In der dritten Ausgabe der monatlichen Webinar-Reihe begrüßt
das Team von „Following Young Father’s Further“ Dr. Aniela Wenham und Judith
Cork, um ihre Forschungen mit jungen Müttern zu diskutieren.
„Es geht nicht darum, ein Teenager zu sein, es geht um die
Mutterschaft.“ Das „Problem“ der jungen Mutterschaft neu formulieren.
Judith Cork (Koordinatorin des Programms für junge Eltern,
Romsey Mill) ist seit mehr als 20 Jahren in der Jugendarbeit tätig und arbeitet
seit 2009 in Romsey Mill, insbesondere mit jungen Eltern. Romsey Mill arbeitet
sowohl mit jungen Müttern als auch mit jungen Vätern und bietet ein breites
Spektrum an Unterstützung in Einzel- und Gruppensettings. Romsey Mill ist auch
vom Cambridgeshire County Council beauftragt, die Unterstützung für junge
Eltern in der gesamten Grafschaft zu koordinieren. Inspiriert durch ihre
Unterstützungsarbeit führte Judiths Wunsch, Veränderungen für Familien auf
systemischer oder gesellschaftlicher Ebene herbeizuführen, dazu, dass sie ein
Teilzeitstudium der Gemeindepsychologie an der Universität Brighton
absolvierte.
Die Präsentation gibt Einblicke in ein Forschungsprojekt, das
untersucht, wie junge Mütter in der heutigen englischen Gesellschaft
konstruiert sind. Mithilfe der kreativen Methode des Photovoice wurden von
ehemaligen jungen Müttern aufgenommene Fotos mit Bildunterschriften erstellt,
die in Online-Fokusgruppen mit Hebammen und jungen Müttern diskutiert und
anschließend in einer öffentlichen Online-Ausstellung mit einer begleitenden
qualitativen Umfrage gezeigt wurden.
Die Ergebnisse der Studie stellen negative Stereotypen über junge Mütter in Frage, und in dieser Präsentation wird argumentiert, dass defizitorientierte Diskurse über „problematische“ junge Mütter durch einen neuen Diskurs ersetzt werden sollten, der junge Mütter als Mütter identifiziert, die eher Empathie und Verständnis als Kritik und Sanktionen verdienen.
… lautete vor 10 Jahren der Titel eines Manifests,
mit dem sich 23 Wissenschaftler*innen an die Öffentlichkeit gewandt
haben. Sie sahen den Zusammenhalt der Gesellschaft, der über
wechselseitige Sorge gewährleistet wird, gefährdet. „Care in allen
Facetten ist in einer umfassenden Krise. Hierzu gehören unverzichtbare
Tätigkeiten wie Fürsorge, Erziehung, Pflege und Unterstützung, bezahlt
und unbezahlt, in Einrichtungen und in privaten Lebenszusammenhängen,
bezogen auf Gesundheit, Erziehung, Betreuung u.v.m. – kurz: die Sorge
für andere, für das Gemeinwohl und als Basis die Sorge für sich selbst,
Tag für Tag und in den Wechselfällen des Lebens. Care ist Zuwendung und
Mitgefühl ebenso wie Mühe und Last. Gleichwohl ist Care keine
Privatangelegenheit, sondern eine gesellschaftliche Aufgabe. …“
Ihrer Auffassung nach hat sich die Gesellschaft seit den 1970er
Jahren hin zur flexibilisierten und globalisierten Dienstleistungs- und
Wissensgesellschaft verändert. Die Organisation und Zuweisung von
Care-Aufgaben spiegeln jedoch noch ihre historische Entstehung während
der Industrialisierung im 19. Jahrhundert.
Care wurde Frauen zugewiesen, abgewertet als ihre scheinbar
natürliche Aufgabe, unsichtbar gemacht im privaten Raum der Familie oder
unterfinanziert und semi-professionalisiert im sozialen Bereich
organisiert.
Erschwerend komme hinzu, dass die Care-Krise, die von der aktuellen
neoliberalen Politik verschärft wird, immer nur an einzelnen Stellen
aufscheint: wenn Frauen und Männer versuchen, individuell und oft mit
großer Anstrengung, strukturelle gesellschaftliche Probleme zu
bewältigen.
Die Autorinnen des Manifests forderten dazu auf, alternative
Care-Modelle zu entwickeln und gesellschaftlich-politische
Veränderungsprozesse anzustoßen, die sich an umfassenden Vorstellungen
von Gerechtigkeit und einem guten Leben orientieren: „Hierfür müssen
Politik, Unternehmen und Verbände – auch in transnationaler Perspektive –
anfangen, Care-Bedarfe als grundlegende gesellschaftliche Aufgabe im
Zusammenhang wahrzunehmen, statt Einzellösungen zu entwickeln. Denn über
Care wird zwar vielerorts geredet, aber die Diskussionen nehmen bislang
weder disziplinär noch politisch oder normativ aufeinander Bezug.“
Es ging für sie auch darum, „Fürsorglichkeit und Beziehungsarbeit neu
bewerten, unabhängig von traditionellen Geschlechterbildern. Im Zentrum
einer fürsorglichen Praxis steht privat wie professionell die
Beziehungsqualität. Menschen sind aufeinander angewiesen und brauchen
persönliche Beziehungen. Care stiftet damit individuelle Identität und
schafft gemeinschaftlichen Zusammenhalt.“
Ihr Fazit: „Wir brauchen eine neue gesellschaftliche Kultur, in der
die Sorge für sich und andere einen eigenständigen Stellenwert bekommt,
unabhängig davon, ob eigene Kinder oder Eltern zu versorgen sind. Wir
brauchen neue Wege der Bereitstellung, Anerkennung, Aufwertung und
Bezahlung wie auch der gesellschaftlichen Organisation von Care-Arbeit
auf lokaler, nationaler und transnationaler Ebene.“ Das ist vor 10
Jahren formuliert worden.
