…ein kurzer Zwischenruf zum unsäglichen Vorschlag, das Recht auf Teilzeit zu schleifen.
2014 habe ich gemeinsam mit Andy Keel beim damaligen BMFSFJ und dem Arbeitsministerium den Antrag gestellt, das in der Schweiz erfolgreich laufende Projekt ‚Der Teilzeitmann‘ auch in Deutschland an den Start zu bringen. In dem Antrag hieß es unter anderem:
„Nicht nur die aktuellen Diskussionen machen deutlich, viele Männer und Väter wollen Erwerbsarbeitszeiten reduzieren, um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie besser zu meistern. Jedoch nur wenige machen diesen Schritt. Jeder Mann, der seine Arbeitszeit reduziert übt eine Vorbildfunktion aus, insbesondere in Führungspositionen. In dem Maße in dem Männer kürzer arbeiten, können Frauen ihren Anteil an der Erwerbsarbeit ausdehnen. Mit einer Erhöhung des Männeranteils bei Teilzeit werden also elementare Fundamente für eine gleichberechtigte Zukunft von Männern und Frauen in der Erwerbsarbeit gesetzt.
Zentrales Ziel des Projekts TEILZEITMANN ist die Beeinflussung der Erzählweisen zu Rollenbildern und –zuweisungen für Jungen, Männer und Väter im Kontext von Erwerbsarbeitszeiten und die Verbreitung ‚anderer‘ Geschichten. Diese beinhalten vor allem neue Möglichkeiten und Wirklichkeiten für Jungen, Männer und Väter und entlarven bislang übliche ‚männliche‘ Verhaltensweisen und überlange Arbeitszeiten humorvoll.
Wenn es einen Wirklichkeitssinn gibt, schreibt Musil im Mann ohne Eigenschaften, dann muss es auch einen Möglichkeitssinn geben. Der Möglichkeitssinn zielt auf das, was nicht ist, aber ebenso gut sein könnte. Als Sinn für mögliche Wirklichkeiten verhält er sich zum Wirklichkeitssinn, dem Sinn für wirkliche Möglichkeiten, quasi spiegelverkehrt. Denn im gleichen Maße, wie die Wirklichkeit Möglichkeiten weckt, können eben auch aus Möglichkeiten Wirklichkeiten erwachsen.
Das gilt heute noch genauso wie vor 12 Jahren und ich denke, ganau das soll verhindert werden, das Männer und Väter von den Möglichkeiten, mehr Leben in ihr Leben zu bringen, Gebrauch machen.
Sie sind herzlich eingeladen an einer Studie teilzunehmen, die erstmalig für Deutschland die Lebenssituationen von Vätern von einem Kind mit einer Behinderung ins Blickfeld rückt.
Hintergrund und Anlass der Studie ist die Tatsache, dass wissenschaftliche Untersuchungen, die (neben Müttern) auch Väter als positiv wirkende Bezugsperson ihrer Kinder systematisch einbeziehen, international wie national immer noch eine Seltenheit sind. Studien, welche Väter in Familien von Kindern mit einer Behinderung einbeziehen, sind in Deutschland bisher noch gar nicht durchgeführt worden!
Das Ziel dieser Umfrage ist es deswegen, für Deutschland erstmalig umfassende und differenzierte Ergebnisse zum Selbstbild, dem Engagement und den alltäglichen Herausforderungen von Vätern von Kindern mit einer Behinderung zu gewinnen, um daraus Impulse für die Entwicklung oder Verbesserung von Unterstützungsmaßnahmen für Väter und die betroffenen Familien insgesamt abzuleiten.
Mit „Behinderung“ des Kindes sind grundsätzlich dauerhafte Entwicklungsbeeinträchtigungen ganz unterschiedlicher Artgemeint (z.B. auch ADHS oder Autismus), die zu verschiedensten Teilhabeeinschränkungen führen können.
Die Studie umfasst verschiedene Fragen zur persönlichen Lebenssituation sowie zu Einstellungs- und Verhaltensaspekten Ihrer Rolle und den alltäglichen Anforderungen als Vater eines Kindes mit Behinderung. Jede familiäre Situation mit einem Kind, zumal mit Entwicklungsbeeinträchtigung, ist sehr individuell und damit unterschiedlich! Zugleich muss die Befragung aus Gründen der Vergleichbarkeit mit vorgegebenen Frage-Antworten-Sets arbeiten, die u.U. nicht für jede persönliche Situation gänzlich „passt“.
