Das ist der Titel des ‚konstruktiven Buches‘ von Birk
Grüling, Jahrgang 1985 und selbst Vater eines Sohnes. Konstruktiv in dem Sinne,
dass er Vereinbarkeit für möglich hält und sich vor dem Hintergrund der eigenen
Erfahrungen selbstkritisch mit den Möglichkeiten und Hindernissen
auseinandersetzt. Diese subjektive Perspektive wird ergänzt durch die
Perspektive von 16 Praktiker:innen, Coaches, Therapeut:innen, Trainer:innen und
Personalverantwortlichen sowie zahlreichen Vätern und Müttern, die ihr Ringen
um eine gemeinsame Lösung beschreiben.
„Eltern als Team“, das ist die Übersetzung des seit langem geäußerten
Wunschs junger Mütter und Väter nach einer partnerschaftlichen Aufteilung von
bezahlter Erwerbsarbeit und unbezahlter Familien- bzw. Care-Arbeit.
Vereinbarkeit geht nur gemeinsam, wenn überhaupt.
Es ist noch gar nicht so lange her, dass sich ebenfalls
Journalist:innen, Marc Brost und Heinrich Wefing mit „Geht alles gar nicht“ und
Susanne Garsoffky und Britta Sembach mit „Die Alles ist möglich-Lüge: Wieso
Familie und Beruf nicht zu vereinbaren sind“ ganz anders positioniert haben.
Aber auch Grüling macht an dieser Stelle keine falschen
Versprechungen. Vereinbarkeit ist kein Sprint, den Mann oder Frau mal eben
abläuft, sondern ein Marathon, der den permanenten Austausch zwischen Vater und
Mutter erfordert. Und damit beginnen die werdenden Eltern am besten vor der
Geburt.
Damit meint der Autor nicht nur die ‚Geburtsvorbereitung und
den „Nestbau“, er skizziert quasi als Vorbereitung auf die Vereinbarkeit für
eine gemeinsame ‚Familienvision‘ die natürlich voraussetzt, dass auch der
werdende Vater eine Vorstellung davon entwickelt, welcher Vater er sein möchte.
Wie dieser Visionsentwicklungsprozess aussehen kann, beschreibt er sehr
anschaulich. „Die erste Frage für dich wäre also: Welches Bild von mir als
Vater … habe ich selbst?“ und dabei geht es natürlich auch um die
Auseinandersetzung mit den Erfahrungen mit dem eigenen Vater bzw. der eigenen Mutter.
Die Hinweise und Fragestellungen die Grüling an dieser, aber
auch an vielen anderen Stellen formuliert, sind ein passendes Angebot und
verleiten wirklich dazu, sich auf die entsprechenden Situationen und
Herausforderungen einzulassen und im Anschluss daran, das Gespräch mit der
Partnerin zu suchen.
Apropos Partnerschaft, dass es nicht nur um eine möglichst
optimale und gleichberechtigte Aufgabenteilung geht, sondern um die Pflege
einer Beziehung und die Selbstsorge, macht er in einem eigenen Abschnitt
deutlich. Wie wichtig dies ist, macht das Zitat zu Beginn dieses Abschnitts
deutlich, dass Jeder und Jede kennt, die schon einmal geflogen ist: „Im
unwahrscheinlichsten Fall eines Druckverlusts falle automatisch
Sauerstoffmasken aus der Kabinendecke … Atmen Sie normal weiter. Helfen Sie
danach Kindern und hilfsbedürftigen Menschen.“ Nur in dieser Reihenfolge
gelingen Beziehungen, Vereinbarkeit und Erziehung von Kindern.
Weitere Themen sind Elternzeit, Bedeutung und Auswahl von
Kinderbetreuungseinrichtungen und die Routine, die sich irgendwann einstellt.
Grüling spricht in diesem Zusammenhang auch von den „Drei Säulen der
Vereinbarkeit“ und macht deutlich, dass sich zwar jedes werdende und gewordene
Elternpaar für ihren Weg entscheidet, dass die Gestaltung der Rahmenbedingungen
keineswegs nur Privatsache ist.
Diese eröffnen Möglichkeiten oder engen sie ein. Das fängt
bei Regelungen im Steuer- und Sozialversicherungsrecht an, geht über die
Kinderbetreuung und hört bei Regelungen zur Arbeitszeit noch lange nicht auf.
Die „30 Stunden Woche“ taucht an vielen Stellen als Option auf und es wird
deutlich, dass diese in der Lebensphase mit kleinen Kindern, der Weg sein kann,
„Mental- und Financial Load“ gerecht zu verteilen und Väter und Mütter in die
Lage zu versetzen, als Team zu agieren.