Morgen, am 1. März ist der ‚Equal Care Day‘. Dieser wird seit 2020
von dem gemeinnützigen Vereins klische*esc e.V. durchgeführt. Der Tag
soll „kein Anlass für Blumen- und Pralinen-Geschenke, sondern eine
Initiative sein, die den Druck kontinuierlich hochhält und dafür sorgt,
dass das Thema ‘Equal Care’ nicht mehr aus der politischen Debatte
verdrängt werden kann.“
Im Rahmen des ersten ‚Equal-Care-Day‘ am 29. Februar 2020 ist ebenfalls ein Manifest entstanden. Dort heißt es unter anderem:
„Wir alle sind in unserem Lebensverlauf auf die fürsorgliche Zuwendung
und Versorgung anderer angewiesen: Das gilt für Neugeborene ebenso wie
für Kinder im Vor- und Grundschulalter, aber auch als junge Erwachsene,
als Berufstätige, bei Krankheit oder Behinderung und schließlich als
ältere Menschen profitieren wir im Alltag immer wieder von der
Care-Arbeit anderer; Gesundheit, Wohlbefinden, Lebensqualität und
gesellschaftliches Miteinander hängen davon ab.
Diese Care-Arbeiten und die Mental Load werden vor allem von Frauen
und Mädchen getragen – unbezahlt oder unterbezahlt. Dadurch bleibt ihnen
weniger, manchmal gar keine Zeit für Erwerbsarbeit, zur Aus- und
Fortbildung, und sie verfügen deshalb über weniger oder kein eigenes
Einkommen. Weltweit übernehmen Frauen täglich mehr als 12 Milliarden
Stunden unbezahlte Sorgearbeit. … Würden diese auch nur mit dem
Mindestlohn bezahlt, würde … das Bruttoinlandsprodukt Deutschlands um
circa ein Drittel höher ausfallen, als in den bisherigen
Gesamtrechnungen ausgewiesen wird. Aber private Care-Arbeit spielt für
diese ökonomische Kennziffer, die als ‚Wohlstandsmaß’ einer Nation gilt,
keine Rolle, dabei ist sie das Fundament jeglichen Wirtschaftens.“
Im weiteren Verlauf des Manifests geht es um die individuelle
Verteilung der Care-Aufgaben, die Beseitigung des ‚Mental Load‘. Die
Bundesregierung wird im letzten Abschnitt aufgefordert, passende
gesetzliche Rahmenbedingungen herzustellen und „sich weltweit für die
ideelle und finanzielle Anerkennung und eine faire Verteilung von
Sorgearbeit stark zu machen.“
Diese Einengung der 2013 manifestierten umfassenden Care-Krise auf
die traditionelle geschlechtsspezifische Arbeitsteilung wird von dem im
Juli 2020 haben gegründeten zivilgesellschaftliche Bündnis „Sorgearbeit fair teilen“ noch weiter zugespitzt.
„Die ökonomischen und sozialen Folgen dieser traditionellen
Arbeitsteilung sind schwerwiegend: Frauen gehen sehr viel häufiger
Teilzeitbeschäftigungen nach und ihre Einkommen sind oft deutlich
niedriger als die von Männern. Die beruflichen Entwicklungsperspektiven
von Frauen sind entsprechend vielfach begrenzt und bei Trennung oder im
Alter sind sie finanziell nicht ausreichend abgesichert. Männern fällt
noch immer überwiegend die Rolle des Familienernährers zu. So fehlt
ihnen neben der Erwerbstätigkeit oftmals die Zeit, Sorge- und Hausarbeit
zu übernehmen. Diese Arbeitsteilung entspricht allerdings nicht mehr
den Lebensvorstellungen vieler heterosexueller Paare. Viele Frauen und
Männer wollen sowohl Sorgearbeit und Sorgeverantwortung übernehmen als
auch den eigenen Lebensunterhalt verdienen können.“
Das Bündnis befindet sich in Trägerschaft des Deutschen Frauenrats
und die Geschäftsstelle wird vom BMFSFJ finanziert. Das Ziel des
Bündnisses ist es, „dass Geschlechterstereotype abgebaut und
Rahmenbedingungen geschaffen werden, die allen Menschen die gleichen
Verwirklichungschancen und die Vereinbarkeit von Sorge- und
Erwerbsarbeit über den gesamten Lebensverlauf hinweg ermöglichen.“
Die Forderungen wie „Ausweitung der individuellen, nicht
übertragbaren Elterngeldmonate auf mindestens vier Monate“ und „10 Tage
Freistellung für Väter bzw. zweite Elternteile rund um die Geburt mit
vollem Lohnersatz“ gehen zwar schon über die im aktuellen
Koalitionsvertrag formulierten Vorhaben hinaus, sind aber allenfalls ein
erster Schritt dahin, „Care-Bedarfe als grundlegende gesellschaftliche
Aufgabe im Zusammenhang wahrzunehmen, statt Einzellösungen zu
entwickeln“, wie es 2013 gefordert wurde.