Die Ergebnisse dieser Studie sollen ergänzend zu Antworten von Vätern von Kindern mit „altersgemäßer“ Entwicklung in Relation gesetzt werden. Hierfür stellen wir Ihnen am Ende der Befragung einen Link für eine separate Online-Befragung zur Verfügung, den Sie möglichst bitte an einen Ihnen bekannten Vater weiterleiten, der ein Kind (ab 2 Jahren) ohne eine Entwicklungsbeeinträchtigung hat.
Bitte beachten Sie, dass sich diese Befragung ausschließlich an biologische Väter (Mindestalter: 18 Jahre) mit (mind.) einem Kind (Mindestalter: 2 Jahre) mit einer Behinderung richtet.
Die Bearbeitungsdauer beträgt ca. 15-20 Minuten. Weiterlesen »
Frauen-Netzwerke gelten in vielen Unternehmen als zentrale Maßnahme, um den Frauenanteil in Führungspositionen zu erhöhen. Eine neue Studie von Prof. Dr. Karin Kreutzer, Patricia Hein und Maikki Diehl zeigt: Ob solche Formate tatsächlich Empowerment fördern oder unbeabsichtigt bestehende Ungleichheiten verfestigen, hängt entscheidend von ihrer Gestaltung ab.
„Viele Unternehmen wollen mit Frauen-Netzwerken Gleichstellung fördern. Unsere Ergebnisse zeigen jedoch, dass diese Initiativen schnell kontraproduktiv wirken können, wenn sie vor allem darauf abzielen, Frauen an bestehende – häufig männlich geprägte – Praktiken anzupassen“, erklärt Karin Kreutzer.
Besonders kritisch bewerten die Autorinnen ein paradoxes Muster: Obwohl Unternehmen Gleichstellung betonen, reproduzieren sie durch bestimmte Netzwerkformate subtile Formen von Diskriminierung. In der Forschung wird dies als „benevolent sexism“ bezeichnet – eine scheinbar wohlwollende Haltung, die Frauen als schutzbedürftige Empfängerinnen von Unterstützung adressiert und kollektives Handeln eher bremst als stärkt. Statt strukturelle Ungleichheiten zu hinterfragen, geraten Frauen so in die Rolle derjenigen, die sich an bestehende Macht- und Karrierelogiken anpassen sollen.
Dies gilt umso mehr, wenn Männer und Väter nicht gleichermaßen als Subjekte im Gleichstellungsdiskurs angesehen werden und eine partnerschaftliche Aufteilung von Erwerbs- und Carearbeit nicht thematisiert wird.
Die Studie zeigt außerdem, unter welchen Bedingungen Frauen-Netzwerke ihr Potenzial entfalten können. Erfolgreich sind sie insbesondere dann, wenn:
sie auf konkrete Ergebnisse ausgerichtet sind statt auf symbolische Sichtbarkeit,
sie zukunftsorientiert arbeiten und nicht vermeintliche Defizite adressieren,
sie Hierarchien abbauen, sodass Frauen die Formate eigenständig prägen können.
Netzwerke sind also keine Reparaturinstrument für individuelle Defizite, sondern können Katalysator für strukturellen Wandel sein. Voraussetzung ist jedoch, dass sie nicht als gut gemeinte „Hilfe“ verstanden werden, sondern als Raum, um diskriminierende Strukturen sichtbar zu machen und zu verändern.
Als das Väterexpertennetz Deutschland (VEND-eV) 2005 gegründet wurde, war Vaterschaft noch ein Randthema. Männer galten überwiegend als Ernährer, pädagogische Fragen oder emotionale Nähe spielten in der öffentlichen Wahrnehmung kaum eine Rolle. Zwei Jahrzehnte später zeigt sich ein tiefgreifender Wandel – in den Lebensrealitäten von Vätern, in gesellschaftlichen Erwartungen und in den fachlichen Debatten, die VEND-eV maßgeblich mitgestaltet hat.
Vom Patriarchen zum Caring Father
Ein Blick in die Vergangenheit macht die Dimension sichtbar: Die Väter der 1960er Jahre waren geprägt von strenger Rollenaufteilung und körperlicher Distanz. In den 1990ern begann ein Bruch, doch viele Männer standen zwischen tradierten Erwartungen und fehlenden strukturellen Alternativen. Erst seit den 2000er Jahren etabliert sich Schritt für Schritt ein neues Leitbild – der Caring Father, der präsenter ist, Nähe zulässt und Alltagssorge teilt.