„Noch nie standen die Chancen besser, mit alten Werten zu
brechen, der Last des alleinigen Ernährers zu entfliehen und die eigene
Vaterrolle neu und anders zu gestalten.“ Lautet eine der Kernaussagen des
Buchs, dies gilt insbesondere vor dem Hintergrund der Erfahrungen, die Familien
in den vergangenen 14 Monaten gemacht haben. Der Ratgeber von Birk Grüling ist
bestens dazu geeignet, die richtigen Lehren aus dieser Zeit zu ziehen und sich
als werdende oder gewordene Väter und Mütter mit der eigenen Zukunft als Eltern
und Paar auseinanderzusetzen.
Care.com und die Väter gGmbh haben heute ihre Studie bzw. ihr
‚Stimmungsbild‘ „Paare und Familien in Zeiten von Corona” vorgestellt.
Welche Punkte daraus sind für Sie besonders bedeutsam?
Für mich war es vor allem nochmal eine Bestätigung dessen, was ich im
Moment subjektiv wahrnehme und was ich von vielen Seiten höre. Das ist
durch die Studie mit Zahlen unterlegt worden. Gerade diese Anspannung
und auch diese Coronamüdigkeit, die von allen Seiten kommt, die
innerhalb der Paare und innerhalb der Familien existiert. Und der Druck
sowie die hohe Nähe, die man mit der Familie immerzu hat. Die Ängste,
Sorgen und Nöte, die nach wie vor da sind, also all das was auf die
Psyche wirkt. Das ist jetzt auch messbar.
Sie beraten ja gemeinsam mit ihrer Partnerin unter dem Label ‚2PAARSchultern‘
schon länger Paare und Väter im Hinblick auf die Vereinbarkeit von
Beruf und Familie. Was hat sich in den vergangenen 14 Monaten im
Vergleich zu den Zeiten vor Corona verändert?
Robert Frischbier
Was ich toll finde, also gerade aus der Sicht der Väter, das durch
diesen „Zwang“, mehr mit der Familie machen zu müssen, mehr zu Hause zu
sein, mehr sich um die Kinder zu kümmern, viele Menschen die
Möglichkeiten, die sich daraus ergeben, einfach erkannt haben und auch
nutzen. Also, dass man einfach sagt okay, ich bring mich anders mit ein.
Ich mache das jetzt. Ich brauche mich nicht mehr mit meinem Arbeitgeber
auseinanderzusetzen, ob ich Homeoffice machen darf, sondern ich muss ja
sowieso Homeoffice machen. Ich bin zu Hause, kann mich um die Kinder
kümmern, sehe auch, was zu Hause so anfällt. Das habe ich bei vielen
Gesprächen jetzt schon gemerkt, da gibt es einen ‚Aha Moment‘
irgendwann. Ja, da passiert ja ganz schön viel. Da ist ja ganz schön
Trubel. Und jetzt bin ich mittendrin. Und dann kann ich auch gleich
richtig mitmachen.
Sind durch Corona noch neue Herausforderungen dazu gekommen?
Die größte Herausforderung ist für mich nach wie vor, dass man sich
nicht mehr aus dem Weg gehen kann, dass es keine Trennung zwischen
Arbeit, Familie, Freizeit, Partnerschaft gibt. Das findet alles in
unmittelbarer räumlicher Nähe statt. Man kann nicht mal eben eine Tür zu
machen und dann hat man seine Ruhe. Diese Ruhe gibt es nicht und das
ist eine unheimlich große Herausforderung, der viele Familien, auch
Alleinerziehende natürlich, im Moment gerade gegenüberstehen.
Sind durch die Krise auch grundsätzliche, schon länger bestehende Hindernisse sichtbar geworden?
Ich habe zu Beginn von Corona häufig beobachtet, dass es bei vielen
tatsächlich so eine Art Automatismus gab, in das klassische Rollenbild
reinzufallen. Also der Mann wurde sofort irgendwie zum Ernährer, und die
Frau wurde irgendwie sofort zur „Kümmerin“ in einer Familie.
Und ich sehe das auch jetzt noch. Nach über einem Jahr, ist das bei
vielen immer noch so, dass man zumindest in den Köpfen diese Denke drin
hat. Viele Väter bringen sich immer stärker ein und wollen das auch. Sie
scheuen aber nach wie vor auch das Gespräch mit dem Arbeitgeber um zu
sagen, „ich möchte das auch über Corona hinaus und jetzt nicht nur aus
der Drucksituation heraus so machen“. Ich sehe eigentlich die Gefahr,
dass es, wenn sich die Lage wieder normalisiert und man wieder die freie
Entscheidung hat, dass sich diese aktuell praktizierten,
partnerschaftlichen Rollenmodelle möglicherweise auch wieder
zurückentwickeln.
