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Perspektiven zukünftiger Väterpolitik in NRW

Erstellt von Hans-Georg Nelles am 15. Mai 2022

Einschätzung der Stellungnahmen der Parteien zu den Forderungen der LAG Väterarbeit zur Landtagswahl

Schon bei der Fachtagung im vergangenen November haben sich 80 Teilnehmende vor dem Hintergrund der Erfahrungen mit der Corona Pandemie mit möglichen Weichenstellungen für mehr väterliches Engagement auseinandergesetzt. Ein Ergebnis, dass Frau Buschmeyer vom Deutschen Jugend Institut auf den Punkt gebracht hat war: „Grundsätzlich scheint es vielen Vätern eigentlich ein Bedürfnis zu sein, zumindest überlange Arbeitstage und Überstunden zu reduzieren, um mehr Zeit für die Familie zu haben – gleichzeitig tun sie es nicht. Und dann gilt natürlich, dass jede Arbeitsstunde, die im Büro verbracht wird, nicht für die Familie zur Verfügung steht. … Vielleicht kann dies ja der Anfang sein, als Vater auch für seinen Wunsch einzustehen, mehr zuhause und dort auch wirklich verfügbar zu sein und damit auch andere traditionelle Muster zu überwinden.“

Um aus diesem Anfang nachhaltiges Verhalten und kulturelle Veränderungen zu verwirklichen sind vor allem auch passende Rahmenbedingungen erforderlich. Viele werden auf der Bundesebene entschieden, andere ebenso entscheidende auf der Landesebene.

Der Vorstand der LAG-Väterarbeit hat im Vorfeld der Landtagswahl nach Diskussion mit Mitgliedern folgende fünf Forderungen verabschiedet und an die Im Landtag vertretenen Parteien mit der Bitte um eine Stellungnahme versandt.

Im Folgenden werden wir eine Einschätzung zu den Antworten der vier Parteien abgeben. Den Link zu den kompletten Antworten finden Sie am Ende des Textes.

Vor dem Hintergrund, dass in der Phase vor und nach der Geburt entscheidende Weichen für die Aufteilung von bezahlter Erwerbs- und unbezahlter Care-Arbeit gestellt werden, lautet die erste Forderung: Förderung von flächendeckenden Angeboten zur Geburtsvorbereitung für Väter, die werdende Eltern auch dabei unterstützen, partnerschaftlichen Rollenvorstellungen zu realisieren.

Die CDU weist in ihrer Antwort auf die 2017 eingerichtete Projektgruppe „Strukturelle Weiterentwicklung Geburtshilfe“ hin. Aufgabe der Projektgruppe war es unter anderem, Umsetzungsvorschläge zur Verbesserung der Rahmenbedingungen der geburtshilflichen Versorgung und zur Senkung der Kaiserschnittrate zu erarbeiten. Ergebnisse sollten innerhalb eines Jahres vorliegen.

Auf der Webseite des zuständigen Ministeriums finden sich neben der Beschreibung des Auftrags Hinweise auf zwei Studien zur geburtshilflichen Versorgung durch Hebammen. Mit der Geburtsvorbereitung für Väter und dem Thema partnerschaftliche Aufgabenteilung hatte die Projektgruppe nichts zu tun.

Für die FDP ist eine partnerschaftliche Rollenvorstellung und -verteilung ein wichtiges Anliegen. Sie unterstützt die Vorhaben der Bundesregierung in diesem Feld und weist darauf hin, dass zahlreiche Krankenkassen Geburtsvorbereitungskurse als Kassenleistung anbieten. Das ist löblich, aber das Problem ist ja, dass diese Angebote insbesondere im ländlichen Raum nicht existieren.

Die Grünen erkennen ebenfalls an, dass auch Väter auf die Geburt und die Zeit als Elternteil angemessen vorbereitet werden müssen, aber … Die von der Ampel im Koalitionsvertrag geplante und jetzt im vorliegenden Referentenentwurf nicht umgesetzte ‚Vaterschaftsfreistellung‘ ist ein wichtiger Baustein für die Zeit nach der Geburt.

Die SPD geht auf die eigentliche Forderung ebenfalls nicht ein und nennt die Freistellung nach der Geburt, die von Schwesig 2015 vorgeschlagene ‚Familienarbeitszeit‘ als Möglichkeiten zur Unterstützung einer partnerschaftliche Rollenaufteilung ‚werdender Eltern‘. Das ist eine gute Idee, die sich aber leider nicht im Koalitionsvertrag der Ampel wiederfindet. Neu einzuführende Familienbüros sollen sich um Antragstellungen und notwendigen ‚Papierkram‘ nach der Geburt kümmern.

Fazit: Keine der befragten Parteien geht auf die konkrete Forderung ein, die angeführten Maßnahmen werden größtenteils in Berlin entschieden. Außer dem grundsätzlichen Bekenntnis zu ‚partnerschaftlichen Rollenaufteilung‘ können Väter nichts erwarten

Bei der zweiten Forderung haben wir ein Thema aufgegriffen, bei dem die Landesregierung durch die Evaluation der familienpolitischen Leistungen den ‚Finger in die Wunden‘ gelegt hat: „Beim differenzierten Blick auf die Einrichtungsarten wird deutlich, dass Väter 2019 am häufigsten Angebote in Beratungseinrichtungen in Anspruch nahmen, am seltensten in Einrichtungen der Eltern- und Familienbildung. Gerade mit Blick auf die Einrichtungen der Eltern- und Familienbildung deuten die Ergebnisse darauf hin, dass sich der Anteil der männlichen Teilnehmer im Verhältnis zur Bestandsaufnahme von 2006 kaum verändert hat.“

Vor diesem Hintergrund ist die Forderung nach „Einrichtung eines Bildungsbudgets im Rahmen des Weiterbildungsgesetzes (§17 WbG) um neue Zugänge, offene Angebote, aufsuchender Bildung für die bislang kaum erreichte Zielgruppe der Väter zu entwickeln und durchzuführen. Dadurch wird auch die regionale Vernetzung und sozialräumliche Ausrichtung der Angebote gewährleistet.“ naheliegend

Um es vorweg zu nehmen, keine der vier Parteien nimmt Bezug auf die Ergebnisse der 2021 auf einer Fachtagung in Essen vorgelegten Evaluation. Hingewiesen wird stattdessen auf die von den vier Fraktionen im Landtag getragene Novellierung des Weiterbildungsgesetzes, die laut CDU Nordrhein-Westfalen eine Spitzenplatz bei der gemeinwohlorientierten Weiterbildung beschert.

Die Grünen sind allen Ernstes der Meinung, dass es besser sei, die Einrichtungen entscheiden zu lassen, wie sie auf welche Zielgruppe zugehen. Oder besser gesagt nicht zugehen. Was dass für die Zielgruppe Väter bedeutet, hat die Evaluation deutlich aufgezeigt.

Die FDP hebt auf die Vereinbarkeit von Weiterbildung und Familie ab und sieht familienfreundliche Weiterbildung als Karrierechance, insbesondere im Sinn einer lebenslangen Aus-, Fort- und Weiterbildung. An dieser Stelle erfolgt dann auch wieder ein Verweis auf das von der Bundesregierung geplante ‚Lebenschancen-BAFöG‘.

Die SPD stellt an dieser Stelle die geplanten Familienbüros in den Vordergrund, die Familienbildung und -beratung bündeln und so sozialräumlich auch ‚Initiativen für Väter‘ bewerben können. Die Familienzentren in KiTas und Grundschulen, letztere gibt es lediglich an Modellstandorten, sollen gestärkt werden und im Rahmen der Elternarbeit auch Väter adressieren.