Gleichzeitig bleibt die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit bestehen: Viele Väter wollen es „besser machen“ als ihre eigenen, stoßen aber auf Vollzeitnormen, mentale Barrieren und institutionelle Hürden.
Neue Männlichkeiten, neue Baustellen
Der Wandel der Vaterschaft vollzieht sich parallel zu grundlegenden Veränderungen der Männerrollen. Der deutliche Bildungsrückstand junger Männer, die starke Bildungsabhängigkeit von Lebenszufriedenheit und die weiterhin ungleiche Erwerbsverteilung sind nur einige Beispiele für die Herausforderungen, die sich auf Vaterschaft auswirken.
Auch Männergesundheit rückt stärker ins Blickfeld: höhere Sterblichkeit in allen Altersgruppen, eine besonders hohe Suizidrate bei Männern um die 40, große Unterschiede in der Selbstfürsorge je nach Bildung. Es wird sichtbarer, dass Väterarbeit immer auch gesundheits- und sozialpolitische Arbeit ist.
Dazu kommt eine gewachsene Vielfalt: migrantische Väter, queere Familien, junge Männer zwischen Gleichberechtigungswunsch und Rollenambivalenz. Vaterschaft ist heterogener geworden – und verlangt differenzierte Antworten.
Was VEND-eV in den vergangenen 20 Jahren bewirkt hat
Das VEND hat sich in diesen zwei Jahrzehnten zu einem der zentralen Akteure der deutschen Väterpolitik entwickelt. Das Netzwerk bringt Praktiker und Wissenschaftler zusammen, hat Fachbücher mitgestaltet, politische Impulse gesetzt und wichtige Kooperationen aufgebaut – etwa mit der evangelischen Männerarbeit oder dem Bundesforum Männer. Nicht zuletzt bietet es einen Raum für persönlichen Austausch, der viele Fachkräfte durch Höhen und Tiefen der Väterarbeit begleitet hat.
Die Aufgaben der nächsten Jahre
Trotz der Erfolge liegt vor VEND und der Väterarbeit auch in Zukunft anspruchsvolle Herausforderungen.
Strukturelle Verankerung von Vaterschaft: Noch immer werden Väter in Kitas, Schulen oder Sozialarbeit oft nicht automatisch mitgedacht. Die Profession braucht verbindliche Verankerung in Ausbildungsgängen, bessere Daten zur Lebenslage von Vätern und stärkere interdisziplinäre Kooperation.
Nachwuchs gewinnen: Die Väterarbeit altert. Ohne jüngere Fachkräfte drohen wichtige Erfahrungen verloren zu gehen. Nachwuchsgewinnung ist eine der dringlichsten Aufgaben – nicht nur für VEND, sondern für das gesamte Feld.
Diversität ernst nehmen: Zukünftige Angebote müssen kulturelle Vielfalt ebenso berücksichtigen wie neue Familienformen oder unterschiedliche Männlichkeitsbilder. Das bedeutet: migrantische Väter einbeziehen, Regenbogenfamilien fachlich begleiten und Zugänge für verschiedene Vätertypen entwickeln.
Familienrecht geschlechtergerecht gestalten: Neue Lebensmodelle – vom Wechselmodell über Patchwork bis zum Co-Parenting – machen dringende Reformbedarfe im Familienrecht sichtbar. Väter benötigen Rahmenbedingungen, die Caring Fatherhood ermöglichen, statt sie zu erschweren.
Männergesundheit integrieren: Hohe psychische Belastungen und Übersterblichkeit von Männern machen deutlich: Väterarbeit muss Gesundheitsthemen künftig stärker einbeziehen, von Prävention bis zu niedrigschwelligen Beratungsangeboten, nicht nur in Krisensituationen.
Fazit
In zwanzig Jahren hat sich die Vaterschaft in Deutschland grundlegend verändert – und das VEND hat diesen Wandel aktiv begleitet. Doch der gesellschaftliche Aufbruch hin zu einer gleichberechtigten, fürsorglichen Vaterschaft ist noch nicht abgeschlossen. Die nächsten Schritte liegen in der strukturellen Verankerung, der Diversitätsorientierung, der Nachwuchsförderung und der Verbindung von Väterarbeit mit Fragen von Männlichkeit und Gesundheit.
