Die deutsche Arbeitswelt blickt gespalten auf das neue Jahr. Wie navigieren Unternehmen durch dieses Spannungsfeld? Voiio, der Dienstleister für Vereinbarkeit zeigt in seinem ‚Kompass 2026‘ Wege auf, wie Unternehmen durch unruhige Zeiten navigieren und die Potenzial Ihrer Mitarbeitenden ‚entfesseln‘ können.
Das erwartet Sie in der Studie:
Exklusive Daten zu den wahren Treibern von Anspannung und Zuversicht: Verstehen Sie die emotionale Lage Ihrer Mitarbeitenden.
Was brauchen motivierte Mitarbeitende jetzt wirklich, um durchzustarten? Entdecken Sie verborgene Potenziale.
Konkrete Handlungsimpulse für mehr Engagement und ein zukunftsfestes Unternehmen: Erhalten Sie einen klaren Fahrplan.
… und dass nicht erst durch Pandemie, Klimakrise und Inflation.
Unter der Überschrift „Ein Tag hat 24 Stunden …“ legt der Vorsitzende
der LAG Väterarbeit in der aktuellen Ausgabe der Deutschen
Hebammenzeitschrift dar, dass mehr Zeit für Familien nur durch eine
Umverteilung von Zeit und die in ihrem Verlauf ausgeübten Tätigkeiten
zwischen Vätern und Müttern entstehen kann.
„Eltern und Familien stehen unter Druck, und dass nicht erst durch
Pandemie, Klimakrise und Inflation. Schon vor 25 Jahren hieß es in der
von der Konrad Adenauer Stiftung beauftragten Studie „Eltern unter
Druck: Selbstverständnisse, Befindlichkeiten und Bedürfnisse von Eltern
in verschiedenen Lebenswelten“: „Eltern stellen heute hohe Anforderungen
an ihre Mutter- und Vaterrolle; sie haben das Bedürfnis und
Pflichtgefühl, in der Erziehung alles richtig machen zu wollen. Der
persönliche Anspruch, diesen Vorstellungen auch in der Praxis zu
genügen, setzt Eltern häufig unter großen Druck. Vor allem Väter
befinden sich in einer unbestimmten Situation: Der Wandel des
Rollenbilds vom Ernährer zum Erzieher kollidiert im Familienalltag mit
den gestiegenen Ansprüchen im Berufsleben.“
Damit ist eine Dimension beschrieben, die „Stress im Familiensystem“
auslösen kann: die eigenen Vorstellungen vom Mutter- Vater- und
Elternsein, die auf Rahmenbedingungen treffen, die in vielen Fällen
nicht förderlich sind. In diesem Beitrag wird jedoch weder davon
ausgegangen, dass Vereinbarkeit eine „Lebenslüge“ ist, noch einer
Selbstoptimierung das Wort geredet. Der Autor beschreibt die
Herausforderungen für Väter und Mütter in verschiedenen
Lebenssituationen, vor allen denen, in denen Weichen gestellt bzw.
Entscheidungen getroffen werden, die für zukünftige Aufteilungen von
bezahlter Erwerbs- und unbezahlter Care-Arbeit bedeutsam sind. Außerdem
werden Wege und Rahmenbedingungen skizziert, die es Vätern und Müttern
erleichtern, ihre mehrheitlich geäußerten Wünsche bzw. Lebenskonzepte
einer partnerschaftlichen Arbeitsteilung tatsächlich zu leben.
„Keine Zeit …“ – Fakten und Gedanken zur Verteilung und Verwendung von Zeit
„Es ist eine Frage der Gerechtigkeit, wie Zeit verteilt ist, wie sie
genutzt werden kann, wie ihr Wert bemessen wird und wie sie erlebt wird.