Die Corona Pandemie hat die Schwächen der Care Systeme schonungslos
offengelegt. Eine gesellschaftliche Kultur die Sorge für sich und andere
einen angemessenen Stellenwert zuweist, ist dennoch nicht in Sicht. Im
Gegenteil, vor dem Hintergrund, der durch den russischen Überfall
provozierten Energiekrise und der Inflation wird zwar einerseits das
Muster männlicher Vollzeittätigkeit als Haupthemmnis identifiziert, das
Väter an mehr Familienarbeit hindert. Andererseits aber kommuniziert,
dass Wirtschaft mehr ‚Bock auf (Erwerbs-) Arbeit‘ braucht und
diejenigen, die Arbeitszeiten reduzieren möchten, mit dem Vorwurf
konfrontiert, ‚Arbeit sei kein Ponyhof‘.
Care macht mehr Leben ins Männerleben. Aber dafür braucht es mehr strukturelle Veränderungen, vor allem auch bei den Arbeitszeiten. Ohne eine Reduzierung der Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich ist eine geschlechtergerechte Aufteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit nicht möglich. Don’t fix the (Wo)Men!
In der Generation der heutigen Großväter lag die Kindererziehung
vielfach noch in den Händen der Frauen. Für die Väter von damals heißt
das aber nicht, dass sie sich heute als Großvater wieder in die Ränge
verweisen lassen. Der Altersforscher Eckart Hammer hat vor fünf Jahren
ein Buch über Großväter geschrieben. Im INterview mit der Süddeutschen
Zeitung hat er seinerzeit erklärt, warum ein Opa, der sich in die
Betreuung der Enkel einbringt, nicht nur den Kindern nützt, sondern auch
sich selbst etwas Gutes tut.
„Herr Professor Hammer, wenn es um Großeltern geht, ist häufig nur von der Oma die Rede. Warum kommen die Opas seltener vor?
Großväter hatten mal eine Konjunktur Anfang des 19. Jahrhunderts. Da
galten sie als gütige Ratgeber, alte Weise im Lehnstuhl. Dann wurde
dieses Bild allmählich verdrängt von der guten Großmutter. Der Mann
geriet in den Hintergrund, als der distanzierte, strenge Großvater, den
man nicht anfassen kann.
Warum verändert sich das jetzt?
Das hat auch mit der Entwicklung der Bevölkerung zu tun. Großväter
haben heute so viel Zeit mit ihren Enkeln wie zu keiner Zeit zuvor. 1890
haben zwei Drittel aller Kinder keine Großeltern erlebt. Heute liegt
das Durchschnittsalter, um Großvater zu werden, bei 56. Zugleich gehen
viele Arbeitnehmer früher in den Ruhestand. Und beeinflusst durch die
1968er-Jahre haben sie häufig auch den gleichen Anspruch, für ihre Enkel
da zu sein, wie die Großmutter. Opas wollen Gleichberechtigung.
Diesen Anspruch durchzusetzen, ist aber manchmal gar nicht so
einfach. Häufig steht die Großmutter immer noch im Mittelpunkt, wenn es
um die Versorgung der Enkel geht.
Das stimmt. Es geht darum, von Anfang an mitzumachen und nicht erst
zu warten, bis die Kinder Fußball spielen können. Männer können auch
wickeln. Das sollten sie selbstbewusst formulieren und vor allem
durchhalten. Wenn das Baby dann mal einen Mucks macht, darf man es eben
nicht gleich in die Arme der Großmutter oder Mutter geben, sondern kann
sagen: Nee, das mache ich jetzt. Was manchmal auch hilft, sind separate
Tage für Oma und Opa. So kann jedes Großelternteil seine eigene
Beziehung zum Kind aufbauen.
Wie bereitet man sich auf die Rolle als Großvater vor?
Es ist gut, vorher darüber nachzudenken: Wie viel möchte ich tun?
Möchte ich regelmäßig auf mein Enkelkind aufpassen? Außerdem sollte man
noch in der Schwangerschaft mit den künftigen Eltern besprechen, welche
Erwartungen sie haben. Die künftigen Großeltern dürfen auch ehrlich
sagen, dass man lieber nur einen Tag pro Woche oder nur ab und an
aufpassen möchte. Ich rate auch, daran zu denken, dass die aktive
Großelternrolle nur eine Durchgangsphase ist. Wer nichts mehr macht
außer Opa zu sein, steht am Ende möglicherweise mit leeren Händen da,
weil die Enkel größer werden und nicht mehr so viel kommen.
Sich um Enkel zu kümmern, ist ja auch anstrengend. Warum soll man sich das überhaupt antun?
Für viele Männer ist es der zentrale Ruhestandssinn. Sie haben da
noch einmal etwas, das sie zutiefst beglückt. Nämlich dass da ein
kleiner Mensch ist, für den man ganz wichtig ist. Der Sozialpsychiater
Klaus Dörner hat einmal gesagt: „Jeder Mensch braucht seine Tagesdosis
an Bedeutung für andere.“ Gerade für Männer, die die Erziehung der
eigenen Kinder ihren Frauen überlassen haben, ist es zudem eine große
Chance. Sie können noch einmal Dinge erleben, wie auf dem Boden zu
liegen, mit einer Eisenbahn zu spielen oder mit Sandkastenförmchen zu
backen. Eben alles, was man nur mit Kindern erleben kann und darf, es
aber aus anderen Gründen versäumt hat.
Das klingt, als sei Opasein gut für die Gesundheit.