Fazit: Es ist erschreckend, dass das Land die eigenen Angebote evaluieren lässt und die Parteien die Ergebnisse entweder nicht kennen, oder was noch schlimmer wäre kennen und keinerlei Konsequenzen daraus ziehen

Dies gilt zumindest teilweise auch für die nächste Forderung, die die Familienberatung betrifft. Auch hier werden Väter nur am Rande erreicht, insbesondere wenn es um für sie schwierige und krisenhafte Situationen geht. Die Stadt München hat daraus Konsequenten gezogen und die Einrichtung eines ‚Väterberatungszentrums ausgeschrieben: „Das Väterberatungszentrum soll eine offene und niederschwellige Anlaufstelle für Väter sein – auch für jene, die von klassischen Beratungsangeboten nicht erreichbar sind – und damit das Wohl der Kinder fördern. Der offene Ansatz als Treffpunkt und Kommunikationsort für Väter fördert soziale Begegnungen von Vätern und deren Kindern. Der Ort des Austausches und der Informationsvermittlung soll den Zugang zu Beratung erleichtern und die Akzeptanz für pädagogische Angebote erhöhen.“

Vor diesem Hintergrund lautet die dritte Forderung der LAG-Väterarbeit: „Finanzierung von zunächst einer qualifizierten Beratungseinrichtung für Väter je Regierungsbezirk. Dazu gehört auch, dass entsprechende Fachkräfte weitergebildet und gefördert werden, um vätersensibel beraten zu können.“

Die CDU zählt an dieser Stelle die von verschiedenen Vorgänger Regierungen und von ihr nach 2017 weiterfinanzierten Maßnahmen auf. vaeter.nrw ist 2006 vom damaligen Familienminister Armin Laschet initiiert worden, in der erwähnten Datenbank finden Väter allerdings lediglich Verweise auf die Webseiten der 155 Familienbildungsstätten in NRW. Hintergrund ist, dass es seit 2018 keine Reaktionsteam für vater.nrw mehr gibt. Die Fachstelle Väterarbeit 2014 nach langen Vorgesprächen erstmalig finanziert worden hat Väterangebote in 10 Städten in allen fünf Regierungsbezirken des Landes vernetzt und Bedarfe aufgegriffen. Die Expertenworkshops waren Teil der von der ehemaligen Familienministerin Kampmann initiierten Kampagne ‚Vater ist, was du draus machst‘.

Das Vorhaben, in der Jugendhilfe verpflichtende und ständige Weiter- und Fortbildungsangebote für Fachkräfte zu etablieren, um für vielfältige Beratungssituationen zu schulen, ist zu begrüßen und eigentlich eine Antwort auf die letzte Forderung.

Die FDP möchte bestehende Beratungseinrichtungen so stärken, dass diese auch väter- und kultursensibel Beratung und Unterstützung leisten können.

Die Grünen sind der Überzeugung, dass „natürlich […] auch vätersensible Beratung angeboten werden muss“. Sie werden die Bedarfe prüfen und Entwicklungsmöglichkeiten mit bestehenden Beratungsangeboten und ggf. darüber hinaus beraten.

Die SPD zieht auch an dieser Stelle ihren ‚ Joker‘ Familienbüros, die dabei einen Fokus auf Väter legen sollen.

Fazit: An dieser Stelle ist zumindest ansatzweise zu erkennen, dass der Handlungsbedarf gesehen und nach Lösungen gesucht wird.

Die vierte Forderung greift das Thema ‚Männer und Väter als Subjekte der Gleichstellungspolitik auf. Vor neun Jahren ist ja der Versuch gescheitert, diesen Rechte im Bundesgleichstellungsgesetz zuzuschreiben aber die Zeiten haben sich weiterentwickelt und in NRW gibt es inzwischen in fünf kommunen: Bonn, Düsseldorf, Dortmund Essen und Münster, Männer in den Gleichstellungsbüros, –stellen bzw. -ämtern.

In der Ausschreibung der Stadt Essen hieß es seinerzeit: „Als offene, tolerante Stadt und Ort der Vielfalt versteht die Stadtverwaltung Gleichstellung als ganzheitliche zukunftsgerichtete Strategie. War Gleichstellungsarbeit bislang überwiegend auf frauenspezifische Belange fokussiert, sollen nunmehr verstärkt auch Männer in die Wahrnehmung und in den Fokus der Gleichstellungspolitik gerückt, tradierte Rollenzuweisungen für die verschiedenen Geschlechter hinterfragt, neue Lebenskonzepte und -formen erarbeitet und unterstützt werden.“

Vor diesem Hintergrund lautet die Vierte Forderung: „Weiterentwicklung des Gesetzes zur Gleichstellung von Frauen und Männern für das Land Nordrhein-Westfalen (LGG) in dem Sinne, dass zunächst in allen Kreisen und Kreisfreien Städten neben den Gleichstellungsbeauftragten auch die Stelle eines Ansprechpartners für Väter eingerichtet und zusätzlich finanziert wird.“

In ihrer Antwort verweist die CDU auf den im März 2021 veröffentlichten Atlas zur Gleichstellung in NRW, aus dem für alle Kreise und kreisfreien Städte gleichstellungspolitische Handlungsbedarfe abgeleitet werden können. Väter sp ielen lediglich in dem Abschnitt Elterngeldbezug eine Rolle. Auf die Zusammenhänge zwischen der Inanspruchnahme von Elternzeiten und Elterngeld und der Besetzung von Leitungspositionen in Verwaltungen wird nicht eingegangen.

Die Bildung einer Infrastruktur für von Gewalt betroffene Männer in Form von 20 Plätzen in Gewaltschutzwohnungen ist der zuständigen Ministerin Scharrenbach hoch anzurechnen. NRW belegt damit bundesweit den Spitzenplatz. Darum ging es bei der Forderung allerdings nicht.

Die FDP möchte das Landesgleichstellungsgesetz zu einem ‚Landesdiversitätsgesetz‘ weiterentwickeln, um die realen Lebensverhältnisse abzubilden und auch die Belange von Männern und Diversen aufnehmen und sie als Bewerbende für das Amt des/ der Diversitätsbeauftragten zulassen.

Die Grünen möchten in der öffentlichen Verwaltung Strukturen stärken, die der Vielfalt von Lebensrealitäten, aber auch Diskriminierungserfahrungen Rechnung tragen und diese Vielfalt gleichzeitig als Bereicherung für Verwaltungen und Unternehmen begreift. Der öffentlichen Verwaltung komme dabei eine Vorbildfunktion zu.

Auch die SPD fördert selbstverständlich die Gleichstellung von Frauen und Männern. Die gleichstarke Vertretung von Männern und Frauen auf allen politischen Ebenen soll durch ein Paritätsgesetz erreicht werden. Die besonderen Bedarfe von Vätern mit Akteuren vor Ort geklärt werden.

Fazit: Die Bedarfe von Männern und Vätern werden gesehen, es fehlt aber bei fast allen der Mut, strukturell verankerte Beteiligungsmöglichkeiten zu etablieren und Väter den Status von gleichstellungspolitisch handelnden Subjekten zu geben.