Menschen sind unterschiedlich zeitarm und unterschiedlich zeitsouverän,
und das ist nicht zufällig, sondern als Ergebnis gesellschaftlicher
Machtstrukturen.“ (Bücker 2022, 14)
Zeiten sind unterschiedlich verteilt. Dies fängt bei Möglichkeit über
ihre Verwendung zu entscheiden an und hört bei der Bezahlung und
Wertschätzung der ausgeübten Tätigkeiten noch lange nicht auf. Wie viel
Zeit bleibt den Menschen in Deutschland neben Arbeit, Schule oder
Haushalt für Freundschaften und Familie? Wie viel Zeit wenden Männer und
Frauen für „Care-Arbeit“, also unbezahlte Arbeit wie Kinderbetreuung,
Hausarbeit, Ehrenamt oder Pflege von Angehörigen auf? Antworten auf
diese und weitere Fragen liefert die Zeitverwendungserhebung, kurz ZVE,
die alle 10 Jahre durchgeführt wird.
Die aktuell vorliegenden Zahlen stammen aus dem Jahr 2012. Mütter
bzw. Väter mit Kindern wenden für die Bereiche ‚Erwerbstätigkeit‘,
‚Haushaltsführung und Betreuung‘ sowie ‚Ehrenamt, freiwilliges
Engagement‘ in der Summe 8 Stunden und 26 Minuten bzw. 8 Stunden und 31
Minuten auf. Der Anteil Haushaltsführung und Betreuung beträgt bei den
Müttern 5 Stunden 46 Minuten und bei den Vätern 3 Stunden und 1 Minute.
Die tägliche Zeitverwendung für unbezahlte Arbeit ist bei den Vätern von 2001/2002 bis 2012/2013 um 7 Minuten gestiegen, Mütter haben diese Tätigkeiten im selben Zeitraum um 6 Minuten reduziert. Von einer Gleichstellung der Geschlechter kann also weder bei der bezahlten noch bei der unbezahlten Arbeit gesprochen werden. Nach wie vor liegt eine geschlechtsspezifische Arbeitsteilung vor, wobei Väter insgesamt (unbezahlt wie auch bezahlt) täglich 13 Minuten mehr arbeiten als Mütter. …“
Unsere Kurzbefragung ist zwar nicht repräsentativ, gibt uns
als LAG-Väterarbeit aber wichtige Anhaltspunkte, wie unsere Mitglieder und ‚Follower*innen
auf den verschiedenen Kanälen ‚ticken‘, wo wir mit unserer Arbeit ansetzen
können und welche Herausforderungen und Stolpersteine noch bewältigt bzw. aus
dem Weg geräumt werden müssen. Vielen Dank, dass Sie sich auch diesmal
beteiligt haben.
Insgesamt haben wir Ihnen diesmal 5 Fragen gestellt. Die
erste ist identisch mit einer, die auch der kürzlich veröffentlichten
Väterstudie der TU Braunschweig und der FH Kiel (VAPRO) gestellt wurde:
Wodurch
zeichnet sich ein ‚guter Vater‘ aus?
LAGV
VAPRO
Zeit mit dem
Kind zu verbringen
56,06 %
27 %
Dem Kind
etwas beibringen
3,03%
12,1 %
Dem Kind
Zuneigung zeigen
39,39%
59,5 %
Dem Kind
(finanzielle) Sicherheit bieten
1,52 %
1,4 %
Bei den Ergebnissen zeigt sich, dass die klassische Vaterrolle des finanziellen Versorgers in beiden Befragungen keine Rolle mehr spielt. Zeit mit dem Kind zu verbringen, wird in unserer Befragung mit 56 % doppelt so häufig als Eigenschaft eines ‚Guten Vaters‘ benannt., Zuneigung zeigen mit 40 % rund 20 % weniger als bei der VAPRO Befragung.