Unbedingt. Es gibt die vier „L“, die nachweislich dafür sorgen, dass
man im Alter länger gesund und fit bleibt: Das Lernen, also zum Beispiel
neugierig zu bleiben wie ein Kind. Das Laufen, also die Bewegung, für
die Enkel ebenfalls sorgen, weil sie uns auf Trab halten. Das dritte „L“
ist die Liebe, damit sind soziale Beziehungen gemeint: Gut eingebundene
Menschen leben nachweislich länger. Und das vierte „L“ steht für das
Lachen. Spaß zu haben mit den Kindern und ihnen den Spielraum zu geben,
den ein strenger Vater erst mal noch etwas Mühe hat, zu gewähren.
Und nützt es auch den Enkeln, wenn sich der Großvater aktiv einbringt, oder ist das egal – Hauptsache, Großeltern sind da?
Nein. Großväter sind ganz wichtige Partner für die Kinder – gerade in einer so frauendominierten Erziehungswelt. Die Kindergärten und Schulen sind ja zum Beispiel überwiegend weibliches Terrain. Und es ist auch immer noch so, dass die Väter häufig mehr arbeiten als die Mütter. Männliche Bezugspersonen sind aber als zweiter Pol sehr wichtig für Kinder.“
Am 20.
Februar 2023 haben das Following Young Fathers Further-Team und die North East
Young Dads and Lads (NEDYL) das „Think Dad! Vorgestellt. Das
Toolkit wurde gemeinsam mit jungen Vätern entwickelt und richtet sich an
Fachkräfte und Dienste, die ihre Arbeit mit jungen Vätern (bis 25 Jahre)
verbessern wollen.
Dieses interaktive Toolkit enthält Ressourcen, Aktivitäten
und Ratschläge, wie Sie väterintegrative Ansätze in der Praxis anwenden können,
die sowohl Müttern und Kindern als auch Vätern zugute kommen. Das Toolkit
stellt die Stimmen und Erfahrungen junger Väter in den Vordergrund und bietet
darüber hinaus Anleitungen für eine bessere Unterstützung von Vätern im
Allgemeinen.
Dieses Toolkit wurde von North East Young Dads and Lads mit
Unterstützung des Forschungsteams Following Young Fathers Further der
Universität Lincoln entwickelt. Dem Co-Creation-Team gehörten die jungen Väter
und Peer-Forscher Robert Oughton und Jordan Richardson von North East Young
Dads and Lads an, die sich beide für die Verbesserung der Elternschaft und der
Unterstützungserfahrungen junger Männer engagieren, die in jungen Jahren Eltern
werden.
NEYDL ist ein einzigartiger Jugendhilfedienst, der jungen Männern und jungen Vätern helfen will, eine aktive und sinnvolle Rolle im Leben ihrer Kinder, in der Familie und in der Gesellschaft zu spielen. Das Projekt „Following Young Fathers Further“ (FYFF), das vom UKRI Future Leaders Fellowship Scheme finanziert wird, ist eine vierjährige qualitative Längsschnittstudie an der Universität Lincoln, die den Erziehungsverlauf und den Unterstützungsbedarf junger Väter (unter 25 Jahren) untersucht.
Unsere Kurzbefragung ist zwar nicht repräsentativ, gibt uns
als LAG-Väterarbeit aber wichtige Anhaltspunkte, wie unsere Mitglieder und
‚Follower*innen auf den verschiedenen Kanälen ‚ticken‘, wo wir mit unserer
Arbeit ansetzen können und welche Herausforderungen und Stolpersteine noch
bewältigt bzw. aus dem Weg geräumt werden müssen. Vielen Dank, dass Sie sich
auch diesmal beteiligt haben.
Bei der dritten Frage ging es um die Einschätzung von
Elternzeit, Elterngeld und der in Deutschland noch nicht geregelten
‚Vaterschaftsfreistellung nach der Geburt.
Diese gesetzlichen Regelungen werden in ihrer Wirkung auf die Vater-Kind
Bindung durchweg als positiv eingeschätzt, 97 % der Antwortenden stimmen der
entsprechenden Aussage voll und 3 % teilweise zu.
Was die Anzahl der für Väter und Mütter reservierten Monate
angeht sind 81,5 % der Überzeugung, die Anzahl sollte die gleiche sein,
lediglich 11 % lehnen dies ab. Auch ‚berufliche Gründe‘ als Argument gegen eine
Elternzeit werden von einer großen Mehrheit nicht mehr akzeptiert, lediglich 6
% haben hierfür noch Verständnis.
Die in einer EU-Vereinbarkeitsrichtlinie vorgesehene und von
der Bundesregierung jetzt für 2024 geplante ‚Vaterschaftsfreistellung‘ schätzen
92,4 % als Möglichkeit für Väter ein, von Anfang an Fürsorgeaufgaben zu
übernehmen.
Bei der vierten Frage ging es um
die Einschätzung der Bedeutung von Vätern und Mütter für die Entwicklung von
Kindern, auch nach einer Trennung.
Väter sind für die Entwicklung von Kindern
genauso wichtig wie Mütter
Väter übernehmen grundsätzlich die Hälfte der
Kinderbetreuung
Väter und Mütter teilen sich Erwerbs- und Familienarbeit
partnerschaftlich auf
Auch nach einer Trennung sollen sich Väter
gleichermaßen an Betreuung und Erziehung ihrer Kinder beteiligen können
Mehr als 98 % der Antworten sind voll (83 %) oder teilweise
(15 %) der Überzeugung, auch nach einer Trennung oder Scheidung sollten sich
die Väter gleichermaßen an Betreuung und Erziehung ihrer Kinder beteiligen
können.