Was bräuchten denn dann Mütter Väter, damit Sie denn, dass die sich eigentlich partnerschaftliche Aufgabenstellung wünschen?
Klarheit und Planungssicherheit, dass man halt so weitermachen kann.
Also zum Beispiel das Thema Homeoffice. Wenn ich weiß, auch nach Corona
kann ich weiterhin Homeoffice als feste Komponente in meinem Alltag mit
nutzen. Nicht fünf Tage die Woche, das will ja gar keiner. Aber zum
Beispiel an zwei Tagen pro Woche spare ich mir die Wegezeiten und kann
von zu Hause ausarbeiten, kann mich für bestimmte Sachen mit den Kindern
oder im Haushalt durch diese hinzugewonnene Zeit einbringen. Ich bin
auch mal zu Hause, wenn die Kita geschlossen ist oder sonst irgendetwas,
kann also auch solche Phasen abdecken. Und wenn ich diese
Planungssicherheit habe in der Partnerschaft, dann kann ich mein Modell
darauf aufbauen. Ich kann sagen, beide Partner haben ein oder zwei
Homeoffice-Tage. Wir hatten mehrere Fälle gerade in der Veranstaltung,
wo es hieß, wir sind beide auf 80 Prozent, das heißt also nicht einer
100 und der andere 60 Prozent, sondern wir haben beide 80 Prozent. Das
bedeutet natürlich auch, das Familieneinkommen muss man sich ganz genau
anschauen, ist das wirtschaftlich machbar? Aber wenn es möglich ist,
dann muss man wirklich sagen, wir haben uns dafür entschieden. Unsere
Arbeitgeber stehen dahinter. Wir haben diese Möglichkeiten auch
langfristig, und das ist jetzt unser Lebensmodell.
Homeoffice ist ja vor allem auch eine äußere Rahmenbedingung.
Wie können wir die Dynamik oder die Unruhe, die im Moment in
traditionelle Rollenaufteilungen hineingekommen ist nutzen, um die
Veränderungen nachhaltiger gestalten zu können?
Da braucht es vor allen Dingen Fantasie. Das, was wir jetzt gerade
erleben, was wir im letzten Jahr erlebt haben, das ist ja kein richtiges
Homeoffice. Das heißt, jetzt müssen wir Kinder betreuen und
Homeschooling machen und nebenbei irgendwie arbeiten. Wir arbeiten ja
auch komplett geclustert im Moment. Der eine arbeitet früh, dann wird
eine Pause gemacht, um sich um die Kinder zu kümmern, dann nachmittags
wieder oder in den Abendstunden. Das hat mit Homeoffice eigentlich
nichts tun. Das bedeutet, jetzt die Fantasie zu haben. Wie kann aus dem,
was ich gerade alles gelernt habe, digitales Arbeiten, dezentral
arbeiten, von zu Hause aus arbeiten können, wie kann das in einem
geregelten Alltag ohne Corona aussehen?
Wenn Corona nicht mehr da ist und alle Betreuungsangebote wieder normal
geöffnet haben. Die Kinder gehen zur Schule in die Kita, und ich habe
alle Möglichkeiten, die mir vor Corona zur Verfügung standen und
zusätzlich das, was ich jetzt gelernt habe. Wie kann diese Vision für
unsere Familie aussehen? Schaut euch mal an, was Corona euch an
Möglichkeiten eröffnet hat. Und wie kann das in den künftigen Alltag
einfließen? Dass ist das, was ich den Leuten gerade häufig im Gespräch
mitgebe.
Kann man diese Prozesse, diese Phantasie, die dann noch
entwickelt und geordnet werden müssen, kann das gerade auch für die
Väter ein Stück weit durch Beratung oder andere Angebote unterstützt
werden?
Ja, es ist ganz wichtig, dass man jemanden hat, mit dem man sprechen
kann, weil man nimmt sich im Moment in der Partnerschaft, so erlebe ich
das jedenfalls, man nimmt sich gar nicht die Zeit, um über so etwas
entspannt zu reden. Eigentlich müsste man sich ganz in Ruhe hinsetzen,
ohne die Kinder, ohne alles und einfach mal so in der Partnerschaft
darüber sprechen. Wie kann denn unser künftiger Alltag aussehen? Dafür
ist im Moment überhaupt nicht die Luft da, dafür ist nicht der Raum da.