In der letzten Forderung ging es um die Kompetenzen von denjenigen, die an den unterschiedlichen Stellen pädagogisch handelnd, beratend oder im Kontext von Geburtsvorbereitung und Geburten mit Vätern zu tun haben. Dass die Praktiker*innen für diese Aufgabe teilweise unzureichend ausgebildet und vorbereitet sind wird zum Beispiel im Abschlussbericht des Projekts ‚Bedeutung von Vätern im Geburtsprozess‘ deutlich:

„Die Annahme, Väter und Mütter im Kontext der Geburtsvorbereitung anzusprechen und dort das Anliegen ‚partnerschaftliche Aufgabenteilung‘ zu thematisieren ist richtig, da in diesem Zeitraum entscheidende Weichenstellungen vorgenommen werden.
Da mehr als 90 % der Väter an der Geburt und, zumindest beim ersten Kind, auch an angebotenen Kursen zur Vorbereitung teilnehmen, sind Hebammen entscheidende ‚Player‘ auf diesem Feld.
Auf der Basis freiwilliger Fortbildungen für Hebammen und mit dem Hinweis, ihnen nützliche Methoden für die Arbeit mit und die Ansprache von Vätern zur Verfügung stellen, lässt sich das Ziel nicht erreichen. Das liegt zum einen, an der von der, an den unterschiedlichsten Stellen beschriebenen Haltung der Hebammen, die Frauen und Männern traditionelle Rollen zuweisen und selbst wenn sie Angebote für Väter machen, diesen Unterstützungs- und Assistentenaufgaben zuweisen.“ Auch in den Curriculas für eine universitäre Ausbildung nimmt diese Thema nicht viel mehr als eine Semesterwochenstunde in Anspruch.

Vor diesem Hintergrund lautet die fünfte Forderung: „Hinwirkung des Landes darauf, dass in den (Rahmen-) Lehrplänen für Erzieher*innen, Sozialarbeiter*innen und -pädagog*innen sowie Hebammen Aus- und Fortbildungsinhalte geplant werden, die diese Fachkräfte in die Lage versetzen, Väter gendersensibel in den Blick zu nehmen, anzusprechen und einzubeziehen.“

Die Stellungnahme der CDU ist auch bei dieser Forderung die umfangreichste, geht aber vollkommen am Thema vorbei. Familienzentren, KiBiz und digitales Familienzentrum NRW sind wichtige Vorhaben, haben aber nichts mit den Kompetenzen zu tun, die dort Beschäftigten in die Lage zu versetzen, Väter gendersensibel in den Blick zu nehmen, anzusprechen und einzubeziehen.

Die FDP strebt an, die Rolle von Vätern in den genannten Lehrplänen noch stärker in den Fokus zu rücken und unterstützt eine Weiterentwicklung und Anpassung an die heutigen Lebensverhältnisse jenseits tradierter Rollenbilder.

Auch die Grünen sind der Überzeugung, die Vielfalt von Familienformen genauso in Aus-, Fort- und Weiterbildung zu integrieren, wie insgesamt gender- und diversitätssensible Ansätze zu vermitteln. Gleichermaßen halten sie es für  wichtig, Väter in ihrer Rolle zu bestärken und Geschlechter-stereotype, auch in Bezug auf Elternschaft, zu durchbrechen.

Die SPD hat sich vorgenommen, in der kommenden Legislatur sich mit den Ausbildungsordnungen und dem Sozialberufeanerkennungsgesetz zu befassen. Die Einbeziehung eines vatersensiblen Blicks halten ist für sie ein wichtiger Hinweis.

Fazit: Zumindest bei den drei zuletzt genannten Parteien ist eine verbale Aufgeschlossenheit vorhanden und es bleibt abzuwarten, wer mit wem koalieren wird bzw. kann und was dann auch tatsächlich vereinbart wird.

Die LAG Väterarbeit wird diesen Prozess in jedem Fall kritisch begleiten und wir werden die Parteien an ihre wenn auch vagen ‚Zusagen‘ erinnern.

Den vollständigen Überblick der Stellungnahmen können Sie hier downloaden Stellungnahmen der Parteien zu den Forderungen der LAG Väterarbeit zur Landtagswahl am 15. Mai 2022

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Väter als Experten für Väter

Erstellt von Hans-Georg Nelles am 10. Mai 2022

Am 5. Mai berichte Alexander Stathopoulos, Geschäftsführer des Verbands Binationaler Familien in Frankfurt, beim Online Werkstattgespräch der LAG Väterarbeit NRW von den Erfahrungen des Arbeitskreises Migrationssensible Väterarbeit (MiseV) in Hessen.

Nach seinem Vortrag entspann sich eine interessante Diskussion, deren wichtigste Punkte hier kurz zusammengefasst werden.

Väter profitieren vom Austausch mit anderen Vätern. In Frankfurt existiert seit 2020 eine Vätergruppe, die sich aus Vätern mit unterschiedlichen Herkünften zusammensetzt. Diese ‚globale‘ Zusammensetzung hat sich als gewinnbringend für alle Beteiligten herausgestellt.

‚Herkunftssprache ist Herzenssprache‘, für den Fall, dass Väter über zu geringe deutsche Sprachkenntnisse verfügen, kann zunächst auch eine sprachhomogene Gruppe angezeigt sein, aber Menschen verstehen sich nicht automatisch gut, nur weil sie eine gemeinsame Sprache sprechen. Die Gemeinsamkeit entsteht in der Regel in beiden Varianten über das Vatersein und das Interesse, sich mit den eigenen Kindern zu befassen. Väter haben in der Regel auch positiv darauf reagiert, wenn sie auf Spielplätzen angesprochen und auf die Vätergruppe hingewiesen worden sind.

Mehrsprachige Flyer führen nicht kurzfristig zu mehr Teilnehmenden

Mit einem mehrsprachigen Flyer auf eine Veranstaltung hinzuweisen führt nach Erfahrung des Referenten nicht dazu, dass sich spontan mehr Teilnehmer anmelden. „Ich kann nicht sagen, dass wir über Flyer jemals viele Väter gewonnen hätten.“
Mehrsprachiges Informationsmaterial ist aber dennoch wichtig, da damit signalisiert wird, wir haben auch die Väter, die nicht schon immer hier gelebt haben und deutsch sprechen auf dem Radar, sondern auch die, die hier nicht verwurzelt sind.

Diese Flyer haben also einen mittelfristigen Effekt, sie etablieren den Eindruck, hier gibt es auch was für mich, hier finde ich Antworten auf meine Fragen.

Undokumentierte Menschen, seien es Flüchtlinge oder mit Touristenvisum eingereiste, die hier geblieben sind, spielen bei den Angeboten für Väter bislang noch keine Rolle. Da sie keiner (legalen) Erwerbsarbeit nachgehen können, keinerlei Unterstützung oder medizinische Behandlung erhalten haben sie massive Probleme und sind außer für die Migrationsberatung kaum zu erreichen.
Zugänge sind unter Umständen über ‚Vertrauenspersonen‘ oder ‚Medinetze‘ möglich.

‚Männer mit Migrationshintergrund erreichen finde ich sehr schwierig‘

oder ‚Wie mache ich denen begreiflich, was für ein tolles Angebot ich habe?‘ Äußerungen wie diese spiegeln eher die eigene Haltung wider als tatsächliche Haltung. Auch bei dieser Zielgruppe kommt es darauf an, dorthin zu gehen, wo die Väter eh sind: Sportplätze, Schwimmbäder, Kitas, Barber Shops, Migrantenselbstorganisationen aber auch Teestuben, Cafés und Moscheevereine sind mögliche Anspracheorte.
Es kommt darauf an Treffpunkte der möglichen Teilnehmer in der Umgebung des Angebots zu identifizieren und die Väter dort anzusprechen und einzuladen. Vertrauen aufzubauen und ‚Mund zu Mund Propaganda‘ wirken zu lassen braucht aber Zeit und kann nicht übers Knie gebrochen werden.