Die Frage, welchen Umfang die Beteiligung ausmachen soll,
wird jedoch nicht so einmütig beantwortet. Aber immerhin 56 % stimmen der
Aussage, Väter übernehmen grundsätzlich die Hälfte der Kinderbetreuung voll und
knapp 23 % teilweise zu. 21 % lehnen dies ganz oder teilweise ab.
Bei der ‚weicheren‘ Frage nach einer partnerschaftlichen
Aufteilung von Erwerbs- und Familienarbeit zwischen Väter und Müttern ist die
Zustimmung größer: 86 % sprechen sich dafür und 14 % dagegen aus.
Was die Bedeutung von Vätern für die Entwicklung von Kindern
angeht, sind 98,5 % der Überzeugung, dass Väter genauso wichtig sind wie
Mütter.
Der Anteil von Männer an den Teilnehmenden war mit knapp 79 % größer als der der Frauen (18 %)
ChatGPT ist in aller Munde und vielfach werden Befürchtungen
geäußert. Es lag also nahe, auch um persönliche Neugierde zu befriedigen, einen
Zugang zu ergattern und die KI nach Väteranliegen zu befragen.
Die Antworten haben mich einerseits überrascht, andererseits
habe ich das Gefühl, ähnliche Vorschläge in den vergangenen Jahren selbst schon
einmal formuliert zu haben. Meine erste Frage lautete:
Wie kann man die Rechte der Väter stärken?
„Es gibt mehrere Möglichkeiten, wie man die Rechte der Väter
stärken kann:
Verbesserung der Familienrechtsvorschriften:
Gesetze und Vorschriften können so gestaltet werden, dass sie die Rechte der
Väter stärken. Dazu können zum Beispiel die Vaterschaftsanerkennung, das
Sorgerecht und Umgangsrecht gehören. Die Gesetze können auch klare Leitlinien
für Entscheidungen im Hinblick auf das Kindeswohl und das Wohl der Familie
bieten.
Sensibilisierung der Gesellschaft: Eine stärkere
Sensibilisierung der Gesellschaft für die Bedeutung der Vaterrolle und die
Herausforderungen, denen Väter gegenüberstehen, kann dazu beitragen, dass die
Rechte der Väter besser verstanden und unterstützt werden. Hierzu können zum
Beispiel Informationskampagnen und Schulungen für Fachleute wie Richter,
Anwälte und Sozialarbeiter beitragen.
Stärkere Beteiligung der Väter am Familienleben:
Eine stärkere Beteiligung der Väter am Familienleben kann dazu beitragen, dass
Väter eine wichtigere Rolle in der Erziehung ihrer Kinder spielen und ihre
Rechte besser geschützt werden. Hierzu können zum Beispiel flexible Arbeitszeiten
und Elternzeitangebote beitragen.
Förderung von Beratungs- und
Unterstützungsangeboten: Beratungs- und Unterstützungsangebote für Väter können
dazu beitragen, dass sie ihre Rechte besser wahrnehmen können. Hierzu können
zum Beispiel Vätergruppen, Beratungsstellen und Coachingangebote beitragen.
Insgesamt können verschiedene Maßnahmen ergriffen werden, um
die Rechte der Väter zu stärken. Wichtig ist, dass dabei das Kindeswohl immer
im Vordergrund steht und die Interessen von Vätern, Müttern und Kindern
gleichermaßen berücksichtigt werden.“
… und eine zweite
Wie sieht eine Familienpolitik aus, die die Interessen
von Vätern und Müttern gleichermaßen berücksichtigt?
Eine Familienpolitik, die die Interessen von Vätern und
Müttern gleichermaßen berücksichtigt, kann folgende Maßnahmen umfassen:
Elternzeit: Eine familienfreundliche
Elternzeitpolitik, die Müttern und Vätern ermöglicht, nach der Geburt ihres
Kindes eine Auszeit von der Arbeit zu nehmen, kann dazu beitragen, dass beide
Elternteile eine enge Bindung zu ihrem Kind aufbauen können. Es sollte darauf
geachtet werden, dass die Elternzeit flexibel gestaltet ist und auch Vätern die
Möglichkeit gibt, eine längere Auszeit von der Arbeit zu nehmen.
Kindergeld und steuerliche Entlastungen:
Kindergeld und steuerliche Entlastungen können eine finanzielle Unterstützung
für Familien darstellen und dazu beitragen, dass Mütter und Väter ihre Rolle
als Erziehungsberechtigte besser ausfüllen können.
Kinderbetreuung: Eine flächendeckende und
qualitativ hochwertige Kinderbetreuung, die auch flexibel gestaltet ist, kann
dazu beitragen, dass Mütter und Väter Beruf und Familie besser vereinbaren
können.
Familienfreundliche Arbeitsbedingungen: Flexible
Arbeitszeitmodelle, Telearbeit und Jobsharing können dazu beitragen, dass Mütter
und Väter Beruf und Familie besser vereinbaren können. Arbeitgeber sollten
hierbei auch darauf achten, dass Väter und Mütter gleichermaßen Zugang zu
diesen Arbeitsbedingungen haben.
Familienberatung und Unterstützung:
Familienberatung und -unterstützung kann dazu beitragen, dass Mütter und Väter
ihre Rolle als Erziehungsberechtigte besser ausfüllen können und auch in
schwierigen Situationen Unterstützung erfahren.
