{"id":9872,"date":"2020-03-20T18:57:33","date_gmt":"2020-03-20T18:57:33","guid":{"rendered":"http:\/\/vaeter-und-karriere.de\/blog\/?p=9872"},"modified":"2020-03-22T19:33:28","modified_gmt":"2020-03-22T19:33:28","slug":"vaeter-der-zukunft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vaeter-und-karriere.de\/blog\/index.php\/2020\/03\/20\/vaeter-der-zukunft\/","title":{"rendered":"V\u00e4ter der Zukunft"},"content":{"rendered":"\n<p>\u201aVater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr \u2026\u2018\ndichtete Wilhelm Busch vor 150 Jahren. Zumindest der zweite Teil des Satzes\ngilt bis heute und die Schwierigkeiten haben sich noch erh\u00f6ht. Vater sein\nreicht nicht mehr aus. Die allermeisten M\u00e4nner die heute Vater werden nehmen\nsich vor, ein guter Vater zu sein, es besser zu machen als sie es selbst erlebt\nhaben. Aber wie geht das, ein guter Vater zu sein, wenn es an erlebten\nVorbildern mangelt. Und, ist \u00fcberhaupt ausgemacht, was ein Vater ist. Ist er\nsowas wie ein Mupa? Eine Kopie der Mutter, oder zumindest ihr guter Assistent?\nEs gibt inzwischen zahlreiche V\u00e4terratgeber und Erfahrungsberichte von V\u00e4tern,\ndie Elternzeit gemacht haben und davon berichten, vor welchen Herausforderungen\njunge V\u00e4ter und M\u00fctter stehen, die sich aus alten Rollenvorstellungen\nemanzipieren wollen und dabei \u00fcber einen Rollentausch<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img src=\"https:\/\/www.buechner-verlag.de\/wp\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/9783963171956_hp-350x495.jpg\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Bj\u00f6rn Vedder bearbeitet in seinem Buch \u201aV\u00e4ter der Zukunft\u2018 das\nThema v\u00f6llig anders, in Form eines philosophischen Essays. Er ist von Beruf\nPhilosoph, Publizist und Kurator im Europ\u00e4ischen K\u00fcnstlerhaus Oberbayern.\nAu\u00dferdem ist er selbst Vater von zwei T\u00f6chtern und hat selber von den\nErfahrungen zwei grundverschiedener V\u00e4ter profitieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit seinem 150seitigen Essay m\u00f6chte er V\u00e4ter aus dem\nSchatten des eigenen abwesenden Vaters befreien. Dazu braucht es eine\nBeschreibung, wie und was V\u00e4ter heute sein k\u00f6nnen und zwar \u201ajenseits von\n\u00dcberkommenen M\u00e4nnlichkeitsvorstellungen, patriarchalen Familienmodellen oder\nder Idee einer geschlechtslosen Elternschaft\u2018. Um es vorwegzunehmen, diesen\nAnspruch l\u00f6st er auch tats\u00e4chlich ein und es lohnt sich wirklich, das Buch\nSeite f\u00fcr Seite zu lesen, es regelm\u00e4\u00dfig zur Seite zu legen und die Thesen,\nGeschichten und Berichte aus eigenen Erfahrungen, die Vedder virtuos verkn\u00fcpft,\nwirken zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Er betrachtet das, was er herleitet, als einen Vorschlag an\nM\u00e4nner, sich von der tradierten Rolle des Patriarchen zu emanzipieren, ohne\neinfach die Mutterrolle zu kopieren. Eine angemessene Beschreibung der\nVaterrolle unterst\u00fctzt sie dabei. Kinder brauchen, das zeigt die\nBindungsforschung, zwei verschiedene, sich erg\u00e4nzende Bezugspersonen. Eine mit\nder sie eine symbiotische Beziehung pflegen und eine andere, die diese\nBeziehung nach au\u00dfen, zur Gesellschaft, zur Welt hin \u00f6ffnet. Letztere Aufgabe\nnehmen die wahr, die \u00fcblicherweise \u201aVater\u2018 genannt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dieser kurzen Beschreibung des Selbstverst\u00e4ndlichen\nwird es schnell grunds\u00e4tzlich. Eine Erziehung, die auf der Logik des\nKapitalismus, des Wachstums basiere bereite Kinder nicht darauf vor mit\nzuk\u00fcnftigen Herausforderungen des Lebens vor. Das Leben sei keine Goldmine, die\nes auszubeuten gelte. Es sei elementar auch mit Verlusten umgehen zu k\u00f6nnen\ngerade weil die Logik des Kapitalismus derartige Erfahrungen ausschlie\u00dfe. An\ndieser Stelle komme dem Vater eine zentrale Bedeutung zu: Vedder schl\u00e4gt vor, \u201adass\nsich in der Figur des Vaters ein Ort f\u00fcr diese Erfahrungen findet, \u2026 dass es\neine Aufgabe der V\u00e4ter ist, den Umgang mit Verlust und Verzicht wieder in unser\nLeben zu integrieren. Ebendas macht sie zu V\u00e4tern der Zukunft.