Und wenn man mal ein paar Minuten hat, dann ist man froh, dass man auch
mal Ruhe für sich hat. Ich erlebe es aber, dass solche Gesprächsangebote
unheimlich dankbar angenommen werden. Man ist dann schnell in einer
vertrauensvollen Atmosphäre. Man spricht darüber, man stellt auch
Fragen. Es ist dann auch die Aufgabe des Beratenden, die richtigen
Fragen zu stellen und auch Impulse zu geben. Jetzt hast du, Vater XY, du
hast jetzt erlebt, dass Homeoffice machen kannst. Jetzt stell dir mal
vor, die Kinder sind jetzt nicht da. Die sind geregelt im Schulbetrieb,
im Schulalltag und so. Du hast jetzt Homeoffice, wie kann denn der
Alltag Drumherum jetzt aussehen? Wieviel Zeit sparst du? Schau dir mal
die Zeit vor Corona an. Wieviel Fahrtweg hattest du? Wie viele
Dienstreisen hattest du vielleicht und wie kann das jetzt nach Corona
aussehen? Da gemeinsam durch einen geführten Prozess diese Vision des
neuen Alltags zu finden und zu entwickeln, das finde ich, ist jetzt die
Aufgabe der Unterstützer und Berater.
Was wünschen Sie sich für die Zeit nach Corona?
Vieles von dem, was ich sage ist ja immer aus meiner eigenen
Situation heraus und auch aus Gesprächen mit anderen Vätern und Müttern,
mit denen ich jetzt gerade zu tun habe. Ich wünsche mir einfach, dass
das, was gerade in den Familie passieren kann, dass wir das auch auf der
gesellschaftlichen Ebene hinbekommen. Das wir also wirklich schauen,
was hat jetzt vielleicht gut funktioniert? Welche neuen Möglichkeiten
haben wir kennengelernt? Ganz viele Leute können jetzt digital
miteinander kommunizieren. Ganz viele Leute wissen wie das Homeoffice
funktionieren kann. Führungskräfte wissen, dass Mitarbeiter auch aus der
Ferne arbeiten können und nicht immer alle in einem Raum sein müssen.
Dass sie auch zeitversetzt arbeiten können. Wenn uns das
gesellschaftlich gelingt, dieses Verständnis zu schüren, die positiven
Sachen mitzunehmen, die negativen Sachen abzustreifen und auch mal zu
schauen, was war vor Corona nicht gut. Wollen wir da wirklich wieder
hinzurück? Ist es unser größtes Bestreben, hundertprozentig wieder in
den Januar 2020, zurück zu wechseln? Oder haben wir jetzt nicht
eigentlich auch ein wenig an einem Honigtopf geschnuppert?
So das wir jetzt gerne auch ein bisschen positiv in die Zukunft schauen
wollen um einen tollen Mix zu finden. Als Gesellschaft die Zeit zu
haben, die Muße zu haben und die Kreativität zu haben, einen neuen
Alltag zu schaffen, der uns idealerweise nicht wieder in alte
Rollenbilder zurückdrängt, sondern uns ermöglicht, dass wir alle,
unseren Familienalltag so leben können, wie wir es möchten oder wir
zumindest einen gewissen Gestaltungsspielraum daran behalten.
Traditionelle
Vorstellungen typischer Erwerbsbiografien von Männern und Frauen,
klassische Rollenaufteilungen innerhalb von Familien zwischen Müttern
und Vätern sowie unzureichende Betreuungsangebote sorgen nach wie vor
für fortdauernde Ungleichheiten bei der Entlohnung. Daran wird nicht nur
am heutigen ‚Equal Pay Day‘ hingewiesen.
Ziel der Landesarbeitsgemeinschaft Väterarbeit ist es, eine gleiche
und faire Bezahlung für alle beruflichen Tätigkeiten und eine gerechte
Aufteilung der unbezahlten Arbeit in Familien zu erreichen. Dafür
braucht es wirksame Rahmenbedingungen, die die Vereinbarkeit von Familie
und Beruf vereinfachen und Anreize für eine gleichberechtigte
Aufteilung der Familienarbeit setzen.