Eine Familienpolitik, die die Interessen von Vätern und
Müttern gleichermaßen berücksichtigt, sollte also darauf achten, dass Väter und
Mütter gleichermaßen Zugang zu den genannten Maßnahmen haben und auch
individuelle Bedürfnisse und Lebensumstände berücksichtigt werden. Wichtig ist
auch, dass diese Maßnahmen regelmäßig auf ihre Wirksamkeit hin überprüft werden
und gegebenenfalls angepasst werden.
Unsere Kurzbefragung ist zwar nicht repräsentativ, gibt uns
als LAG-Väterarbeit aber wichtige Anhaltspunkte, wie unsere Mitglieder und ‚Follower*innen
auf den verschiedenen Kanälen ‚ticken‘, wo wir mit unserer Arbeit ansetzen
können und welche Herausforderungen und Stolpersteine noch bewältigt bzw. aus
dem Weg geräumt werden müssen. Vielen Dank, dass Sie sich auch diesmal
beteiligt haben.
Insgesamt haben wir Ihnen diesmal 5 Fragen gestellt. Die
erste ist identisch mit einer, die auch der kürzlich veröffentlichten
Väterstudie der TU Braunschweig und der FH Kiel (VAPRO) gestellt wurde:
Wodurch
zeichnet sich ein ‚guter Vater‘ aus?
LAGV
VAPRO
Zeit mit dem
Kind zu verbringen
56,06 %
27 %
Dem Kind
etwas beibringen
3,03%
12,1 %
Dem Kind
Zuneigung zeigen
39,39%
59,5 %
Dem Kind
(finanzielle) Sicherheit bieten
1,52 %
1,4 %
Bei den Ergebnissen zeigt sich, dass die klassische Vaterrolle des finanziellen Versorgers in beiden Befragungen keine Rolle mehr spielt. Zeit mit dem Kind zu verbringen, wird in unserer Befragung mit 56 % doppelt so häufig als Eigenschaft eines ‚Guten Vaters‘ benannt., Zuneigung zeigen mit 40 % rund 20 % weniger als bei der VAPRO Befragung.
Bei der zweiten Frage ging es um die Einschätzung von
folgenden Behauptungen:
Für ein Kind ist es problematisch, wenn der
Vater die Erziehung allein der Mutter überlässt
Väter sollten für ihre Kinder beruflich
‚kürzertreten‘
Es liegt nicht in der ‚Natur des Mannes‘,
Hausmann zu sein
Ein Mann muss seine Familie ernähren können
Der Vater sollte sich genauso stark an der
Kindererziehung beteiligen wie die Mutter
Bei den Antworten zeigt sich eine große Zustimmung zu der
aktiven Beteiligung von Vätern an der Erziehung ihrer Kinder. Sichtbar werden
aber hier teilweise noch die Widersprüche bei den Erwartungen und
Zuschreibungen bezüglich der ‚Ernährerrolle‘.
Der Behauptung, Väter sollten für ihre Kinder beruflich ‚kürzertreten‘ stimmen lediglich gut 40% zu.
… dass bekommen jugendliche Väter eher selten zu hören. Eine Vaterschaft in ihrem Alter wird als riskant und unverantwortlich betrachtet. Ohne abgeschlossene Ausbildung und vielfach in prekären Lebensverhältnissen Vater zu werden gehört sich nicht. Wenn schon Sex, dann bitte mit Verhütung.
Jugendliche Väter werden beschämt und ihre Vaterschaft wird
problematisiert, gesellschaftlich anerkannte positive Bilder existieren nicht. Das
war und ist die Ausgangslage des Verbundprojekts ‚… jugendliche Väter im Blick‘.
Die Projekte in Osnabrück, Rheydt und Düsseldorf machen jungen Männern
niedrigschwellige Angebote und tragen dazu bei, dass die jungen Väter
von
bestehenden Hilfsangeboten erreicht werden und ihre Ressourcen für ihre Kinder
einsetzen können. Gleichzeitig wird eine gesellschaftliche Debatte zur Bedeutung
jugendlicher Väter angestoßen
Bei dieser Fachtagung werden die beiden Keynote
Speakerinnen, Dr. Kim Bräuer und Prof. Anna Tarrant zunächst ihre aus
wissenschaftlicher Perspektive und praktischen Erfahrungen mit jugendlichen
Vätern gespeiste Expertise vortragen.
In den vier Workshops am Nachmittag haben die Teilnehmenden die Möglichkeit, sich mit den in verschiedenen Projekten gemachten Erfahrungen insbesondere mit dem Blick auf die Zugänge zu und die Erreichbarkeit von jungen Vätern auseinanderzusetzen und neue Ansätze kennenzulernen.
Niudad.ch will Männer auf ihre neue Rolle als Vater
vorbereiten.
Vatercrashkurse, Tests und Checklisten – die neue Plattform
Niudad.ch soll werdenden Vätern dabei helfen, sich auf ihre neue Rolle
vorzubereiten. Wie der Dachverband der Schweizer Männer- und
Vaterorganisationen Männer.ch in einer Mitteilung schreibt, starte der
Schweizer Durchschnittsmann bislang mit wenig Wissen, Vorbildern und Vernetzung
ins Abenteuer Vaterschaft– so auch Metin (36). .
