von Vätern und Müttern finden Sie hier.
Die Eröffnungsrunde
der Fachtagung: Vorstandsmitglieder der LAG Väterarbeit im Gespräch:
Stephan Buttgereit, Jürgen Haas und Hans-Georg Nelles zu den
Herausforderungen und Erfahrungen in der Arbeit der letzten 20 Monate
‚Engagement von Vätern – Entwicklungen, Bedeutung und Rahmenbedingungen‘ Jan Braukmann von der Prognos AG. Vortrag von Jan Braukmann
bei der Fachtagung ‚Lockdown als Chance? – Weichenstellungen für mehr
väterliches Engagement‘ der LAG Väterarbeit in NRW am 16. November 2021
Corona als Brennglas – Herausforderungen und Empfehlungen für Väterliches Engagement. Vortrag von Anna Buschmeyer
bei der Fachtagung ‚Lockdown als Chance? – Weichenstellungen für mehr
väterliches Engagement‘ der LAG Väterarbeit in NRW am 16. November 2021
Corona Changes Families
– … und auf einmal saßen wir zu Hause. Auswirkungen von Corona auf das
Familienleben und die Aufgabenteilung zwischen Vätern und Müttern.
Panelgespräch mit den beiden Keynotegeber:innen Jan Braukmann und
Anna Buschmeyer sowie David Hanisch, Vater von zwei Kindern, der sich
schon vor Corona mit seiner Frau Erwerbs- und Familienarbeit
partnerschaftlich aufgeteilt hat.
Die Highlights der Fachtagung ‚Lockdown als Chance? – Weichenstellungen für mehr väterliches Engagement‘ am 16. November 2021 in 10 Minuten zusammengefasst.
Hans-Georg Nelles vertritt das Väterexpertennetz Deutschland VEND-eV in der LAG und ist auch deren Vorsitzender.
Ergänzen Sie bitte den Satz ‚Vater werden ist …‘
das spannendste Projekt, auf dass Mann sich einlassen kann und bei
dem alle Beteiligten gemeinsam wachsen, auch wenn sie schon oder irgend
wann einmal Erwachsene sind.
Welche Eigenschaften fallen ihnen beim Wort ‚Vater‘ ein?
… vom Wortstamm her bedeutet Vater ‚nähren, hüten, schützen‘. Das ist
quasi die Beschreibung der traditionellen Vaterrolle. Heute wollen
Väter aber mehr sein als Ernährer der Familie. Sie wollen die
Entwicklung ihrer Kinder von Anfang an aktiv begleiten und eine
Hauptrolle in ihrem Leben einnehmen.
Was sollte Mann beim Vater werden unbedingt beachten?
‚Vater werden ist nicht schwer‘ hat Wilhelm Busch vor über 150 Jahren
gedichtet, aber machen sich Viele die Entscheidung fürs ‚Vater werden‘
nicht leicht. Es gibt Einiges zu beachten und ändern tut sich danach
fast Alles. Aber darauf kann Mann sich vorbereiten, alleine, gemeinsam
mit der Partnerin und anderen werdenden Vätern. Es ist wichtig für sich
als Vater und gemeinsam als Eltern positive Vorstellungen und Bilder zu
entwickeln. Also eine Vorstellung davon, wie man Vater sein möchte.
Anschließend können Bedingungen geschaffen und Entscheidungen getroffen
werden, die eine Verwirklichung der (gemeinsamen) Vorstellungen
ermöglichen.
Was würde Ihrer Meinung nach Vätern in Zukunft das Vater sein erleichtern?
… wenn Vätern von Anfang an die Kompetenzen und Bedeutung
zugeschrieben wird, die sie für die Entwicklung ihrer Kinder haben und
ihnen auch die Zeit zugestanden wird, die Vatersein braucht. Es braucht
aber auch passende Rahmenbedingungen in Gesellschaft und Unternehmen
sowie von Seiten der Väter mehr Gelassenheit und Zuversicht.
An welches Erlebnis mit Ihrem Vater erinnern Sie sich am liebsten?
Das sind die Fahrradtouren die er mit uns unternommen hat. Außerdem
habe ich einem Haushalt ohne Auto erfahren, (trotzdem) mobil sein zu
können.