Bei der zweiten Frage ging es um die Einschätzung von
folgenden Behauptungen:
Für ein Kind ist es problematisch, wenn der
Vater die Erziehung allein der Mutter überlässt
Väter sollten für ihre Kinder beruflich
‚kürzertreten‘
Es liegt nicht in der ‚Natur des Mannes‘,
Hausmann zu sein
Ein Mann muss seine Familie ernähren können
Der Vater sollte sich genauso stark an der
Kindererziehung beteiligen wie die Mutter
Bei den Antworten zeigt sich eine große Zustimmung zu der
aktiven Beteiligung von Vätern an der Erziehung ihrer Kinder. Sichtbar werden
aber hier teilweise noch die Widersprüche bei den Erwartungen und
Zuschreibungen bezüglich der ‚Ernährerrolle‘.
Der Behauptung, Väter sollten für ihre Kinder beruflich ‚kürzertreten‘ stimmen lediglich gut 40% zu.
David Juncke hat an dem gerade erschienen Väterreport mitgewirkt. Bei der Fachtagung der LAG Väterarbeit am 16. November wird er zentrale Ergebnisse präsentieren.
Herr Juncke, welche Botschaft verknüpfen Sie mit dem aktuellen Väterreports?
Vielen Vätern ist es heute wichtig, Zeit mit der Familie zu verbringen und die Familien- und Erwerbsarbeit mit der Mutter partnerschaftlich zu teilen. Die Umsetzung dieser Wünsche wird jedoch zum einen durch äußere Rahmenbedingungen, zum anderen durch die Haltung der Väter selbst erschwert. Die Covid-19-Pandemie stellte Familien zusätzlich vor Herausforderungen, eröffnete jedoch gleichzeitig Chancen. Prognos untersuchte im Auftrag des Bundesfamilienministeriums die Wünsche der Väter von heute, deren Umsetzungsmöglichkeiten, Chancen und Hürden. Die neue Veröffentlichung ist ein Update und knüpft an die Väterreports vergangener Jahre an.
Was sind zentrale Ergebnisse des Väterreports Update 2021?
Während der Covid-19-Pandemie kümmerten sich viele Väter um die
Bildung und Betreuung ihrer Kinder. Die Erfahrungen, die Familien,
Politik und Wirtschaft in der Pandemie gemacht haben, können in Zukunft
zu einem Treiber dafür werden, dass mehr Eltern partnerschaftlich
Familie und Beruf vereinbaren können. Der Väterreport von Prognos
untersuchte in diesem Zusammenhang, was sich Väter in Familie und Beruf
wünschen und ob sie diese Wünsche inzwischen häufiger umsetzen. Welche
Rolle spielen dabei Arbeitgeber oder betriebliche Rahmenbedingungen? Und
welche Veränderungen und Chancen brachte die Covid-19-Pandemie mit
sich? Hierzu wertete Prognos aktuelle und repräsentative Befragungen und
amtliche Datensätze aus.
Betrachtet wurden die Väter aus verschiedenen Perspektiven: in ihrer
Rolle in der Familie, im Beruf und in Zusammenhang mit der
Covid-19-Pandemie. Eine Sonderstichprobe untersuchte Väter, die heute
nicht mehr mit ihren Kindern zusammenleben. Diese Gruppe von Vätern war
in der bisherigen wissenschaftlichen Literatur unterrepräsentiert. Die
Ergebnisse zeigen, dass sich auch für diese Väter das Leitbild von
Vaterschaft verändert hat.
Kann die Pandemie auch als Chance für väterliche Engagement betrachtet werden?
Die Ergebnisse zeigen, dass Väter heute ganz andere Rollenbilder,
Erziehungsziele und -prinzipien haben als früher und sie haben auch die
Chance, diese zu verwirklichen. Viele Väter wollen sich mit den Müttern
die Familien- und Erwerbsarbeit partnerschaftlich teilen – auch nach
einer Trennung. Staatliche Leistungen wie Elterngeld und Elternzeit, die
von immer mehr Vätern genutzt werden, unterstützen partnerschaftliche
Vereinbarkeit. Auch die Unternehmen haben erkannt, dass sie ihr Angebot
betrieblicher Personalpolitik auch auf Väter ausrichten müssen, um
Vorteile bei der Mitarbeiterbindung und -gewinnung zu haben.