\u2018<\/p>\n\n\n\n<p>Damit dies gelingen kann, ben\u00f6tigen V\u00e4ter eine Bedeutung in\nder Erziehung der Kinder. Wie diese Rolle auf der \u201afamili\u00e4ren B\u00fchne\u2018 aussehen und\nwie sie wahrgenommen werden kann beschreibt der Autor in den folgenden\nAbschnitten. Ein roter Faden dabei ist Aspekt der Selbstbeschr\u00e4nkung und des\nVerzichts. Er wendet sich explizit gegen eine \u201aEventisierung des Familienlebens\u2018:\n\u201aDer einzige Ausweg daraus w\u00e4re freilich, in das Leben zur\u00fcckzukehren. Eine\nGrenze zu ziehen. Den Sprung in die Beschr\u00e4nkung zu wagen. Sich f\u00fcr das eine\nWirkliche gegen\u00fcber den vielen M\u00f6glichkeiten zu entscheiden. Entweder oder zu\nsagen und zu leben.\u2018<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist Aufgabe des Vaters sich f\u00fcr das gute Leben anstelle\neines sch\u00f6nen Lebens zu entscheiden, nur dann werde er der Bedeutung des Kindes\nals eigenst\u00e4ndigen Subjektes gerecht. \u201aEs ist ein Wesen, das nicht nur eine\nBedeutung f\u00fcr mich hat, sondern f\u00fcr das es selbst Bedeutung gibt.\u2018 Dieser\nPerspektivwechsel auf die Unverf\u00fcgbarkeit seiner Kinder ist gleichzeitig der\nWechsel \u201avom \u00e4sthetischen Standpunkt auf den ethischen, vom sch\u00f6nen Leben in\ndas gute Leben.\u2018<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem guten Leben gilt es, Entscheidungen zu treffen und\nnicht einfach nach Gusto alles zu tun oder zu lassen. Um diese Freiheit,\nentscheiden zu k\u00f6nnen wie ich mich den Dingen, die mir begegnen gegen\u00fcber\nverhalte, aus\u00fcben zu k\u00f6nnen ist es aber wichtig so wie der S\u00e4nger das ganze\nLied vor Augen hat, als Vater das ganze Leben in den Blick zu nehmen, also zum\nTode vorzulaufen. \u201aZum Tode vorzulaufen hei\u00dft also, das eigene Leben in den\nGriff zu bekommen, es zu leben und nicht nur zu erleben, es zu singen.\u2018<\/p>\n\n\n\n<p>Was es konkret bedeuten kann, das \u201av\u00e4terliche Sein zum Tode\u2018\neinzusetzen um den Herausforderungen der Zukunft angemessen begegnen zu k\u00f6nnen,\nverdeutlicht Vedder am Beispiel des Klimawandels. Mit dem Bild des von\nAristoteles skizzierten Hausvaters beschreibt er worauf es ankommt: es geht \u201aweniger\num den Erwerb als um die Pflege der Dinge, weniger um ihren Konsum als um ihren\nErhalt. \u2026 Die Reflexion unseres Konsums in Bezug darauf, was er mit uns macht,\nist eine M\u00f6glichkeit f\u00fcr V\u00e4ter, unser Wirtschaften zu ver\u00e4ndern.<\/p>\n\n\n\n<p>Das aus der M\u00f6glichkeit im Zuge der Corona-Pandemie so\nschnell eine wirkliche Herausforderung, nicht nur f\u00fcr V\u00e4ter geworden ist, hat\nVedder nicht ahnen k\u00f6nnen. Alle Eventgelegenheiten sind geschlossen, soziale\nKontakte au\u00dferhalb der Kernfamilie weitestgehend eingeschr\u00e4nkt und Krankheit\nund Tod kommen via Bildschirm und soziale Medien in jedes Haus und Verzicht und\nVerlust sind zum Alltag geworden. Die noch existierenden patriarchalen\nStrukturen sind genauso ratlos wie die ansonsten so lautstarken Populisten. Sie\nversuchen zwar noch mit haarstr\u00e4ubenden und erlogenen Geschichten Einfluss zu\nnehmen, werden aber im weiteren Verlauf der Krise verstummen. Sie haben im\nwahrsten Sinne des Wortes Nichts zu sagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Worauf es ankommt und diese Rolle kommt in den Familien den\nV\u00e4tern zu, vom Ende der Krise her, im Rahmen einer Regnose, zur\u00fcckblickend m\u00f6gliche,\npositive und mutmachende Szenarien zu beschreiben. Was das Klima angeht die\nTatsache, dass in diesem Jahr weltweit der CO\u00b2 Aussto\u00df sinken wird. Die Bilder\naus Italien mit auf den Balkonen singenden Menschen und den neuen Solidargemeinschaften\ndie \u00fcberall entstanden sind. All das sind Geschichten, die V\u00e4ter erz\u00e4hlen\nk\u00f6nnen, wenn sie mit ihren Kindern am Fluss des Lebens sitzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der philosophische Essay von Bj\u00f6rn Vedder ist absolut\nempfehlenswert, weil er gerade heute, in dem alte Gewissheiten und Ordnungen\nins Wanken geraten, M\u00e4nnern eine M\u00f6glichkeit bietet f\u00fcr ihr Vatersein einen (Nach-)\nDenkraum zu \u00f6ffnen und vielleicht erstmalig Sicherheit in ihrer Rolle als Vater\nzu gewinnen. F\u00fcr diejenigen, die auch im Krimi zuerst das Ende lesen, das kurze\nRes\u00fcmee von Vedder findet sich im einseitigen 8. Kapitel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201aVater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr \u2026\u2018 dichtete Wilhelm Busch vor 150 Jahren. Zumindest der zweite Teil des Satzes gilt bis heute und die Schwierigkeiten haben sich noch erh\u00f6ht. Vater sein reicht nicht mehr aus. 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