Ebenso wichtig sind, so der Vorsitzende der LAG Hans-Georg Nelles
„sind jedoch Erlebnisräume für Väter, in denen sie sich als pflegende
Männer erleben und geschlechterstereotype Zuschreibungen überwinden
können. Und zwar vom ersten Tag an, die Freistellung für Väter in den
ersten 14 Tagen nach der Geburt, wie sie von der EU in der
‚Vereinbarkeitsrichtlinie gefordert wird, ist da eine sehr wirksame
Maßnahme.“
Die vergangenen 12 Monate Corona-Pandemie haben gezeigt, dass Väter
ihre Erwerbsarbeitszeiten reduziert haben und sich in einem bislang nie
beobachteten Maße an Kinderbetreuung, Homeschooling und anderen
familiären Aufgaben beteiligt haben. „Die Väter“, so Nelles „haben
Erfahrungen gemacht und Beziehungen zu ihren Kindern ausgebaut. Diese
Erlebnisse haben das Potenzial, Einstellungen und Wünsche in Bezug auf
die weitere Gestaltung des Lebens und die Aufteilung von Erwerbs- und
Care-Arbeit nachhaltig zu verändern.“
Es wird also darauf ankommen, nach dem Ende der Pandemie nicht
einfach zur ‚alten‘ Normalität zurückzukehren, so sehr wir uns danach
sehnen, sondern politische Konsequenzen zu ziehen und auch den
Gestaltungsrahmen von Erwerbsarbeit zu verändern.
Digitalisierung und Flexibilisierung von Arbeit können zu einer
entscheidenden Stellschraube dafür werden, Rollenbilder und
Erwerbsbiografien flexibler zu gestalten und stereotype Zuschreibungen
zu verflüssigen.
Anlässlich
des Equal Care Days am 1. März 2021 lädt die Katholische
Frauengemeinschaft Deutsch-lands (kfd) und die Gemeinschaft der katholischen
Männer Deutschlands (GKMD) zu einer Online Gesprächsreihe unter dem Motto Care
gerecht gestalten ein.
Freitags von 18.00 bis 19.00 Uhr stellen sich
Praktiker*innen, Wissenschaftler*innen und Politiker*in-nen dem Gespräch rund
um Equal Care.
Anmeldung: Die Teilnahme ist kostenfrei. Eine Anmeldung zu
den einzelnen Abenden ist möglich unter: cornelia.goette@kfd.de. Der
Einwahllink ist für alle vier Gesprächsabende gültig und wird jeweils am
Veranstaltungstag bis 11.00 Uhr verschickt. Weitere Informationen finden Sie
unter: r: https://www.kfd-bundesverband.de/equal-care-day/
Themen und Termine
26.02. Equal Care Day: Füreinander sorgen, aber wie
gerecht verteilen?
kfd im Gespräch mit:
Sascha Verlan, Initiator des Equal Care Days
Thomas Altgeld, Vorsitzender des Bundesforums Männer
Prof`in em. Dr. Margrit Brückner, Frankfurt University of
Applied Sciences, Soziale Arbeit und Gesundheit
5.03. Pflege: Eine gemeinsame Gestaltungsaufgabe aller?
GKMD im Gespräch mit:
Prof. Dr. Andreas Wittrahm, Theologe und Psychologe,
DICV-Aachen
Birgit Hullermann, Pflegewirtin, 2. Vorsitzende des
Katholischen Pflegeverbandes e. V., Emsdetten
Anna Wischnewski, Sprecherin des Netzwerkes PflegeBegleitung
NRW
12.03. Lebenspraxis: Für sich und andere sorgen – Wie
werden wir kompetent?
kfd im Gespräch mit:
Prof`in em. Uta Meier-Gräwe, Unterzeichnerin des
Care-Manifestes, ehemals Lehrstuhl Sozioökonomie des Privathaushaltes an der
Justus-Liebig Universität Gießen
Kristin Weber berichtet in der Werra Rundschau über meinen Beitrag zum Internationalen Männertag
„Viele Männer möchten gerne aktive Väter sein. Das heißt, sich Zeit für ihre Familie und die Kindererziehung nehmen, ihre Sozialkompetenz als Familienmanager erweitern, eine liebende und verständnisvolle Partnerschaft führen und zugleich aber auch beruflich erfolgreich sein, erklärt Hans-Georg Nelles, Gründungsmitglied im Väter-Experten-Netz Deutschland und seit der Vereinsgründung 2005 ehrenamtliches Vorstandsmitglied.
Am Internationalen Männertag hatte die
Gleichstellungsbeauftragte des Werra-Meißner-Kreises, Thekla Rotermund-Capar,
zur Konferenz per Video-Stream eingeladen, und Nelles referierte zum Thema
„Aktive Väter– ein Gewinn für Unternehmen und Partnerschaft“.
Der oben genannte Wunschkatalog stelle Herausforderungen an
das Zeitmanagement der Väter –heißt, für all das muss sich ein Vater viel Zeit
nehmen, was viele Männer im Alltag überfordere, erklärte Nelles. Vor allem, da
der Wunsch, sich Zeit für die Familie zu nehmen, mit der Aussicht auf eine berufliche
Karriere immer noch kollidiere.