Falls die ‚Hürden‘ für zum Beispiel ein Beratungsangebot zu hoch sind, können durch niedrigschwellige Väterangebote wie Vater-Kind-Treffs, gemeinsames Grillen oder Treffen in Parks ‚Rampen‘ gebaut werden. Die Väter können sich untereinander und auch den ‚Berater‘ kennenlernen.

Eine weitere Möglichkeit Väter einzubeziehen ist auch, Mütter über die Angebote für ihre Partner zu informieren. Häufig fragen dies auch schon selbst nach Angeboten für Väter. Väter sind auch leichter über gemeinsames Tun zu erreichen und eine Einladung über ihre Kinder in der Kita ebenfalls sehr wirksam.

Diskriminierungserfahrungen sind alltäglich

… aber nicht so einfach zu thematisieren, zumindest nicht als Einstiegsthema.
In der Frankfurter Vätergruppe waren die Morde in Hanau Anlass, über eigene Diskriminierungserfahrungen zu sprechen. Wichtig ist in jedem Fall, diese Erfahrungen ernst zu nehmen, gemeinsam zu überlegen, wie Kinder gestärkt und eine Vertrauensbasis aufgebaut werden kann.
In dem Kontext spielen für Väter auch die Fragen, ‚was möchte ich meinen Kindern vermitteln‘ und ‚was möchte ich ihnen aus meiner Herkunftskultur mit aus den Weg geben‘ eine große Rolle.

Wissenschaftliche Kategorien wie ‚Mehrfachzugehörigkeit‘ und ‚hybride Identitäten‘ haben für sie praktische Alltagsbedeutung.

Die Frage inwieweit die beiden Fluchtbewegungen 2015, bei der junge Männer und Väter ohne ihre Kinder nach Deutschland gekommen sind und der aktuellen, bei der Frauen und Mütter mit ihren Kindern, aber ohne deren Väter nach Deutschland kommen. Auswirkungen auf die Arbeit ‚mit Vätern‘ bzw. mit Kindern ohne Väter haben wird, gab es mehr Fragen als Antworten.

Es wird darauf ankommen, die Bedürfnisse der Kinder zu adressieren und ihnen bei Bedarf männliche Bezugspersonen ‚Ersatzpapas‘ zur Verfügung zu stellen.

Als Abschlussresümee äußerte der Referent, auch wenn sich im Arbeitskreis MiseV und auch hier beim Werkstattgespräch eine ‚Positivauswahl‘ trifft, ist die Bereitschaft sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und neue Angebote auszuprobieren und zu etablieren in den letzten Jahren kontinuierlich gewachsen.

Materialien und Hinweise

Präsentation vom 5. Mai https://www.lag-vaeterarbeit.nrw/wp-content/uploads/2022/05/Input-Werkstattgespraech.pdf

Aufzeichnung des Vortrags https://youtu.be/s7MiQHv0PtI

Studien und Dokumentation der Veranstaltung im Dezember 2019 https://www.verband-binationaler.de/projekte/papa-kann-das-abu-baba-tata-auch-frankfurt

Link zur Vätergruppe https://www.vaeter-binational-global.de/

Link zur Fachveranstaltung am 3. Juni: https://eveeno.com/vaeter+als+experten

Quelle

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Vätern muss bei der Geburtsvorbereitung mehr als eine unterstützende Rolle zuteil werden

Erstellt von Hans-Georg Nelles am 2. Mai 2022

„Als Vision und Wunsch abschließend formuliert: um werdenden und gewordenen Väter und Müttern die Verwirklichung ihres Wunsches nach einer gleichberechtigten Aufgabenteilung zu ermöglichen braucht es, neben den äußeren, passenden Rahmenbedingungen, ein Angebot sich vor und nach der Geburt mit den o.g. Themen auseinanderzusetzen. Und zwar an den Orten und zu den Anlässen, die Väter und Mütter sowieso gemeinsam oder getrennt aufsuchen und nutzen. Die Geburtsvorbereitung gehört in jedem Fall dazu. Es braucht aber neben den Hebammen weitere (männliche) Akteure und Angebote für Väter, vor allem für die Zeit nach der Geburt.“

Abschlussbericht des Modellprojekts ‚Bedeutung von Vätern im Geburtsprozess

Stellungnahmen der Parteien zu den Forderungen der LAG Väterarbeit zur Landtagswahl

Die LAG Väterarbeit hat im Vorfeld der Landtagswahl am 15 Mai fünf konkrete väterpolitische Forderungen aufgestellt und die im Landtag vertretenen Parteien darum gebeten darzulegen, inwieweit eine Stimme für Ihre Partei zu einer Umsetzung in den kommenden 5 Jahren beitragen wird.

Die erste Forderung lautet:

„Förderung von flächendeckenden Angeboten zur Geburtsvorbereitung für Väter, die werdende Eltern auch dabei unterstützen, partnerschaftlichen Rollenvorstellungen zu realisieren.“

Die CDU hat dazu geantwortet:

Familien sind die Voraussetzung für das Funktionieren unserer Gesellschaft. Deshalb fördern wir sie um gut gerüstet für die Schwangerschaft und die Zeit vor und nach der Geburt zu sein. Vätern kommt bei der Schwangerschaftsvorbereitung oft eine unterstützende Rolle zuteil. Eine gute Vorbereitung kann oft Sicherheit verschaffen. Deshalb haben wir im Herbst 2017 die Projektgruppe „Strukturelle Weiterentwicklung Geburtshilfe“ eingerichtet, um die geburtshilfliche Versorgung strukturiert weiterzu-entwickeln. Ziel ist es, aktuelle Fragen und Herausforderungen in der Geburtshilfe zu identifizieren und ein Konzept mit konkreten Handlungsempfehlungen für eine flächendeckende Versorgung mit qualitativ hochwertigen Geburtshilfe-leistungen für das Land Nordrhein-Westfalen zu erarbeiten. Damit sich Familien in NRW wohlfühlen, erhalten sie bedarfsgerechte Unterstützung, die sie für ihre individuelle Wahl und die Realisierung ihres persönlichen Lebensmodells benötigen.

Die FDP hat dazu geantwortet:

Eine partnerschaftliche Rollenvorstellung und -verteilung ist uns ein wichtiges Anliegen. Wir setzen uns daher für Toleranz und Offenheit für eine Vielfalt von Rollen- und Lebensentwürfen ein und unterstützen die Vorhaben der Bundesregierung hierzu ausdrücklich. Generell möchten wir die Vereinbarkeit von Familie und Beruf durch einen flächendeckenden Ausbau der Betreuungsangebote, insbesondere auch in Randzeiten, und der Unterstützung von Jobsharing- und Topsharing-Modelle, stärken. Geburtsvorbereitungskurse für Väter werden von vielen Krankenkassen als Satzungsleistung angeboten. Aus unserer Sicht sind Satzungsleistungen der jeweiligen Krankenkasse ein wesentlicher Baustein für den Kassenwettbewerb. Änderungen des Katalogs von gesetzlichen Leistungen der Krankenversicherung und grundsätzlich zulässigen Satzungsleistungen wären auf Bundesebene zu entscheiden.