In der Pandemie kam es zeitweise zu einer unfreiwilligen Reduzierung der
Erwerbstätigkeit von Vätern. Über flexible Arbeitszeitmodelle,
Homeoffice und Arbeitszeitreduzierung konnte ein Teil der Väter erstmals
erproben, wie ein partnerschaftliches Familienmodell im Familienalltag
funktioniert. Auch Unternehmen zeigten sich in den Hochphasen der
Pandemie aufgeschlossen und unterstützen Familien durch eine innovative
Vereinbarkeitspolitik.
Wie Sie sich selbst, Arbeit und Familie so organisieren, dass (fast) nichts zu kurz kommt.
Den Weg, diesen Herausforderungen zu begegnen skizziert Felicitas
Richter, die selbst seit 20 Jahren mit vier Kindern im HomeOffice
arbeitet, in ihrem in der Reihe ‚Beck kompakt‘ erschienenen Ratgeber ‘HomeOffice mit Familie‘.
Dass es dafür einen großen Bedarf gibt, skizziert sie zu Beginn des
Bandes. Durch die Nutzung der eigenen Wohnung als Arbeitsplatz im Zuge
des ersten Lockdowns im Frühjahr 2020 sind viele Arbeitnehmende von
jetzt auf gleich, relativ unvorbereitet mit dem Firmenlaptop an den
Küchentisch umgezogen oder mussten ihre eigenen Ressourcen zu Hause
nutzen. Die seit der industriellen Revolution immer weiter durchgesetzte
Trennung von Beruf und Familie in getrennte Sphären von jetzt auf
gleich weitgehend aufgelöst. ‚Nine to five‘ als ‚Schutzmauer‘
eingerissen, galt und gilt es doch auch, geschlossene Schulen und
Kinderbetreuungseinrichtungen zumindest zeitweise zu ersetzen und die
Kinder zuhause zu betreuen und zu beschulen und Erwerbs-Arbeit in Zeiten
außerhalb des Familienlebens zu verlagern.
„Papa was, ist die Quadratur des Kreises?“ fragt der Sohn seinen ihm
gegenübersitzenden Vater in der auf der Titelseite der Studie „Thüringer
Familien in Zeiten von Corona“ abgebildeten Karikatur. „HomeOffice und
Homeschooling“ antwortet dieser. Damit sind zwei Themen angesprochen,
die in dem Ratgeber zwar mitschwingen, aber nicht explizit bearbeitet
werden. Ich meine damit zum einen die Erwartungen an und das Verhalten
von Vätern, die im Homeoffice arbeiten und das ‚Chaos‘ in der Familie
scheinbar unberührt an sich abprallen lassen. Zum anderen geht es um die
tatsächliche Unmöglichkeit, die volle Arbeitsverpflichtung zu leisten
und parallel dazu Kinder zu beschulen. Und damit meine ich nicht die
mangelnde fachliche und pädagogische Qualifikation von Müttern und
Vätern. Die Versuche es doch zu leisten enden vielfach in Überforderung
und Erschöpfung.
Aber auch ohne diese aktuellen Bezüge sind die Ausführungen der
Autorin sehr wertvoll. Sie gibt nicht nur einfach Tipps, sondern geht
das Thema von den individuellen Voraussetzungen, über die systemischen
Zusammenhänge in Familien bis hin zu den Voraussetzungen bei der
familienkompatiblen Arbeits(platz)gestaltung.
Die Arbeit im HomeOffice ist attraktiv, fallen doch die unter
Umständen langen An- und Abfahrten zum Büro weg. Beantworten muss aber
Jede und Jeder für sich die Frage, ob ich der Typ bin, der sich alleine
motivieren und strukturieren kann, ob das an zwei oder drei Tagen mit
klar umrissenen Arbeitsaufträgen gut geht und in welchem Maße der
persönliche Austausch mit Kolleg:innen gut geht. Videokonferenzen sind
zwar inzwischen gängige Praxis, die Kommunikation mit und zwischen den
Kästchen auf die Dauer im wahrsten Sinne des Wortes ‚eindimensional‘.