Im Hinblick auf ein verändertes Rollenbild habe sich heute
zwar schon viel in den Köpfen getan, aber noch nicht genug. Die Grundfrage
laute nach wie vor, wer in der Familie arbeite Teilzeit, wer Vollzeit und wer kümmere
sich um Haushalt und Kinder? Könnten diese Aufgaben partnerschaftlich
aufgeteilt werden?
Nelles beobachtet, dass viele junge Väter heutzutage zwar
bekunden, dass sie aufgeschlossen sind für eine neue Rollenverteilung, sie
wünschten sich eine 35-Stunden-Woche, sie würden gerne mehr als drei Monate
Elternzeit nehmen. Dennoch änderte sich wenig am Verhalten. „Aber das Thema
Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist in den Unternehmen angekommen, und es
gilt zunehmend auch für Männer“, sagte Nelles.
Er setzt auf Vorbildfunktion der Unternehmensführung und
versucht Unternehmen nahezubringen, welche Vorteile aktive Väter für ihre
Unternehmenskultur hätten: So könnten im ländlichen Raum Fachkräfte angelockt
werden, indem ihnen gute Bedingungen für die Vereinbarkeit von Beruf und
Familie geboten würden.
Männer, die Väter sind, verfügten außerdem über viel
Sozialkompetenz, da sie Erfahrungen damit hätten, Konflikte zu lösen. Der
Väter-Experte wünschte sich, dass Unternehmen bereits in Stellenanzeigen und
Bewerbungsgesprächen signalisierten, dass diese Kompetenzen erwünscht seien. So
werde das Rollenbild des aktiven Vaters in der Gesellschaft aufgewertet.
Hans-Georg Nelles führt als Beispiel an, dass in der Schweiz
schon jeder sechste Mann in einem Teilzeitjob arbeite. Und dass im weltweiten
Vergleich Unternehmen, bei denen Vaterschaftsurlaub möglich sei, auch
durchschnittlich mehr weibliche Führungskräfte hätten. Allerdings kann man
fragen, an welcher Stelle hier Ursache und Wirkung liegen. „Wir brauchen eine väterbewusste
Familienpolitik und Unternehmenskultur“, forderte der Experte.
Auch Thekla Rotermund-Capar hält fest: „Wenn wir mit den Frauen weiterkommen wollen, müssen wir mehr an den Vätern arbeiten.“ Aber sie zeigte sich nicht grenzenlos optimistisch. „Solange die Erwerbsarbeit im Zentrum unseres Lebens steht, wird sich nicht viel ändern“, sagte sie und plädierte für ein bedingungsloses Grundeinkommen.“
In einer gemeinsame Pressemitteilung des FrauenRat NRW, der Landesarbeitsgemeinschaft Familienverbände NRW, des Fachforums Familienselbsthilfe im Paritätischen Wohlfahrtsverband NRW und der Landesarbeitsgemeinschaft Väterarbeit NRW, wird eine nachhaltige Unterstützung von Familien eingefordert:
„In der Ausnahmesituation der Pandemie muss den unterschiedlichsten Bedürfnissen der Familien Rechnung getragen werden. Während der Corona-Krise verschärfen sich längst bekannte strukturelle Probleme.
„Wir wollen gestärkt aus der Krise hervorgehen, daher müssen
wir uns jetzt um grundsätzliche Lösungen bemühen“, sagt Hans-Georg Nelles,
Vorsitzender der Landesarbeitsgemeinschaft Väterarbeit NRW.
Mütter und Väter müssen in der aktuellen Situation
gleichzeitig Erwerbsarbeit, Erziehung, Betreuung, Beschulung und Pflege
stemmen. Sie sind am Rande ihrer Leistungsfähigkeit angelangt. Bestehende
strukturelle Diskriminierungen in Bezug auf Sexismus, soziale Lage,
Heteronormativität und Rassismus u.a. werden in dieser Situation noch
verschärft. Alleinerziehende können sich diese Belastungen mit niemandem
teilen.
Der komplette Ausfall der gesellschaftlichen Infrastruktur
muss durch die Familien im Privaten aufgefangen werden. Auch Homeoffice wird
für Eltern leicht zu einer Falle. Familien- und Berufsarbeit können nicht
gleichzeitig ausgeführt werden. Es sind eigenständige Tätigkeiten, mit jeweils
eigenem Zeitbedarf.