Das Väterexpertennetz Deutschland bleibt ein unverzichtbares Netzwerk: als Fachforum, als politischer Akteur und als Motor für die Weiterentwicklung einer Väterarbeit, die die Lebenswirklichkeiten heutiger und zukünftiger Väter abbildet.
Am 6. November 2025 findet am Campus Mönchengladbach der Hochschule Niederrhein der Fachtag ‚Jugendliche Väter im Blick 2025 – Praxisbeispiele, Erfolge und Zukunftssicherung‘ statt.
Nach vier Jahren Projektarbeit werden gemeinsam mit Fachkräften und Studierenden aus Sozialer Arbeit Erkenntnisse ausgewertet, Best‑Practice‑Modelle diskutiert und Zukunftsperspektiven für die Arbeit mit jugendlichen Vätern entworfen.
Teilnehmende können sich auf Impulse aus Wissenschaft und Praxis, interaktive Workshops sowie eine Podiumsdiskussion über die nächsten Schritte zur Weiterfinanzierung des Projektes freuen. Für das leibliches Wohl ist ebenfalls gesorgt.
Programm
10:00 Ankommen/ Kaffee
10:30 Begrüßung und Einführung
11:00 Fachvortrag Hochschule Niederrhein Wie junge Väter gesellschaftlich wahrgenommen werden
12:00 Workshops: Männliche Stereotype hinterfragen und überwinden | Väter über Social Media erreichen | Väter im Zwangskontext erreichen | Interkulturelle Orientierung in der Väterarbeit | Politische Väterarbeit | Aufsuchende Väterarbeit | Fundraising in der sozialen Arbeit | Väter als Zielgruppe in den Sozialwissenschaften
13:00 Mittagspause
14:00 Fachvortrag Christoph Düring Berichte aus der Praxis – Best Practice
15:00 Podiumsdiskussion „Wie geht es weiter?“ Politik (Heidi Reichinnek zugeschaltet im Livestream) Wissenschaft und Fachleute vor Ort über die Möglichkeiten von Weiterfinanzierung
Väterrollen und Väterarbeit heute und morgen – Fachveranstaltung mit Soziologischem Rückblick und Ausblick
Seit 2005 vernetzt der VEND e.V. – Väter-Experten-Netz Deutschland Fachkräfte aus Familienbildung, Sozialer Arbeit, Psychologie, Beratung und Wissenschaft, um die Einbeziehung von Vätern in familien- und gesellschaftliche Unterstützungsstrukturen zu fördern. Als Impulsgeber und Fachnetzwerk setzt der VEND sich dafür ein, dass Väter ihre Rolle aktiv und gleichberechtigt wahrnehmen können – und gestaltet so den gesellschaftlichen Wandel mit.
20 Jahre VEND e.V. – ein Anlass zum Rückblick und zur Weichenstellung. Diskuskeren Sie mit uns, wie Väterarbeit zukunftsfähig, divers und wirksam gestaltet werden kann – für alle Väter und Familien. Mit fachliche Impulse von:
Prof. Dr. Steffen Kröhnert (Hochschule Koblenz) analysiert den gesellschaftlichen Strukturwandel, der Vaterschaft und
Familie prägt – mit Blick auf Demografie, Erwerbsarbeit und Geschlechterrollen.
Dr. Anna Buschmeyer (Deutsches Jugendinstitut – DJI) bringt langjährige Forschungserfahrung zu Väterbildern, Gleichstellung
und praktischer Väterarbeit ein – mit Fokus auf Vielfalt und Inklusion. Anschließend gemeinsame Diskussion: mit Karsten Kassner (Bundesforum Männer), Hans-Georg Nelles, Prof. Dr. Andreas Eickhorst und Holger Strenz (Vorstände im Väterexpertennetz Deutschland) und weiteren Gästen/dem Publikum.
Für wen? Fachkräfte aus Familienbildung, Jugendhilfe, Sozialer Arbeit, Beratung, Gleichstellung, Wissenschaft, Politik und alle, die Väter in ihrer Arbeit stärker berücksichtigen möchten.
Seit vielen Jahren leistet die Vater Kind Agentur der Evangelischen Kirche von Westfalen sowie der Evangelischen Erwachsenen Bildung Nordrhein eine ausgewiesen gute und nachhaltige Arbeit mit und für Väter. Jährlich finden ca. 100 Vater Kind Wochenendseminare statt.
