Vater werden – von Anfang an mitgedacht?
Erstellt von Hans-Georg Nelles am Montag 2. März 2026
Die Projektgruppe „1000 Tage“ nimmt die erste Phase der Elternschaft in den Blick
Vom ersten Gedanken an ein Kind bis zum Ende des ersten Lebensjahres – rund 1000 Tage entscheiden darüber, wie Familie gelebt wird. In dieser Zeit entstehen Bindungen, werden Rollen ausgehandelt und berufliche Weichen gestellt. Genau hier hat die Projektgruppe „1000 Tage“ angesetzt. Ihr Ziel: prüfen, ob Politik, Institutionen und Hilfesysteme den Bedürfnissen von Vätern gerecht werden, was sich ändern muss und was das Bundesforum Männer dazu beitragen kann.
Die Analyse zeigt ein klares Bild: Väter wollen heute mehr sein als Ernährer. Sie möchten präsent sein, Verantwortung übernehmen und von Beginn an eine enge Beziehung zu ihrem Kind aufbauen. Doch zwischen Anspruch und Wirklichkeit klafft eine Lücke.

Partnerschaft(lichkeit) als Voraussetzung
Beim Thema Kinderwunsch hat sich das Rollenverständnis deutlich verändert. Viele Männer orientieren sich an partnerschaftlichen Modellen und wünschen sich eine faire Aufteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit. Gleichzeitig bremsen wirtschaftliche Unsicherheiten, hohe berufliche Anforderungen und unklare gesellschaftliche Erwartungen die Entscheidung für ein Kind aus. Studien legen nahe: Wer Gleichberechtigung lebt – oder realistisch leben kann –, entscheidet sich eher für Familie.
Väter am Rand
Spätestens in der Schwangerschaft wird deutlich, dass die Versorgungsstrukturen immer noch stark auf Mütter fokussiert sind. Geburtsvorbereitungskurse, medizinische Betreuung und betriebliche Regelungen beziehen Väter, wenn überhaupt nur am Rande ein. Zwar sind heute rund 90 Prozent der Väter bei der Geburt dabei, doch ihre Rolle bleibt oft passiv. Vorbereitung auf eigene Verantwortlichkeit, auf emotionale Belastungen oder auf die Kommunikation im Kreißsaal? Fehlanzeige.
Kompetent, aber strukturell gebremst
Entwicklungspsychologisch ist die Lage eindeutig: Väter verfügen von Anfang an über vergleichbare Kompetenzen in Bindung, Pflege und Interaktion. Die Forschung zeigt, dass Säuglinge mehrere tragfähige Bindungen entwickeln können – und dass die Qualität der Beziehung entscheidend ist, nicht das Geschlecht.
Dennoch bleibt die Praxis traditionell: Mütter reduzieren ihre Erwerbsarbeit, Väter arbeiten überwiegend weiter in Vollzeit. Viele fühlen sich im Wochenbett und im ersten Lebensjahr nicht ausreichend informiert, nicht gezielt angesprochen und institutionell kaum unterstützt.
Was sich ändern muss
Die Projektgruppe formuliert klare Forderungen: eine verbindliche Vaterschaftsfreistellung, reformierte und partnerschaftlich ausgestaltete Elternzeitmodelle, flexible Arbeitsstrukturen sowie eine stärkere Einbindung von Vätern in Gesundheitswesen, Frühen Hilfen und Familienberatung. Ebenso notwendig ist ein kultureller Wandel – weg vom Bild des „helfenden“ Vaters hin zu einem gleichwertig verantwortlichen Elternteil.
Auch die Fachpraxis ist gefragt: Hebammenausbildung, psychosoziale Berufe und familienbezogene Dienste sollen in die Lage versetzt werden, väterliche Kompetenzen systematisch zu berücksichtigen. Und nicht zuletzt braucht es mehr Forschung, um Bedarfe präziser zu erfassen und politische Maßnahmen evidenzbasiert zu gestalten.
1000 Tage mit Langzeitwirkung
Die ersten 1000 Tage sind kein Randthema, sondern eine gesellschaftliche Schlüsselphase. Hier entscheidet sich, ob partnerschaftliche Elternschaft gelingt – oder ob alte Muster fortgeschrieben werden. Die Botschaft der Projektgruppe: Väter sind bereit. Jetzt müssen Strukturen folgen.
Termin bitte vormerken
Am Donnerstag, den 23. April werden die Empfehlungen der Projektgruppe im Rahmen eines Meet & Speak des Bundesforums Männeröffentlich präsentiert und aus der Perspektive der Frühen Hilfe und der Entwicklungspsychologie kommentiert. Der Zoom findet von 16 bis 17:30 Uhr statt.