‚Die Familie als Team‘ lautet die Überschrift des 3. Kapitels. Ja,
Familie und Kinder profitieren grundsätzlich davon, wenn Eltern präsent
sind und sie mitbekommen, was Mama und Papa arbeiten, aber … Es braucht
klare Abgrenzungen und Regelungen. Hier schöpft Felicitas Richter vor
dem Hintergrund ihrer Erfahrungen aus dem Vollen und ihre Hinweise sind
nicht nur für HomeOffice Neulinge Insbesondere ihr Blick auf die
Partnerschaft ‚es geht nur zusammen‘ hilft, mit aufkommenden Konflikten
konstruktiv umzugehen.
Schließlich geht es auch noch darum, die Arbeit im HomeOffice
(grundsätzlich) so zu gestalten, dass sie mit Familie und Kindern
kompatibel ist. Und das nicht nur von den Arbeitsabläufen und der
technischen Ausstattung her, sondern auch im Hinblick auf die
erforderlichen Unterstützungssysteme.
Das dazu auch Absprachen mit den Arbeitgebenden gehören ist
eigentlich banal, in den Zeiten nach dem Lockdown mit ‚verpflichtendem‘
HomeOffice, wird sich zeigen, welche Konsequenzen aus dem großen
Experiment gezogen werden.
Auf den letzten Seiten werden die wichtigsten Punkte noch einmal in
Form einer Checkliste zusammengefasst. Der handliche Ratgeber ist in
jedem Fall empfehlenswert, für die, die schon lange diese Arbeitsform
gewählt haben. Für diejenigen, die vor gut einem Jahr Hals über Kopf die
Büros verlassen sollten und auch für diejenigen, die jetzt am liebsten
wieder in die Ruhe des Büros flüchten würden, aber vielleicht doch
zunächst die Erfahrungen der letzten 14 Monate aufarbeiten möchten. Und
wie gesagt, es geht nur gemeinsam!
Der schwedische
Automobilhersteller Volvo bietet seinen 40.000 Mitarbeitern weltweit ein
großzügiges Elternzeit – Programm an. Die Mitarbeitenden haben dann
Anspruch auf 24 Wochen bezahlte Elternzeit und erhalten während dieser
Zeit 80 % ihres Grundgehalts. Die globale Richtlinie gilt für beide
Elternteile und der Urlaub kann jederzeit innerhalb der ersten drei
Jahre der Elternschaft genommen werden.
„Wenn Eltern dabei unterstützt werden, die Anforderungen von Beruf
und Familie unter einen Hut zu bringen, trägt dies dazu bei, die Kluft
zwischen den Geschlechtern zu schließen, und ermöglicht es allen, sich
beruflich weiterzuentwickeln”, sagte Hakan Samuelsson,
Vorstandsvorsitzender von Volvo Cars.
Die Umsetzung der Richtlinie folgt auf ein 2019 gestartetes
Pilotprojekt, bei dem 46 % aller Bewerber Väter waren. Es gilt für alle
gesetzlich registrierten Eltern, einschließlich Adoptiv-, Pflege- und
Leiheltern sowie nicht leiblichen Eltern in gleichgeschlechtlichen
Paaren.
Um die Inanspruchnahme des Programms zu fördern, hat das Unternehmen
auch seine Kommunikationsstrategie geändert, um 24 Wochen als
Standardoption für neue Eltern zu präsentieren.
“Indem wir alle unsere Mitarbeiter in die bezahlte Elternzeit
schicken, verringern wir die Kluft zwischen den Geschlechtern und
erhalten eine vielfältigere Belegschaft, was die Leistung steigert und
unser Geschäft stärkt”, sagte Volvo-Sprecherin Hanna Fager.