Die Grünen haben dazu geantwortet:

Auch Väter müssen auf die Geburt und die Zeit als Elternteil angemessen vorbereitet werden. Um Familien direkt nach der Geburt zu unterstützen und auch Väter dabei rechtlich zu stärken, hat die Ampel-Koalition auf der Bundesebene vor, eine zweiwöchige vergütete Freistellung des Partners bzw. der Partnerin nach der Geburt einzuführen.

Die SPD hat dazu geantwortet:

Wir wollen die gemeinsame und vor allem partnerschaftliche Rollenaufteilung der werdenden Eltern unterstützen. So wollen wir mit einer Familienarbeitszeit Familien ermöglichen, Arbeitszeiten zu reduzieren und dennoch nicht auf Einkommen verzichten zu müssen. Damit Familien nach der Geburt eines Kindes ausreichend Zeit zum Kennenlernen und Zusammenwachsen haben, führen wir eine Partnerfreistellung nach der Geburt ein. Um den Papierkram in den ersten Wochen des Elternseins zu reduzieren, zum Beispiel beim Elterngeld, wollen wir Familienbüros einführen, die sich um die Antragstellung in den ersten Lebenswochen kümmern und Familien auch später bei der Beantragung von Leistungen und dem Finden passender Angebote unterstützen

Quelle

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Wenn wir eine echte und tatsächliche Gleichberechtigung wollen, dann müssen wir die Väter in den Blick nehmen.

Erstellt von Hans-Georg Nelles am 23. März 2022

Newsletter 2022-02

… dies sagt Collien Ulmen-Fernandes deren zweiteilige Doku zum Thema „Rabenväter oder Superdads“ auf ZDFneo und der Mediathek zu sehen ist. Darin berichten unter anderem fünf Väter aus ihrem sehr unterschiedlichen Alltag. Außerdem kommen Expert*innen zu Wort, um einzuordnen, wo wir aktuell in der Väterforschung stehen und was sich ändern sollte.

In dem Interview äußert Ulmen-Fernandes weiter: „Wenn man anfängt sich mit diesem Thema zu beschäftigen, dann merkt man wie enorm wichtig die Väterforschung ist. Ich selbst setze mich ja schon seit Jahren für Gleichberechtigungsthemen ein und war, als die Redaktion das Thema angefragt hat, nicht vor Begeisterung vom Stuhl gefallen. Ich hatte ja das weibliche Pendant dazu schon gemacht. In der Recherche zum Thema und in der Auseinandersetzung mit der Väterforschung habe ich dann gemerkt, wie wichtig das Thema eigentlich ist“

Die Mitglieder der LAG haben diese Überzeugung ja schon lange und wir hoffen, dass diese Dokumentation den Rückenwind für unsere Arbeit verstärken wird.

Migrationssensible Väterarbeit

Ist das Schwerpunktthema der LAG im m März und April. Im Gespräch mit Prof. Uslucan haben wir auf das Projekt ‚Interkulturelle Väterarbeit in NRW (IVA)‘ zurückgeschaut und beleuchtet, was auch im Hinblick auf die aktuelle Fluchtbewegung aus der Ukraine von Bedeutung sein wird. „Ein Aspekt war auch die soziale Vernetzung. Dass sie erkannt haben: ‚Es ist wichtig, auch mit andern Vätern ins Gespräch zu kommen‘, weil ‚Es sind nicht nur meine Sorgen, sondern es sind Sorgen auch anderer Väter.‘ Und durch diese Väterarbeit auch eine Art von Vernetzung, was letztlich auch Solidarpotenziale aufbauen hilft und dazu führt, dass man auch entlastet ist, weil man merkt, das ist nicht nur etwas, was einen selbst betrifft.“

In dem Werkstattgespräch am 7. April wird Alexander Stathopoulos vom Verband binationaler Familien in Frankfurt über Erfahrungen des Arbeitskreises Migrationssensibler Väterarbeit (MiseV) in Hessen berichten und Erfolgskriterien skizzieren.

Rückblick

Beim ersten Werkstattgespräch dieses Jahres ging es um die Väterpolitik. Eine Zusammenfassung des Gesprächs und den Link zum Download des Vortrags finden Sie hier.

Der 29. Februar ist der Equal Care Day. An diesem Tag, den es nur alle vier Jahre gibt, wird auf die weitgehend unsichtbare Fürsorge Arbeit aufmerksam gemacht. Die LAG Väterarbeit ist ja unter anderem angetreten, Vätern mehr Engagement in Familie zu ermöglichen und das heißt auch mehr Zeit für fürsorgliches Verhalten und die Übernahme von Care Arbeiten.

Dazu haben wir auch den diesjährigen Equal Care Day genutzt. Im Gespräch mit Nantke Garrelts hatte Hans-Georg Nelles am Gelegenheit im Tagesspiegel die Position der LAG darzulegen. Einen Tag zuvor hat Patricia Cammarata die Perspektive der Frauen dargelegt. Am 28. Februar gab es noch einmal einen zusammenfassenden Beitrag.

Ausblick

Am 15. Mai finden in NRW die Landtagswahlen statt und auch auf Landesebene gilt es Weichen für mehr väterliches Engagement zu stellen. Dazu werden wir Ihre Erwartungen zusammenfassen, Fragen an die Parteien stellen und mit verantwortlichen Politiker*innen ins Gespräch kommen.
Im Sommer wird die LAG ‚Väter und Kinder als Opfer von Gewalt‘ thematisieren. Dazu wird es ebenfalls ein Werkstattgespräch in Präsenz, Interviews mit Expert*innen und verschiedene Fachbeiträge geben.

Alle Beiträge und Terminhinweise finden Sie auf der Webseite www.lag-vaeterarbeit.nrw

Termine

5. April 2022, 2. Online Member Meeting der LAG Väterarbeit

7. April 2022, 15:30 bis 17 Uhr, Online Werkstattgespräch ‚Migrationssensible Väterarbeit‘

Migrationssensible Väterarbeit ist wichtig für die Zukunft unserer Gesellschaft. In Großstädten wie Köln oder Frankfurt haben weit mehr als 50 Prozent der schulpflichtigen Kinder einen sogenannten Migrationshintergrund. Die Väter dieser Kinder können einen bedeutsamen Beitrag zu ihrem guten Aufwachsen und Bildungserfolg leisten.

Bei dem Werkstattgespräch am 7. April wird Alexander Stathopoulos vom Verband binationaler Familien in Frankfurt über die Erfahrungen des Arbeitskreises berichten und wir werden gemeinsam überlegen, wie wir diese für die Väterarbeit in NRW nutzen können.

Zu diesem Gespräch können Sie sich hier anmelden:

https://www.surveymonkey.de/r/LAG_20220407

Quelle

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… es muss Geld in die Hand genommen werden

Erstellt von Hans-Georg Nelles am 1. März 2022

Beim Werkstattgespräch der LAG-Väterarbeit am 24. Februar ging es um aktuelle politische Weichenstellungen für Väter: Unterhalts- und Umgangsregelungen, Abstammungsrecht, Vaterschaftsfreistellung, Vereinbarkeit und partnerschaftliche Arbeitsteilung … Die Liste der erforderlichen Reformen im Familienrecht ist lang.

Der Vorsitzende Hans-Georg Nelles, hat auf der Grundlage der Ergebnisse der Fachtagung im November die Vorhaben der neuen Bundesregierung dahingehend überprüft, welche Weichen für mehr väterliches Engagement bereits gestellt, welche geplant und wo noch Umleitungen eingerichtet sind.