Die Bedeutung aktiver Vaterschaft und einer geschlechtersensiblen Väterbildung ist in den letzten Jahren zunehmend in den Fokus sozialpädagogischer und Familienbezogener Fachpraxis gerückt. Die Gestaltung tragfähiger Vater-Kind-Beziehungen gilt heute als ein zentraler Faktor für gelingende familiale Entwicklung und resiliente Lebensverläufe von Kindern. Mit der Weiterbildung zum Väterpädagogen möchten wir Männer qualifizieren, auf Grundlage der Familienbildung, ansprechende Angebote für Väter und Kinder zu entwickeln. Wir vermitteln fundiertes Wissen, praxisnahe Methoden und neue Perspektiven für die Arbeit mit Vätern. Teilnehmende können erfahren, wie Sie Vätern einen Raum für Austausch, Orientierung und Entwicklung bieten – und damit einen wertvollen Beitrag zur Familienbildung leisten können.
Die Vorteile auf einen Blick:
Berufsbegleitende Qualifizierung mit erfahrenen Dozent*innen
Praxisnahe Methoden zur Gestaltung von Väterangeboten
Reflexion der eigenen Vaterrolle und der Wahrnehmung von Vätern
Austausch mit anderen Männern – Online und in Präsenz
Zertifikat als „Väterpädagoge“
Starttermin: Die Weiterbildung beginnt am 19.04.2026. Dieser Veranstaltung vorgeschaltet ist ein Infoabend am 5.02.2026 (18.30 bis 21.00 Uhr)
Infos & Anmeldung: Sie können sich Online informieren und anmelden. Infos finden sie auch unter www.väterpädagoge.de .
Veranstalter:in: Institut für Kirche und Gesellschaft der Ev. Kirche von Westfalen – Vaterkindagentur – und Evangelische Erwachsenenbildung Nordrhein in Kooperation mit der Evangelischen Hochschule Bochum“
Viele Großeltern beteiligen sich regelmäßig an der Betreuung
ihrer Enkelkinder. Sie haben so die Möglichkeit, eine enge Beziehung zu ihren
Enkelkindern aufzubauen und entlasten gleichzeitig die Eltern, insbesondere,
wenn diese erwerbstätig sind und die Arbeitszeiten nicht vollständig durch
Kitas und Schulen abgedeckt werden können.
Wie hat sich die Corona-Pandemie auf die Enkelbetreuung
ausgewirkt? Hier sind Entwicklungen in zwei verschiedene Richtungen denkbar.
Einerseits stieg der Bedarf an privat erbrachter Kinderbetreuung schlagartig
an. Kitas und Schulen wurden geschlossen oder hatten stark eingeschränkte
Präsenzzeiten. Eltern sahen sich auf einmal damit konfrontiert, Kinderbetreuung
und Distanzunterricht parallel zu ihrer eigenen Erwerbstätigkeit zu bewältigen.
Eine Entlastung durch Großeltern wurde wichtiger denn je.
Empirische Untersuchungen zur Enkelbetreuung während der
Corona- Pandemie sind rar. Eine europäische Studie, die Veränderungen in der
Kontakthäufigkeit zwischen älteren Menschen und ihren erwachsenen Kindern
untersucht, kommt zu dem Ergebnis, dass intergenerationale Kontakte insgesamt
weitgehend stabil blieben und sich sogar tendenziell noch verstärkten, wobei
nicht untersucht werden konnte, inwieweit physische Kontakte durch Kontakte per
Telefon/Internet ersetzt wurden. Ältere Männer und Menschen mit niedriger
Bildung berichteten jedoch von reduzierten Kontakten zu ihren erwachsenen
Kindern.
Vor diesem Hintergrund untersuchten Mareike Bünning, Ulrike
Ehrlich, Felix Behaghel und Oliver Huxhold in einer Studie für das „Deutsche
Zentrum für Altersfragen“, wie sich der Anteil der Großeltern, die Enkelkinder
betreuen, und der zeitliche Umfang der Enkelbetreuung während der Pandemie
verändert haben. Konkret betrachtet wurde die Situation im Winter 2020/21 als
die Schulen noch überwiegend geöffnet waren und die Impfkampagne noch nicht
gestartet war. Auch Schnelltests waren zum Befragungszeitpunkt noch nicht
verfügbar.
Unter anderem wurden folgende Forschungsfragen beantwortet:
1. Haben Großeltern in der Pandemie die Enkelbetreuung eher
intensiviert oder eher reduziert?