Eine alleinige verbale Würdigung dieser Leistungen von
Familien reicht bei weitem nicht aus. Auch die finanziellen Auswirkungen und
die Unsicherheit der zukünftigen Entwicklung führen zu Ängsten, zu
Existenznöten und zu noch mehr Kinderarmut. Familien, deren Mitglieder in
verschiedenen Ländern leben, wurden durch die strikten Grenzschließungen
zerrissen.
Fast immer sind es die Mütter, die bis zur Erschöpfung
arbeiten, um den Anforderungen in Beruf und Familie zu genügen. Dort, wo keine
partnerschaftliche Aufteilung zwischen Berufs- und Familienarbeit gelebt wird,
droht eine Überlastung der Mütter. Equal-Pay und Equal-Care werden zwar seit
Langem diskutiert, werden aber nicht ausreichend umgesetzt.
„Wir müssen verhindern, dass Mütter und Väter in das
traditionelle Rollenbild zurückgedrängt werden, das wir schon längst überwunden
geglaubt haben“, sagt Dr. Patricia Aden. „Im Gegenteil, wir müssen die
strukturellen Hindernisse beseitigen, die gleichberechtigten Lebensmodellen
entgegenstehen“, so die Vorsitzende des FrauenRat NRW.
„In der öffentlichen Diskussion der letzten Wochen kamen
Kinder mit ihren Rechten und besonderen Bedürfnissen nicht vor“, sagt Sabine
Nagl vom Kinderschutzbund LV NRW e.V.. „Die Schließung von Schulen, Kitas und
sogar von Spielplätzen sowie das Kontaktverbot beeinträchtigen die Kinder in
ihrer geistigen und sozialen Entwicklung“ so die Familienfachberaterin. Kinder
haben auch in Zeiten von Corona ein Recht auf Bildung. Die Schließung von
Bildungs- und Freizeiteinrichtungen diskriminiert vor allem Kinder aus
wirtschaftlich benachteiligten Familien sowie Kinder mit besonderem Förder- und
Pflegebedarf.
Finanzielle Entlastung wie ein einmaliger Kinderbonus und
eine befristete Senkung der Mehrwertsteuer sind zwar besser als eine rein
verbale Würdigung der Leistungen der Familien, aber sie genügen bei weitem
nicht, um die coronabedingten Ängste, Existenznöte und die wachsenden
Kinderarmut langfristig abzumildern.
„Familien sind systemrelevant. Sie sind das Rückgrat einer stabilen Gesellschaft. Wir, der FrauenRat NRW und die Landesarbeitsgemeinschaft der Familienverbände NRW, stärken dieses Rückgrat, machen es krisentauglich und fordern eine breite öffentliche Debatte über Familie und gute Rahmenbedingungen.“ sagt André Hartjes, Sprecher der Landesarbeitsgemeinschaft der Familienverbände NRW.“
Während der Corona-Krise übernehmen mehr Väter die Verantwortung für die Betreuung ihrer Kinder als vor der Krise. Das zeigt die Statista-Grafik auf Basis einer Umfrage der Väter GmbH. Danach gaben 48 Prozent der befragten Väter an, dass die Hauptverantwortung für die Kinderbetreuung zwischen beiden Partnern in etwa gleich aufgeteilt ist. Für die Zeit vor der Krise gaben dies lediglich 40 Prozent der Befragten an. Dazu passend sank die Zahl der Väter die angaben, dass ihre Partnerin bzw. ihr Partner während der Krise hauptsächlich die Betreuungsverantwortung übernimmt. Auch gaben mehr Väter an, dass sie hauptverantwortlich sind für die Kinderbetreuung.
Der Gründer und Geschäftsführer der Väter GmbH, Volker
Baisch, sieht in der Umfrage auch einen Beitrag zur gesellschaftlichen
Diskussion über die Frage, ob die Corona-Krise ein Rückschlag für die
Gleichberechtigung von Frauen und Männern darstellt: „Ich denke auch, das die
Rollback-Diskussion gerade nicht sehr hilfreich ist – nicht für Mütter und auch
nicht für Väter. Beide machen gerade einen unglaublichen Job, denn ich spreche
täglich mit vielen Vätern und Paaren.“
Die Ergebnisse anderer Umfragen, denen zufolge hauptsächlich die Mütter während der Corona-Krise im Beruf kürzertreten, um sich um Haushalt und Kinder kümmern zu können, stehen dazu nicht im Widerspruch. Wenn täglich fünf bis acht Stunden Betreuung in Kita oder Schule entfallen, müssen diese Zeiten zuhause aufgefangen werden. Die Krise kann eine Chance dafür sein, dass ein partnerschaftliche Aufgabenteilung von Erwerbs- als auch Familienarbeit in Familien künftig noch besser gelingt, wenn diese bewusst und ‚gerecht‘ geteilt werden.