„Es bedarf einer mutigen Reform“ – Interview mit PD Dr.
Martin Bujard (Präsident der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft Familie, eaf)
über die Rolle der Väter in Vereinbarkeitsmodellen von Familie und Beruf
Herr Bujard, die eaf bündelt die vielen evangelischen
Institutionen im Bereich Familie und gibt ihnen eine Stimme gegenüber der
Politik. Dabei geht es um Kinderrechte und Kinderschutz, um Unterstützung für
Familien und um Elternschaft mit all ihren Anforderungen und Bedürfnissen. Was
macht die Tagung „Männer Leben Beruf“ für Sie als Präsident der eaf interessant
und wo sehen Sie die Berührungspunkte?
Martin Bujard: Die Debatten um die Vereinbarkeit von Familie
und Beruf werden vielfach auf Frauen, auf Mütter reduziert. Dabei sind Väter
ein Schlüssel, damit Vereinbarkeitsmodelle gelingen. Das ist lange unterschätzt
worden, auch die Politik hinkt hier teilweise hinterher. Wir dürfen Männer nicht
als „Bystanders“ in diesem Diskurs betrachten, der sie eigentlich nichts
angeht, sondern müssen sie mit hineinholen. Das genau macht die Tagung, indem
sie Väter in den Mittelpunkt stellt. Das ist gut! Denn wir brauchen bei diesem
Thema mehr kulturelle Akzeptanz, vor allem auch bei den Arbeitgebern.
Im Einladungstext wird nicht nur auf Väter, sondern
genereller auf die „Bedürfnisse eines veränderten Männerlebens“ Bezug genommen.
Wie nehmen Sie diese wahr?
„Das Männerleben“ gibt es natürlich nicht, aber es gibt
schon gewisse Generationenerfahrungen, die sich in der Tat verändern. Die
mittlere Männergeneration hat jetzt 13 Jahre Elterngeld erlebt – diese
Möglichkeiten hatten ihre Väter – die Großvätergeneration – nicht. Leider nutzt
nur ein gutes Drittel der Väter Elternzeit. Diejenigen aber haben in der
Elternzeit erfahren, dass es beglückend ist, sich in die Familie einzubringen,
die Fürsorge für die Kinder mit zu übernehmen. Väter arbeiten zum Teil mehr als
Männer ohne Kinder im Beruf, mit Familienarbeit kommen viele auf bis zu 60-70
Stunden pro Woche, um aktive Väter zu sein. Wie Mütter sind sie in der Rushhour
des Lebens, wenn die Kinder klein sind. Häufig können Väter ihren Wunsch, ein
aktiver Vater zu sein, aber nicht so umsetzen, wie sie möchten. Die noch
jüngere Männergeneration ist mit einem egalitären Weltbild groß geworden: Sie
möchten die Dinge gern partnerschaftlich regeln und für beide ein erfüllendes
Berufs- und Privatleben realisieren. Aber sobald Kinder da sind, stellen sie
fest, dass Wunsch und Wirklichkeit nicht leicht in Einklang zu bringen sind.
Kommt hier Ihr Konzept der „dynamischen Familienarbeitszeit“
ins Spiel, mit dem Sie im Tagungsprogramm angekündigt sind?
Ja, das Konzept sieht vor, eben diese Kluft zwischen Wunsch
und Wirklichkeit zu reduzieren. Vereinbarkeit findet im Lebenslauf statt. Wenn
die Kinder sehr klein sind, ist der Bedarf an Zeit für Fürsorge sehr groß.