‚Für werdende Väter gibt es kaum Angebote und Ressourcen‘
Er wurde letztes Jahr Vater von Zwillingen. ‚Die ersten
Wochen waren sehr anspruchsvoll.‘ Vor der Geburt seiner Söhne habe er sich
nicht vorstellen können, was es brauche, um ein engagierter Vater zu sein, und was
man bei der Kindererziehung alles beachten müsse. ‚Für werdende Väter gibt es
kaum Angebote und Ressourcen. Alles, was ich damals gefunden habe, war zu
Finanzen und Versicherungen, nicht zum Vatersein selbst.‘ Wie er sagt, wusste
er während der Schwangerschaft seiner Partnerin nicht, wohin mit seinen Fragen.
‚Ich habe in meinem näheren Umfeld nicht viele Freundinnen und Freunde, die
Eltern sind.‘ Einige Informationen habe er sich online zusammengesucht.
‚Viele haben Mühe damit, über ihre Ängste und Fragen zu
sprechen‘
‚Es ist heute immer noch so, dass sich Frauen viel stärker
aufs Elternsein vorbereiten als Männer‘, sagt Thomas Neumeyer, Leiter
Kommunikation von Männer.ch. Regelmäßige Arztbesuche und Beratungen der
werdenden Mutter seien Gründe dafür. Zudem sei ein Großteil der zur Verfügung
stehenden Literatur zu Kind und Geburt auf Frauen ausgerichtet.
Jungen Männern fehle es hingegen oftmals an Gelegenheiten,
sich über die zukünftige Rolle auszutauschen. ‚Auch haben viele Männer Mühe
damit, über ihre Ängste und Fragen zu sprechen.‘ Diese würden vielfach einfach
totgeschwiegen. ‚Das muss sich ändern.‘
Mit der Plattform Niudad.ch wollen Neumeyer und sein Team
deshalb den Austausch unter neuen Vätern aktiv fördern und ihnen in Kursen und
Beratungen die Möglichkeit geben, von den Erfahrungen anderer zu
profitieren.
Studie der TU Braunschweig und FH Kiel gibt Einblicke in
Selbstbild und Selbstverständnis von Vätern
Wie nehmen Väter sich selbst und ihre Familie wahr? Haben
sie Probleme, Vaterschaft und Berufstätigkeit zu vereinbaren? Wie sieht es mit
der Geschlechtergerechtigkeit und der Arbeitsorganisation im Familienalltag
aus? Diese und andere Fragen untersuchten Sozialwissenschafter*innen der
Technischen Universität Braunschweig und der Fachhochschule Kiel in ihrer
Studie „VAPRO – You don’t need to be
Superheroes“.
(c) Kim Bräuer
Die Rolle von Vätern ist in den vergangenen Jahren immer
mehr in den gesellschaftlichen Fokus gerückt. Debatten wie
#dazuhatpapanichtszusagen, Diskussionen um einen 14-tägigen Vaterschutz und
nicht zuletzt die Erweiterung der Elternzeit um zwei Vätermonate spiegeln diese
Entwicklung wider. „Trotz der vermehrten Diskussion um die Rolle von Vätern ist
diese seit einigen Jahren nicht mehr umfassend wissenschaftlich untersucht
worden. Diese Lücke wollten wir mit unserer Studie schließen“, erklärt Projektleiterin Dr. Kim Bräuer von der TU Braunschweig.
Im Rahmen der VAPRO-Studie befragte das Team um Bräuer und Prof. Dr. Kai
Marquardsen von der Fachhochschule Kiel 2.200 Väter online und führten 55
qualitative Interviews. Dabei berücksichtigten sie neben rechtlichen und
biologischen Vätern auch Pflegeväter, Väter in Co-Parenting-Konstellationen und
homosexuelle Väterpaare. Außerdem wurden nicht nur die Männer selbst befragt,
sondern auch die (Eigen-)Darstellung von Vaterschaft in sozialen Medien
analysiert.
Das Bild vom Vater, der mit seinem Einkommen die Familie
ernährt und mit den Kindern höchstens am Wochenende spielt, ist passé.
Tatsächlich ist es Vätern heute vor allem wichtig, ihre Kinder „empathisch und
verständnisvoll“ zu erziehen. Das ist eines der zentralen Ergebnisse der
VAPRO-Studie. Das Ideal des emotionalen Vaters ist weit verbreitet. So ist es
fast 60 Prozent der Väter am wichtigsten, dass sie ihrem Kind bzw. ihren
Kindern Zuneigung zeigen. Der Trend zu vermehrter aktiver Vaterschaft sei klar
erkennbar, so die Wissenschaftler*innen. Dabei engagieren sich die Väter am
häufigsten in der Kinderbetreuung, indem sie zum Beispiel mit den Kindern
spielen. Deutlich seltener übernehmen die Väter aktive Erziehungsmaßnahmen.
Das Bild vom Vater als Ernährer dominiert nicht mehr
Ein Großteil der befragten Väter hat sich von dem Bild des
Vaters als Ernährer gelöst. Nur rund 12 Prozent von ihnen halten es für ihre
wichtigste Aufgabe, der Familie finanzielle Sicherheit zu bieten. „Die von uns
befragten Väter haben angegeben, dass ihnen monetäre Werte nicht so wichtig
seien, wie soziale oder emotionale Werte“, erklärt Prof. Dr. Kai Marquardsen.
In diesem Zusammenhang kritisierten viele der Interviewten ihre eigenen Väter
unter anderem als „zu bestimmend“, als „abwesend“ und „mit der Arbeit zu
beschäftigt“. Sie nutzen ihre Väter als „negatives Vorbild“ und betonen, dass
sie selbst als Vater bewusst anders handeln würden.