Viele Väter sind es gewöhnt, acht bis zehn Stunden täglich
im Büro zu verbringen, sagt Volker Baisch von der Väter gGmbH. Denn in 77
Prozent der Familien sind sie nach wie vor der Hauptverdiener und damit der
Ernährer der Familie. Im Homeoffice sind sie nun häufig damit konfrontiert, dass
Kinderbetreuung und Home-Schooling eben nicht nebenbei funktioniert. So wie
Stefan Nachbar aus Freiburg, der seine drei Kinder gerade zu Hause betreut.
Weil seine Frau beruflich viel außer Haus ist, wird der Familienvater nun mehr
und mehr zum ersten Ansprechpartner für seine Kinder.
Viele Väter sehen nun auch, dass sich die so genannte
Care-Arbeit, die viele Frauen tagtäglich neben der Berufstätigkeit leisten,
kraft- und zeitraubend ist und fühlen sich überfordert. Tatsächlich sagten 42
Prozent der befragten Väter in zwei Forsa-Umfragen in den Monaten April und
Mai, dass sie wegen der Erziehung und Betreuung ihrer Kinder unter Druck stehen
würden. Im November 2019 war nur ein Drittel der Väter von den Kindern
gestresst. Und nicht nur die Arbeit und die Familie leidet: Auch die
Paarbeziehung zwischen Eltern ist in der Corona-Krise echten Belastungsproben
ausgesetzt.
Die guten Seiten der Krise
Viele Väter blicken aber auch positiv auf die vergangenen
Wochen zurück. Mehr Zeit zu Hause hat für sie eben auch bedeutet, mehr
mitzubekommen von der Entwicklung der Kinder. Welches Spiel ist gerade
angesagt? Welches Buch steht gerade hoch im Kurs und wie heißen die liebsten
Serienhelden? All diese Fragen können viele Papas jetzt im Schlaf beantworten.
Das stärkt die Beziehung zum Kind und damit auch den Wunsch, künftig mehr Zeit
miteinander zu verbringen.
Jeder zweite Vater würde gerne weniger arbeiten
Das klassische Wochenend-Papa-Modell sei gerade bei vielen
jungen Vätern nicht mehr gewünscht, sagt Baisch. Viele wollten sich zu Hause
stärker einbringen und mehr Zeit mit den Kindern verbringen. Hier hätte die
Corona-Krise auch positive Seiten, denn viele Väter hätten es auch genossen,
mehr Zeit zu Hause mit den Kindern zu verbringen. Und jeder zweite Vater wolle
gerne weniger arbeiten, um sich mehr um die Erziehung kümmern zu können. Das
geht auch mit den Wünschen vieler Mütter einher, die sich in der Teilzeit-Falle
gefangen sehen und häufig das Gefühl haben, in ihren wenigen Stunden
extra-effizient arbeiten zu müssen.
Wie verändern uns Abstand, Isolation und unsichere
Lockerungen? Welcher Gefühlskreislauf kommt in Gang durch Isolation, Quarantäne
und Fernbeziehungen? Und wie kann man als Familie, Paar oder als Single durch
diese Zeit kommen, deren Maßnahmen womöglich noch für Monate den Alltag
bestimmen werden?
Solchen und weiteren Fragen nimmt sich eine neue Broschüre des Zentralinstituts für Ehe und Familie in der Gesellschaft (ZFG) der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt (KU) an. Die Publikation enthält viele wissenschaftlich erforschte und bewährte Inspirationen sowie Verhaltensregeln, um die vielfältigen Belastungen zu reduzieren und zu meistern. Sie wird der Bevölkerung kostenlos zum Download zur Verfügung gestellt. Das Spektrum der Beiträge reicht vom Entwickeln und Einhalten einer Tagesstruktur über den Umgang mit Einsamkeit und Fernbeziehungen bis hin zu Tipps für Eltern – differenziert nach dem Alter des Nachwuchses.
„Mit dieser Broschüre möchten wir Familien und allen, die in
Ehe und Partnerschaft leben, Informationen an die Hand geben, die sie bei der
Bewältigung dieser Situation unterstützen sollen. Ziel ist es, auf der Basis
wissenschaftlicher Expertise ganz konkrete Tipps und Hinweise für die Praxis zu
geben. Auch dies ist Aufgabe einer Universität. Wir hoffen, dass diese
Broschüre daher vielen Familien, allen, die in Ehe und Partnerschaft leben,
sowie Singles und Alleinstehenden eine wertvolle Hilfe ist“, erklärt
ZFG-Direktor Prof. Dr. Klaus Stüwe.