Bevor er auf die im Koalitionsvertrag beschriebenen und teilweise von den zuständigen Minister*innen bereits angekündigten Vorhaben einging, skizierte er die Handlungsfelder einer ganzheitlichen Väterpolitik, die sich nicht auf einzelne Lebensabschnitte beschränken dürfen, auch wenn diese, wie die zum Beispiel Geburt(svorbereitung) oder Elternzeit, zentrale Bedeutung haben.

Vor dem Hintergrund der drei Säulen, die der Familienpolitik zugrunde liegen, Geld, Zeit und Infrastruktur, geht vor allem darum, Vätern in allen Lebensabschnitten mehr Zeit mit der Familie und für die Übernahme von Care-Arbeiten zu ermöglichen.

‚Mehr Fortschritt wagen‘ lautet der Titel des Koalitionsvertrags und in zwei Abschnitten geht es um für Väter relevante Politikfelder. ‚Zeit für Familie‘ ist das erste überschrieben und an erster Stelle steht „Wir werden Familien dabei unterstützen, wenn sie Zeit für Erziehung und Pflege brauchen und dabei Erwerbs- und Sorgearbeit partnerschaftlich aufteilen wollen.“ Das klingt gut, die beschriebenen Vorhaben beziehen sich in erster Linie auf Elternzeit und Elterngeld, also die ersten drei Lebensjahre eines Kindes. Die von der ehemaligen Familienministerin Manuela Schwesig 2015 vorgeschlagene ‚Familienarbeitszeit‘, also die Möglichkeit für Väter und Mütter nach der Elternzeit Arbeitszeiten partnerschaftlich zu reduzieren, ist nicht auf der To Do Liste.

Die von der LAG-V unterstützte Forderung nach der Einführung einer Vaterschaftsfreistellung unmittelbar nach der Geburt, ist jedoch dabei und wurde bereits von der Ministerin in Interviews angekündigt.

Der Abschnitt ‚Familienrecht‘ ist mit dem Leitgedanken „Wir werden das Familienrecht modernisieren.“ überschrieben und insbesondere die Punkte

  • Wir werden die partnerschaftliche Betreuung der Kinder nach der Trennung fördern, indem wir die umgangs- und betreuungsbedingten Mehrbelastungen im Sozial- und Steuerrecht besser berücksichtigen.
  • Wir wollen allen Familien eine am Kindeswohl orientierte partnerschaftliche Betreuung minderjähriger Kinder auch nach Trennung und Scheidung der Eltern ermöglichen und die dafür erforderlichen Bedingungen schaffen.
  • Wir wollen im Unterhaltsrecht die Betreuungsanteile vor und nach der Scheidung besser berücksichtigen, ohne das Existenzminimum des Kindes zu gefährden.

wecken die Erwartung, dass der Reformstau der letzten 8 Jahre endlich aufgehoben wird.

Der zuständige Minister Buschmann hat als erste Maßnahme, die er umsetzen möchte, die Änderung der Rechtslage für lesbische Mütter angekündigt. Hier gilt es aus Väterperspektive darauf zu achten, dass das Recht der Kinder auf Kenntnis der Abstammung und der Beziehung zu ihren leiblichen Vätern beachtet wird.

Nach einer kurzen Diskussion über die bundespolitischen Vorhaben ging es im Hinblick auf die am 15. Mai in NRW stattfindenden Landtagswahlen um väterpolitische Anliegen und Forderungen hierzulande.

Vor dem Hintergrund, dass insbesondere im ländlichen Raum kaum Angebote für Väter existieren und abgesehen von einigen Leuchttürmen wie ‚Väter in Köln‘ auch in größeren Kommunen diese Arbeit überwiegend ehrenamtlich gestemmt wird, ist die Forderung nach finanziellen Mitteln für die Väterarbeit gut nachvollziehbar.

Es geht, so waren sich die Teilnehmenden einig, um eine Strukturbildung für Väterarbeit in NRW, die ohne zusätzliche finanzielle Ausstattung nicht erreicht werden kann. Dass Handlungsbedarfe auch in den bereits existierenden Strukturen ‚Familienbildung‘ und Familienberatung‘ bestehen, hat die von der Landesregierung beauftragte Evaluation der familienpolitischen Leistungen ja bereits offengelegt.

Aufgabe der LAG Väterarbeit wird es sein, auch nach den Wahlen im Mai bestehende Gesprächskanäle und Vernetzungen weiter auszubauen und gemeinsam mit den anderen Playern im Feld die Bedeutung fürsorgliches Väterarbeit, gerade auch für die nachhaltige Veränderung von tradierten Rollenbildern und eine geschlechtergerechte Gesellschaft, hervorzuheben.

Quelle

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München schreibt Väterberatungszentrum aus

Erstellt von Hans-Georg Nelles am 14. Februar 2022

Die Stadt München hat eine Ausschreibung für ein Väterberatungszentrum veröffentlicht. In der Ausgangslage zu dem Vorhaben heißt es unter anderem:

Nach fachlicher Einschätzung des Sozialreferates hat sich die Rolle von Vätern* in den letzten Jahren stark verändert. Väter* fühlen sich vermehrt für die Familien- und Erziehungsbereiche mitverantwortlich und nehmen diese auch wahr. Wissenschaftliche Erkenntnisse der Väter- und Familienforschung zeigen auf, dass Väter* weiterhin für die vorhandenen Bildungs- und Beratungsangebote für Eltern und Familien schwer zu erreichen sind. Gleichzeitig hat die hohe Zahl von Trennungen weitreichende Konsequenzen für Familien und kann Einfluss auf das Wohl der Kinder nehmen. Durch die hohe Anzahl hochstrittiger Trennungen, in denen Väter* schwer für Beratungseinrichtungen erreichbar sind, kommt es immer wieder zu Kontaktabbrüchen zu ihren Kindern. Diese starken Trennungskonflikte schaden dem Wohl des Kindes sehr.

Kinder und Familien profitieren von aktiven und zugewandten Vätern*. Engagierte Vaterschaft nützt nicht nur den Vätern* selbst, sondern auch den Kindern und Müttern*.

Gerade für diese Gruppe der „neuen“ Väter* bedarf es Angeboten, die von ihnen akzeptiert werden und auf ihre speziellen Bedürfnisse eingehen, sowohl nach Trennungssituationen als auch im Erziehungsbereich oder bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie in der Partnerschaft.

Um diesen entstandenen Bedarf abzudecken und weiteren Entwicklungen zu begegnen, wurde mit Beschluss des Kinder- und Jugendhilfeausschusses vom 04.02.2020 und der Vollversammlung des Stadtrats vom 19.02.2020 (Sitzungsvorlage Nr. 14-20 / V 17079), sowie dem Beschluss des Kinder- und Jugendhilfeausschusses vom 05.10.2021 und der Vollversammlung des Stadtrats vom 20.10.2021 (Sitzungsvorlage Nr. 20-26 / V 04257) das Sozialreferat mit der Einrichtung eines Väterberatungszentrums als Modellprojekt beauftragt.

Die Modellphase ist über vier Jahre von 2022 bis 2025 vorgesehen. Nach der Evaluation im Jahr 2024 wird das Ergebnis dem Stadtrat zur Entscheidung erneut vorgelegt.

Die erste Seite der Ausschreibung :

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Welche Politik brauchen ‚moderne‘ Väter?