Heute sieht das dann meist so aus, dass Mütter halbtags Erwerbsarbeit nachgehen
und Väter voll und mehr arbeiten. Deshalb schlagen wir mit der dynamischen
Familienarbeitszeit einen Korridor vor, der etwa bis zum Schuleintritt der
Kinder greifen soll und in dem beide Elternteile 60-90 Prozent, also in
vollzeitnaher Teilzeit arbeiten. Ganz wichtig wäre, dass dabei die
unterliegenden Vorstellungen von Karriere bei den Arbeitgebern sich ändern. In
der Rushhour des Lebens muss es für Männer und Frauen möglich gemacht werden,
bei temporär reduzierter Arbeitszeit keine Karriereeinbußen zu erleiden und
partnerschaftlich Familie zu leben. Wir lesen seit Jahren die immer gleichen
Ergebnisse in Umfragen, dass Männer mehr Zeit für die Familie möchten und viele
Frauen gern stärker am Berufsleben teilhaben würden. Das müssen wir nun endlich
in die Realität umsetzen, da bedarf es einer mutigen Reform.
Der Anspruch von Boris an sich selbst ist sehr hoch: Der
zweifache Vater will zu Hause und bei der Arbeit alles geben, „das Beste
aus meinem Leben rausholen“, auch wenn das heißt, dass er in manchen
Nächten nur drei oder vier Stunden schläft.
Das letzte Mal mit einem Freund unterwegs war Boris vor drei
Jahren, erzählt er. Er möchte gerne, dass seine Kinder später von ihm sagen
„dass er ein toller Papa war, der Beste“. Dafür hat Boris seinen
gutbezahlten Posten als Facharbeiter bei einem großen Pharmakonzern gegen einen
Job bei einem Mittelständler getauscht. Er ist jetzt nicht mehr täglich drei
Stunden auf der Autobahn, aber das heißt für die Familie auch: weniger Geld.
Seine Frau geht deswegen wieder arbeiten. Er steht nun um
vier Uhr morgens auf, um am Nachmittag wieder zu Hause zu sein – dann geht
seine Frau arbeiten und er versorgt die beiden Kleinkinder. Das ist ein
täglicher Spagat. Laut Väterreport des Bundesfamilienministeriums fänden es 60
Prozent der Väter ideal, sich den Alltag partnerschaftlich zu teilen,
verwirklicht wird es aber nur von 14 Prozent.
Immer im Hamsterrad, rund um die Uhr funktionieren – 40
Prozent der Väter fühlen sich laut einer Familienstudie der AOK zeitlich
überlastet und 82 Prozent der Kinder zeigen Stresssymptome, so eine Studie der
Uni Bielefeld.
Das ist in den vergangenen Wochen und Monaten mehr als deutlich geworden. Die Bedeutung beschränkt sich allerdings nicht nur auf die Notwendigkeit Kinder während der Erwerbstätigkeit von Müttern und Vätern zu betreuen. Es geht vielmehr auch um die Entwicklungsmöglichkeiten von Kindern und um Bildungsgerechtigkeit. Auf die katastrophalen Auswirkungen von Schulschließungen, im Juli waren in 160 Länder von Schulschließungen betroffen, hat letzte Woche auch UN-Generalsekretär Antonio Guterres hingewiesen.
In Deutschland enden in den nächsten Wochen die Schulferien
in den Bundesländern und es wird über erforderliche Schutzmaßnahmen diskutiert.
Unstrittig ist, dass Schließungen von Schulen und Kitas auf jeden Fall
vermieden werden sollen.
Im April und den folgenden Wochen haben geschlossene Bildungs- und Kinderbetreuungseinrichtungen dazu geführt, dass Väter und Mütter diese Aufgaben komplett übernehmen mussten und Kinder und Jugendliche einzig über Socialmedia und andere technische Medien Kontakt zu Gleichaltrigen aufnehmen konnten bzw. auf sich alleine gestellt waren. Dies hat nicht nur Eltern ge- und in großen Teilen überfordert, eine aktuelle Studie des UKE in Hamburg weist auf die psychische Belastung der Kinder und Jugendlichen hin. Demnach fühlen sich mehr als 70 Prozent der befragten Kinder und Jugendlichen durch die Corona-Krise seelisch belastet. Stress, Angst und Depressionen haben zugenommen. Das Risiko für psychische Auffälligkeiten habe sich fast verdoppelt.