Der Umfang der Enkelbetreuung bleibt weitgehend stabil. Im
Jahr 2017 haben 39 Prozent der Großeltern ihre Enkelkinder regelmäßig betreut.
Im Winter 2020/21 waren es 34 Prozent. Der augenscheinliche Rückgang in der
Betreuungsquote ist allerdings nicht statistisch signifikant. Auch der
zeitliche Betreuungsumfang, den Großeltern für ihre Enkelkinder leisten, ist
während der Pandemie stabil geblieben.
2. Entscheiden sich vor allem ältere Großeltern in der
Pandemie dagegen, ihre Enkelkinder zu betreuen?
Großeltern, die sich in der Übergangsphase zum Ruhestand
befinden, betreuen ihre Enkelkinder in der Corona-Krise seltener als noch 2017.
Großeltern in der Altersgruppe 60 bis 69 Jahre kümmerten
sich während der Pandemie (37 Prozent) deutlich seltener um ihre Enkelkinder
als noch 2017 (47 Prozent). Bei älteren Großeltern im Alter von 70 bis 90
Jahren sowie jüngeren Großeltern im Alter von 45 bis 59 Jahren zeigten sich
hingegen keine signifikanten Veränderungen.
3. Welche Rolle spielen Risikofaktoren für eine schwere
COVID-Erkrankung dafür, ob Großeltern ihre Enkelkinder betreuen?
Gesundheitliche Risikofaktoren gehen kaum mit verringerter
Enkelbetreuung einher. Bei fünf von sechs untersuchten Risikofaktoren für einen
schweren COVID- 19-Verlauf (Bluthochdruck, Herzschwäche, Krebs, chronische
Lungenerkrankungen und Diabetes) zeigte sich, dass betroffene Großeltern ihre Enkelkinder
2020/21 zu ähnlichen Anteilen betreuten wie 2017. Nur Großeltern mit starkem
Übergewicht betreuten ihre Enkelkinder während der Pandemie mit 33 Prozent
deutlich seltener als noch 2017 (42 Prozent).
4. Wie stark ist die Entscheidung, Enkelkinder zu betreuen,
durch die Wohnentfernung vorgegeben?
Weiter entfernt lebende Großeltern kümmern sich in der
Pandemie seltener um ihre Enkelkinder als vorher. Ob die Enkelkinder in der
Nähe wohnen, ist insgesamt der wichtigste Faktor für Enkelbetreuung. Die
Betreuungsquote von Großeltern, die im selben Ort wie ihre Enkelkinder leben,
hat sich in der Pandemie kaum verändert (2017: 57 Prozent; 2020/21: 54
Prozent). Großeltern, die von ihren Enkelkindern weiter entfernt leben,
engagieren sich während der Pandemie 2020/21 (21 Prozent) seltener in der
Betreuung als noch 2017 (28 Prozent).
5. Wie ist der Beitrag der Enkelbetreuung zur
wirtschaftlichen Wertschöpfung im Pandemiejahr einzuordnen?
Der wirtschaftliche Wert der Enkelbetreuung beläuft sich auf
16 bis 18 Mrd. Euro oder rund 0,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Rechnet
man den Umfang der Enkelbetreuung 2020/21 in Stunden pro Jahr auf die
Gesamtbevölkerung hoch, ergibt sich ein Volumen von etwa 1,75 bis 1,95 Mrd.
Stunden.
Sowohl Großmütter als auch Großväter betreuten 2020/21 etwas
seltener ihre Enkelkinder als noch 2017. Im Winter 2020/21 lag die
Betreuungsquote von Großmüttern bei 36 Prozent, die von Großvätern bei 31
Prozent. Im Jahr 2017 hatten 43 Prozent der Großmütter und 35 Prozent der
Großväter ihre Enkelkinder betreut. Der Rückgang in der Enkelbetreuung ist jedoch
nicht statistisch signifikant. Zudem zeigt sich, dass die
Geschlechterungleichheiten abgenommen haben. Für 2017 zeigte sich noch, dass
Frauen ihre Enkelkinder signifikant öfter als Männer betreuten. Das Ergebnis
von 2017 bestätigt also den aus der Literatur bekannten Befund, dass Großmütter
stärker in die Enkelbetreuung involviert sind als Großväter. Im Winter 2020/21
ist der Geschlechterunterschied nicht mehr statistisch bedeutsam.