Erstellt von Hans-Georg Nelles am 12. Februar 2022

Am Donnerstagnachmittag hatten Heiner Fischer und ich Gelegenheit, im Gespräch mit Dennis Maelzer und Regina Kopp-Herr unsere Vorstellungen von ‚moderner‘ Vaterschaft zu äußern und darüber ins Gespräch zu kommen, was (Landes-) Politik dazu beitragen kann, diese zu stärken. Zum Beispiel im Kontext der #Vaterschaftsfreistellung, eines neuen Unterhaltsrechts oder durch die Öffnung von (kommunalen) Räumen für #Vaeter, die am Wochenende Umgang mit ihren Kindern in einer anderen Stadt haben.

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Väter sind als Hauptbezugsperson gleichermaßen kompetent

Erstellt von Hans-Georg Nelles am 31. Januar 2022

In einer neuen Studie der Universität Cambridge (Vereinigtes Königreich) wurden Väter, die sich hauptsächlich um das Kind kümmern, mit Müttern, die sich hauptsächlich um das Kind kümmern, und mit Doppelverdiener-Paaren aus Mutter und Vater verglichen. Die Forscher fanden keine statistisch signifikanten Unterschiede in Bezug auf die Qualität der Elternschaft, Depressionen, Ängste, Stress, das Gefühl der sozialen Unterstützung, die Qualität der Ehe, Konflikte mit dem Kind oder das Verhalten des Kindes selbst.

„Die vorliegende Studie stellt die Annahme in Frage, dass Frauen für die primäre Kinderbetreuung besser geeignet sind als Männer … Väter und Mütter sind in der primären Betreuungsrolle gleichermaßen kompetent.“

Auf der Grundlage dieses Ergebnisses empfehlen die Forscher:innen: „Die hohe Qualität der Elternschaft, die von den Vätern in der Hauptbetreuungsrolle gezeigt wird, legt nahe, dass mehr Väter ermutigt werden sollten, sich in der Kindererziehung zu engagieren. Um dies zu erreichen, müssen politische Maßnahmen, die dies erleichtern, wie geteilter Elternurlaub und flexible Arbeit, einschließlich mehr Teilzeitbeschäftigungsmöglichkeiten, sowohl von den Regierungen als auch von einzelnen Unternehmen umfassend gefördert werden.“

Frühere Forschungen zu Vätern, die die Hauptpflege übernehmen, konzentrierten sich häufig auf schwule Väter, die durch Adoption oder Leihmutterschaft Eltern wurden. In diesen Studien wurde auch festgestellt, dass die Anpassung der Kinder positiv war. Die vorliegende Studie erweitert die Untersuchungen auf heterosexuelle Elternpaare.

An der Studie, die zwischen 2017 und 2019 im Vereinigten Königreich durchgeführt wurde, nahmen 41 Väter als Hauptbezugspersonen, 45 Mütter als Hauptbezugspersonen und 41 Doppelverdienerpaare (sowohl Mutter als auch Vater) teil. Die Mütter und Väter waren seit mindestens sechs Monaten die Hauptbetreuer ihrer Kinder im Alter von 3 bis 6 Jahren. Ihr:e Partner:in war der bzw. die Hauptverdiener:in; einige Hauptbetreuer (Väter mehr als Mütter) waren auch teilzeitbeschäftigt oder arbeiteten flexibel von zu Hause aus, verbrachten aber mehr Zeit mit der Betreuung als mit der Arbeit.

In den Doppelverdiener-Familien waren beide Elternteile erwerbstätig und viele arbeiteten Vollzeit. Die Familien waren überwiegend weiß, hatten ein hohes Bildungsniveau und keine ernsthaften finanziellen Schwierigkeiten.

Anhand von Fragebögen und Interviews bewerteten die Forscher mit zuvor getesteten Messinstrumenten Depressionen, Ängste, Stress, soziale Unterstützung, die Qualität der Ehe, die Beziehung zwischen den Eltern, die Akzeptanz/Ablehnung des Kindes durch die Eltern, die Qualität der Elternschaft und das Verhalten der Kinder. Bei der Bewertung des Verhaltens der Kinder füllten die Vorschul- oder Schullehrer der Kinder ebenfalls einen Fragebogen aus.

Diese Studie bestätigt zahlreiche frühere Forschungsergebnisse, die zeigen, dass das Erziehungsverhalten von Vätern und Müttern ähnlich ist und dass sie einen ähnlichen Einfluss auf die Entwicklung der Kinder haben. Väter, die als Hauptbezugspersonen fungieren, beschreiben ihre Rolle in der Regel so, dass sie eine enge Bindung zu ihrem Kind aufbauen.

Quelle

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Familien in der Pandemie: Wir glaubten, wir wären wichtig!

Erstellt von Hans-Georg Nelles am 21. Januar 2022

… aber die Last trugen und tragen die Familien, ist Birk Grüling überzeugt: Wenn die Betreuung wegbricht, springen die Eltern ein. Das ist erstmal gut und richtig. Allerdings  brauchen sie dafür Unterstützung – Corona- Krankentage, mehr Kindergeld, etc. Und im Moment wird die Last der Pandemie ohne Schutz in Schulen und Kita wieder auf die Eltern und Kinder  abgewälzt.

Die Zahlen sehen auf den ersten Blick gut aus, sowohl bei Vätern und Müttern hat die Carearbeit mit 2,6 bzw. 3,1 Stunden täglich zugenommen. Bei Familien mit traditioneller Rollenverteilung hat sich weniger verändert als bei denen, die auch schon vor der Pandemie versucht haben, Erwerbs- und Familienarbeit partnerschaftlich aufzuteilen.

Corona wirkt auch an dieser Stelle wie ein Brennglas: Es gibt keinen Rückschritt, sondern eher die Erkenntnis, dass wir auch vorher nicht  weit genug waren. Damit sich dauerhaft etwas verändert ist es notwendig, dass

  • Unternehmen und Politik den Wert von Familienarbeit und Gleichberechtigung erkennen und Kinderbetreuung, Elternzeit  und aktive Vaterschaft fördern
  • Väter ihre ‚Privilegien‘ als Bezugspersonen dauerhaft verteidigen und ihre Erwerbsarbeitszeiten reduzieren
  • Eltern laut und unbequem werden und stärker für ihre Rechte kämpfen

Eine der Visionen die in der Dialogrunde formuliert wurde lautet: ‚Familienarbeit aus der Tabuzone holen‘. Was damit gemeint ist erläutert Holger Strenz, Moderator de Nachmittags: „Im gesellschaftlichen Kontext gehen wir vom Idealbild der heilen Familie aus, ein Ort von Liebe und Geborgenheit. Treten Probleme und Herausforderungen auf, werden diese schnell individualisiert und stehen in Verantwortung der Eltern. … Nicht zuletzt gehört Familien- und Care-Arbeit nach wie vor zu den unentgeltlichen Leistungen, die für eine Gesellschaft zwar unabdingbar sind, aber eben nicht finanziert und entsprechend anerkannt werden. Nicht zuletzt sehen wir im Umgang mit Familien während der Pandemie, dass zwar Trostpflaster verabreicht werden, wie einmalige Zahlungen, aber dass wir viel mehr über Wirtschaft und Finanzen berichten, als dass die herausfordernde Familien- und Sorgearbeit in den Mittelpunkt gerückt werden.“

Damit alle anfallenden Aufgaben und Arbeiten in Familie gleichberechtigt aufgeteilt werden, ist es erforderlich, Männer und werdende Väter nicht nur als gleichberechtigte Subjekte von Anfang an einzubeziehen sondern ihnen auch die entsprechenden Kompetenzen zuzuschreiben. Dieser Prozess beginnt schon bei der frühkindlichen Bildung:

„Wenn wir {…] etwas ändern wollen, dann müssen wir an individuellen Einstellungen etwas verändern und bei den frühen Sozialisationsinstanzen starten. Kinder müssen erleben können, dass Väter im Alltag anwesend sind und sich ebenso um Kinder kümmern, wie sie ihre bezahlte Arbeit meistern. So braucht es in allen Lebensbereichen männliche Vorbilder, die ein gleichberechtigtes Leben ohne Rollenzuschreibungen anstreben oder bereits realisiert haben. Und hierfür braucht es Männer und Väter die dies auch leben wollen, also davon überzeugt sind, dass dies für sie und für die nachfolgende Generation ein guter Weg ist, Gesellschaft zu gestalten.“ so Strenz.