Dennoch sind fast 85 Prozent der Väter wöchentlich 40
Stunden oder mehr erwerbstätig, während fast drei Viertel der anderen
Elternteile nicht oder maximal 30 Stunden in der Woche arbeiten. Trotzdem nimmt
fast jeder zweite Vater an, dass er sich genauso viel um familiäre
Angelegenheiten der Kinderbetreuung kümmert, wie der andere Elternteil.
Lediglich jeder zehnte Vater übernimmt die meisten Aufgaben der Familienarbeit.
Dies sind vor allem Väter, die ihre Erwerbstätigkeit beendet oder deren Umfang
reduziert haben, um mehr Zeit für ihre Familie und die Versorgung der Kinder zu
haben.
Viele Väter, auch das ist eine Erkenntnis der Studie, geben
an, ihren eigenen Vorstellungen guter Vaterschaft nicht gerecht zu werden.
„Hier zeigen sich Parallelen zur Mutter als Allrounderin, die im Job
erfolgreich sein muss und gleichzeitig liebevoll die Kinder und ihre Verwandten
umsorgt“, erklärt Kim Bräuer. „Der Trend geht also weg von der ‚klassischen‘
Rollentrennung hin zu einem ‚Alle-erfüllen-alle-Rollen‘ und dieses möglichst
perfekt. Dabei erleben die Väter nicht nur einen Work-Family-Konflikt. Es
scheint auch darum zu gehen, sich in ihrem Freundeskreis, in Vereinen oder bei
der Versorgung der Eltern einzubringen und ihren Kindern auf diese Weise
soziale Werte vorzuleben,“ so Bräuer.
Väter bloggen nicht über Armut
Im Rahmen ihrer Studie haben die Sozialwissenschaftler*innen
die Instagram-Accounts von sieben sehr populären Väterbloggern und deren Bild
von Vaterschaft analysiert. Hier herrscht das Ideal des zumeist weißen, aktiven
Vaters. Vaterschaft in Armut oder Vatersein mit Migrationserfahrung würden
hingegen kaum thematisiert, erklärt Prof. Marquardsen. „Das lässt sich damit
erklären, dass Armut mit Scham behaftet ist und Väter in Armutslagen sich –
auch virtuell – nicht offenbaren wollen. Väter, deren Leben von einem geringen
Einkommen geprägt ist oder die auf Leistungen vom Staat angewiesen sind, finden
unter Väterbloggern also niemanden in ähnlicher Lebenslage.“ Auch unter
#ichbinarmutsbetroffen fanden die Wissenschaftler*innen nur wenige Berichte von
Vätern in Armutslagen.
Es sei schwierig gewesen, für Interviews Kontakt zu
Betroffenen herzustellen, da diese in besonderer Weise unter dem Druck
gesellschaftlicher Normalitätsvorstellungen stünden, erklärt der Kieler
Sozialwissenschaftler: „Selbstverständlich finden wir auch unter Vätern in
Armutslagen eine Vielfalt im Erleben von Vaterschaft. Aber im Unterschied zu
anderen Vätern ist für sie vor allem die materielle Versorgung der Familie
wichtigeres Thema. In unseren Interviews wurde deutlich, dass für sie
insbesondere Herausforderungen auf materieller Ebene eine Rolle spielen, die
bei Vätern in gesicherten Verhältnissen kein Thema waren “, so Marquardsen. „Insgesamt
besteht bezüglich des Erlebens von Vaterschaft von Vätern in Armut aber weiter
dringender Forschungsbedarf. Nicht zuletzt wissen wir noch zu wenig darüber,
welche kurz- und längerfristigen Einflüsse gesellschaftliche Krisenereignisse
wie Corona oder eine steigende Inflation auf die Praxis gelebter Vaterschaft in
verschiedenen Milieus haben.“
Handlungsempfehlungen für die Praxis
Ziel des Projekts war es auch, Handlungsempfehlungen für
Arbeitgeber*innen, Koordinator*innen von Väternetzwerken und politische
Akteur*innen zu entwickeln, um die Lebenslagen von Vätern sichtbarer zu machen
und ihre Situation und die ihrer Familien nachhaltig zu verbessern.
Väterarbeit, so die Empfehlung der Forschenden, solle sich verstärkt auf deren
alltägliches Handeln beziehen. Es gehe weniger darum, ein neues Bild von
Vaterschaft zu vermitteln, als die Väter stärker in alltägliche Aufgaben
einzubinden, erklärt Bräuer: „Es wäre denkbar, Väter aktiv als Elternsprecher
anzufragen, Väterschwimmkurse anzubieten oder sie aktiv zum Beispiel in
Elternchats anzusprechen.“ Unterstützung wünschen sich die
Wissenschaftler*innen außerdem durch entsprechende familienpolitische Reformen.
„Das würde es vielen Vätern leichter machen, spezielle Angebote der
Arbeitgeber*innen auch tatsächlich anzunehmen.“
Studiendesign
Die VAPRO Studie hatte eine Laufzeit von zweieinhalb Jahren
und wurde von der Stabstelle für Chancengleichheit der TU Braunschweig und dem
Braunschweiger Zentrum für Gender Studies finanziert. Die Forscher*innen
wählten einen Methoden-Mix und werteten 55 qualitative Interviews, eine
Online-Umfrage mit bundesweit 2.200 Teilnehmern und sieben Instagram-Accounts
von Väterbloggern aus.