Die Betreuungsquoten haben sich also angeglichen, obwohl
Männer ein höheres Risiko als Frauen haben, schwer an COVID-19 zu erkranken und
es deshalb zu erwarten gewesen wäre, dass Männer in der Pandemie die
Enkelbetreuung stärker verringern als Frauen.
„Es wird deutlich, dass sich in der aktuellen Krisensituation die Prioritäten und Möglichkeiten der Politik verändern.“ In dieser ‚Krise‘ hat die Familienministerin Lisa Paus einen Familienbarometer in Auftrag gegeben um die Stimmungslage und die Aussichten für die geplanten familienpolitischen Vorhaben priorisieren zu können. Dass was Väter und Mütter am meisten bedrückt bzw. unter Druck setzt wird konsequenterweise an die erste Stelle gesetzt: „Eine gute finanzielle Absicherung aller Kinder ist wichtiger denn je, und auch die Bedeutung einer qualitativ hochwertigen und verlässlichen Kinderbetreuung rückt noch mehr an die Spitze aktueller familienpolitischer Bedarfe.“
Kindergrundsicherung, bedarfsgerechter Kitaausbau und der
Ganztag in der Grundschule sind die dringendsten Vorhaben. Bei den anderen,
schon in diversen Koalitionsverträgen und zuletzt im 9. Familienbericht benannten
Vorhaben, wie die Weiterentwicklung des Elterngeldes und vor allem aber die
rechtlichen Bestimmungen zu Unterhalt und Sorgerecht nach Trennung und Scheidung,
wird es darauf ankommen, „die Familienorientierung in vielen Bereichen der
Gesellschaft zu stärken, um Entwicklungen im Familienleben wirkungsvoll und
konstruktiv zu begleiten.“
In Zeiten knapper Kassen kommt es auch darauf an, Maßnahmen mit großer Wirkung in die Wege zu leiten. In der Pressemitteilung zur Veröffentlichung des Familienbarometers wird Lisa Paus auch mit folgender Aussage zitiert: „Nach der Geburt des ersten Kindes stellen Eltern zentrale Weichen bei der Aufgabenteilung zwischen Familie und Beruf. Die Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit aber ist dabei in vielen Familien groß. Mit einer Elternstartzeit schaffen wir nun auch einen Schutz- und Schonraum für die erste intensive Phase mit einem neugeborenen Kind, stärken den familiären Zusammenhalt und setzen einen wichtigen Impuls für partnerschaftliche Aufgabenteilung in Familien.“
Aus der Partner- bzw. Vaterschaftsfreistellung wird eine ‚Elternstartzeit‘,
was aus dem ‚Impuls langfristig wachsen soll ist im Barometer zu lesen: „Wenn
aktive Väter den Spielraum für Mütter vergrößern, eine Erwerbstätigkeit
aufzunehmen beziehungsweise auszubauen, werden Erwerbstätigkeit und -umfänge
von Müttern weiter zunehmen.“
Das Familienpolitik auch Antworten auf den Fachkräftemangel liefern kann, zumal
solche, die den Wünschen von Müttern und Vätern entsprechen, ist selbstverständlich.
Aktive Vaterschaft in ‚He for She‘ Manier auf eine ‚Variable‘ zur Steigerung
der Erwerbstätigkeit von Müttern zu reduzieren, ist weniger als zu kurz
gesprungen.
Die erste Zeit nach der Geburt eines Kindes ist für Väter
und Mütter zentral, um eine enge Bindung zum Kind aufzubauen und die Weichen
für eine partnerschaftliche Aufteilung von Erwerbs und Sorgearbeit zu stellen. Die
im Familienbarometer an dieser Stelle formulierten Relativierungen ‚ganz zentral‘,
‚auch wichtige‘ und ‚für die spätere partnerschaftliche Aufteilung von
Sorgearbeit‘ sind nichts anderes als eine Verstärkung traditioneller Rollen-
und Bindungsmuster.
Die Vaterschaftsfreistellung, die Erhöhung der Partnermonate und vor allem eine Anpassung des Elterngeldes an die tatsächlichen Bedarfe setzen „noch stärkere Anreize für eine partnerschaftliche Aufgabenteilung“. Diese können dann auch zum Anlass genommen werden, Väter, Mütter und Arbeitgebende über die Ansprüche von Eltern, sich mehr Zeit für ihre Kinder nehmen, indem sie Elterngeld beziehen, zu informieren.