Damit die Vision Wirklichkeit werden kann, kommt es darauf, Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, dass Männer nicht mit dem ‚Stempel‘ eines Familienernährers aufwachsen und sich als hauptverantwortlich für die finanzielle Absicherung der Familie erleben. Jungen und (werdenden) Vätern brauchen Ermutigung, sich auszuprobieren, den Bereich von Sorgearbeit zu entdecken und sich auch dort zu engagieren.

Take Aways für Väter (und Mütter)

  • nehmen sie sich auch in ‚Pandemiezeiten‘ Raum und Zeit für Partnerschaft
  • tauschen Sie sich regelmäßig über ihre Erwartungen und (Un-)Zufriedenheit aus
  • thematisieren Sie ihre Familiensituation am Arbeitsplatz
  • nehmen Sie rechtzeitig Unterstützung und Beratungsangebote in Anspruch

Anregungen für Kita’s und Familienzentren

  • thematisieren Sie schon in den Familienzentren geschlechtsspezifische Arbeitsteilung
  • überprüfen sie, welche Haltungen und Vorstellungen in Ihrem Team zu dem Thema vorhanden sind
  • ermutigen Sie Väter mehr Verantwortung bei der Sorgearbeit zu übernehmen

Hinweise für Gleichstellungsstellen

  • betrachten Sie Männer und Väter als handelnde Subjekte, die gleichermaßen Gleichberechtigung wollen und auch davon profitieren
  • weisen Sie bei Ihren Angeboten auf die Bedeutung von Männern und Vätern für die Erreichung der Geschlechtergerechtigkeit hin
  • unterstützen Sie Männer und Väter dabei, ihre Haltungen zu hinterfragen und gemeinsam mit ihren Partner:innen neue Modelle auszuhandeln

Zum Download

Der Impuls von Birk Grüling Corona und Care-Arbeit

Die Leitfragen von Dialogrunde und Workshop 5

Die Zusammenfassung der Visionen und Forderungen von Dialogrunde und Workshop 5

Das Interview mit Holger Strenz Männer & Väter als Subjekte im Gleichstellungsprozess

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Mehr Elternzeit für Väter ist überfälliger und guter Schritt nach vorne

Erstellt von Hans-Georg Nelles am 14. Januar 2022

Im Interview mit der WELT äußert sich die neue Familienministerin Anne Spiegel zu ihren Plänen für die kommenden vier Jahre. Auf der Agenda stehen einige der Punkte, die auch die LAG Väterarbeit in NRW seit langem anmahnt. Dies sind zum Beispiel die Vaterschaftsfreistellung, die Weiterentwicklung der Elternzeit und Reformen im Unterhalts- und Umgangsrecht.

WELT: Um mehr Partnerschaftlichkeit in der Kindererziehung zu erreichen, plant die Ampel-Koalition einen Monat mehr Väterzeit in der Elternzeit. Ist das nicht zu kurz gesprungen?

Spiegel: Es ist zunächst mal ein überfälliger und guter Schritt nach vorne, dass wir die Partnermonate um einen Monat erweitern wollen. Man kann jetzt bedauern, dass wir nicht mehr tun. Ich tendiere zu einer anderen Sicht. Wir haben uns mit dem Koalitionsvertrag wirklich viel vorgenommen, und ich kann es kaum erwarten, jetzt loszulegen.

WELT: Überfällig ist auch die Umsetzung der EU-Richtlinie für einen zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub nach der Geburt. Warum kommt Deutschland damit so spät?

Spiegel: Das müssen Sie die Vorgängerregierung fragen. Ich habe mich schon als Landesfamilienministerin in Rheinland-Pfalz dafür eingesetzt. Die Zeit nach der Geburt ist so entscheidend und wichtig, dass es selbstverständlich sein sollte, wenn beide Eltern beim Baby sein können.

WELT: Kinder wachsen in verschiedenen Familienkonstellationen auf. Vor allem Patchwork- und Stieffamilien sind auf dem Vormarsch – ohne dass die sozialen Eltern irgendwelche Rechte haben. Wie wollen Sie das ändern?

Spiegel: Das ist für mich ein absolutes Herzensthema. Es ist dringend erforderlich, dass wir die rechtlichen Rahmenbedingungen an die gesellschaftliche Realität anpassen. In Patchwork-Familien wird oft selbstverständlich Verantwortung füreinander übernommen. Das muss rechtlich abgesichert werden. Wir brauchen ein kleines Sorgerecht für „Bonuseltern“, wie ich sie gerne nenne.

Wir müssen auch endlich dafür sorgen, dass lesbische Mütter, die zusammen ein Kind bekommen, von Anfang an die rechtliche Anerkennung als Eltern bekommen. Und wenn der biologische Vater zum Beispiel aus dem Freundeskreis kommt, sollte auch er die Möglichkeit bekommen, aktiv seine Vaterrolle wahrzunehmen. …

WELT: Auch die bereits existierenden Familienformen sind schon anfällig für Brüche. Ein Großteil der Kinder erlebt die Trennung der Eltern – Streit um Unterhalt und Betreuung inklusive. Was wollen Sie für diese Trennungskinder tun?

Spiegel: Vor allem wollen wir die Trennungs- und Konfliktberatung verbessern und Eltern dabei helfen, das für sie richtige Betreuungsmodell zu finden, zum Beispiel das Wechselmodell. Denn auch nach einer Trennung gibt es viele Möglichkeiten, sich die Betreuung für die Kinder partnerschaftlich aufzuteilen.

Eine Trennung ist eine emotionale Ausnahmesituation, da kann es helfen, sich von Profis beraten zu lassen. Idealerweise einigt man sich danach außergerichtlich auf ein Modell der Betreuung, das dem Kindeswohl am besten entspricht. Wir wollen Partnerschaftlichkeit und die geteilte Verantwortung für Erwerbs- und Sorgearbeit auch in Trennungsfamilien unterstützen.

WELT: Ein solcher Paradigmenwechsel würde große Reformen erfordern. Lässt sich das in dieser Legislaturperiode auf die Beine stellen?

Spiegel: Das ist auf jeden Fall der Plan. Es ist ein sehr komplexes Vorhaben, da vom Umgangsrecht über Unterhaltsregelungen bis zum Steuer- und Melderecht viele Bereiche tangiert sind. Aber der Wille ist da. Wir wollen das jetzt anpacken. Hoffentlich schaffen wir es parallel, die Kinderrechte im Grundgesetz zu verankern. Das wäre eine gute Grundlage, solche Prozesse im Sinne der Kinder zu gestalten. …

Quelle

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