Um Kindern einen Austausch mit Gleichaltrigen zu ermöglichen und Eltern im Homeoffice zumindest für eine oder anderthalb Stunden ein konzentriertes Arbeiten zu ermöglichen, hat Sabine Wildemann ihrem Startup ‚Kids Circle‘ bereits Ende März ein virtuelles Kinderhaus mit unterschiedlichen, themenorientierten Zimmern und einem Wohnzimmer ‚gebaut‘. Dort werden in zwei Betreuungsformaten, interaktive Videokonferenzen mit abwechslungsreichen Inhalten, jeweils 4 Kinder ab 4 Jahren von einem Coach betreut. Die Betreuer sind pädagogisch vorgebildet und werden auf der Webseite persönlich vorgestellt.
Die Anlässe, die Angebote von Kids Circle zu nutzen, seit Ende
Juli sind neben den Onlineangeboten auch Spiel- und Erlebnisangebote im Freien
im Programm, gehen über Corona bedingte Schließungen hinaus: Es gibt Bedarf an
erweiterten Betreuungszeiten über KiTa und Schule hinaus, In den Ferien und bei
KiTa-Schließzeiten, als Unterstützung bei Tätigkeit im Home-Office und als Plan
B bei kurzfristigem Ausfall von Betreuungspersonen.
Sabine Wildemann wird mit ihrem Angebot insbesondere bei der
Zielgruppe der Eltern mit akademischem Hintergrund die sportlich und kulturell
interessiert sind und ihren Kindern entsprechende Möglichkeiten einräumen
möchten auf Interesse stoßen. Die Qualität der Angebote inklusive eines
Hygienekonzepts hat seinen Preis, eine Onlinestunde kostet 14 bzw. 15 Euro, für
die Kinderbetreuung Nebenan ist je nach Angebot 18 bzw. 21 Euro fällig. Da
liegt es nahe, auch Arbeitgebende zu adressieren und sie an den Kosten des
Angebots zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu beteiligen.
Wie verändern uns Abstand, Isolation und unsichere
Lockerungen? Welcher Gefühlskreislauf kommt in Gang durch Isolation, Quarantäne
und Fernbeziehungen? Und wie kann man als Familie, Paar oder als Single durch
diese Zeit kommen, deren Maßnahmen womöglich noch für Monate den Alltag
bestimmen werden?
Solchen und weiteren Fragen nimmt sich eine neue Broschüre des Zentralinstituts für Ehe und Familie in der Gesellschaft (ZFG) der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt (KU) an. Die Publikation enthält viele wissenschaftlich erforschte und bewährte Inspirationen sowie Verhaltensregeln, um die vielfältigen Belastungen zu reduzieren und zu meistern. Sie wird der Bevölkerung kostenlos zum Download zur Verfügung gestellt. Das Spektrum der Beiträge reicht vom Entwickeln und Einhalten einer Tagesstruktur über den Umgang mit Einsamkeit und Fernbeziehungen bis hin zu Tipps für Eltern – differenziert nach dem Alter des Nachwuchses.
„Mit dieser Broschüre möchten wir Familien und allen, die in
Ehe und Partnerschaft leben, Informationen an die Hand geben, die sie bei der
Bewältigung dieser Situation unterstützen sollen. Ziel ist es, auf der Basis
wissenschaftlicher Expertise ganz konkrete Tipps und Hinweise für die Praxis zu
geben. Auch dies ist Aufgabe einer Universität. Wir hoffen, dass diese
Broschüre daher vielen Familien, allen, die in Ehe und Partnerschaft leben,
sowie Singles und Alleinstehenden eine wertvolle Hilfe ist“, erklärt
ZFG-Direktor Prof. Dr. Klaus Stüwe.