{"id":10301,"date":"2022-03-14T16:40:17","date_gmt":"2022-03-14T15:40:17","guid":{"rendered":"http:\/\/vaeter-und-karriere.de\/blog\/?p=10301"},"modified":"2022-03-16T16:44:21","modified_gmt":"2022-03-16T15:44:21","slug":"tuerkische-maenner-wollen-eine-andere-form-der-vaeterlichkeit-leben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vaeter-und-karriere.de\/blog\/index.php\/2022\/03\/14\/tuerkische-maenner-wollen-eine-andere-form-der-vaeterlichkeit-leben\/","title":{"rendered":"T\u00fcrkische M\u00e4nner wollen eine andere Form der V\u00e4terlichkeit leben"},"content":{"rendered":"\n<p>Professor Uslucan im Interview zu den Wirkungen des Projekt \u201aInterkulturelle V\u00e4terarbeit in NRW\u2018<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Von 2014 bis 2016 wurde das Projekt \u201aInterkulturelle V\u00e4terarbeit in NRW\u2018 gef\u00f6rdert. Was waren die Ergebnisse des Vorhabens?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Also wir haben ja das Projekt, was ja unter anderem vor allem von \nHerrn Michael Tun\u00e7 durchgef\u00fchrt wurde, auch unter meiner Leitung. Wir \nhaben es an acht verschiedenen Regionen NRWs durchgef\u00fchrt. Einmal haben \nwir festgestellt, dass bestimmte, ich sage mal, Stereotype, Bilder, \nVorurteile \u00fcber M\u00e4nner beziehungsweise V\u00e4ter mit Migrationshintergrund \ngrundlegend widerlegt werden konnten. So die Vorstellung, es ist \nsozusagen, ja, so matriarchal organisiert, Erziehung ist weiblich, \nweibliche oder beziehungsweise Arbeit der Frauen, M\u00e4nner halten sich \nzur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed-youtube wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"Prof  Uslucan im Interview\" width=\"500\" height=\"281\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/77bSQfDW4YY?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p>Also solche Bilder, vor allem auch \u00fcber t\u00fcrkische M\u00e4nner, t\u00fcrkische \nV\u00e4ter, herrschten ja lange vor. Und in diesem Projekt haben wir sehen \nk\u00f6nnen, dass die V\u00e4ter, die wir sozusagen auch angetroffen haben, die in\n diesen Projekten, nat\u00fcrlich ist es eine Selektion, das ist\/ das muss \nman auch wissen. Wir haben nat\u00fcrlich die, die engagiert waren erreicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber zumindest die haben gezeigt beziehungsweise sich ge\u00e4u\u00dfert sowohl\n in den direkten Gespr\u00e4chen, aber auch in der Befragung, dass sie ein \nhohes Ma\u00df an Engagement in der Erziehung zeigen, dass sie sozusagen auch\n eine andere Form von V\u00e4terlichkeit auch leben wollen. Auch eine andere,\n die sowohl von der Mehrheitsgesellschaft als auch vielleicht sozusagen \nvon der eigenen Kultur manchmal zugedacht wird, so im Sinne von, V\u00e4ter \nhaben ja f\u00fcr das Au\u00dfen, also sozusagen Geld verdienen und die \nAu\u00dfenwirklichkeit, und M\u00fctter f\u00fcr das Innen, das Haus zust\u00e4ndig. Dass \nsie einfach mit diesem Modell so nicht einverstanden sind, sondern auch \nandere Rollen, auch andere Formen von V\u00e4terlichkeit leben wollen, sich \nsehr stark engagieren wollen, auch in der Erziehung, Entwicklung ihrer \nKinder. Und letztlich dadurch auch an mehrheitsgesellschaftlichen \nTrends, also jetzt in den letzten zehn, zwanzig Jahren an aktive \nV\u00e4terlichkeit auch teilhaben wollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man das jetzt wissenschaftlich festhalten will, kann man sagen, \ndrei zentrale Ergebnisse waren f\u00fcr uns relevant. Eins ist unabh\u00e4ngig von\n Migrationshintergrund. Das ist die p\u00e4dagogisch-psychologische \nBedeutsamkeit von V\u00e4tern f\u00fcr die Entwicklung von Kindern, von allen \nKindern. Nicht nur von einheimischen, sondern auch von Kindern mit \nZuwanderungsgeschichte. Das ist immer dort, wo sozusagen \nVater-Kind-Konstellationen eng, einf\u00fchlsam zusammenarbeiten. Dass es \nsowohl f\u00fcr das Selbstbewusstsein der Kinder wichtig ist, aber auch f\u00fcr \ndie Selbstwahrnehmung der V\u00e4ter, also sozusagen \np\u00e4dagogisch-psychologische.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann ein Punkt, der vielleicht, ich sage mal, schon auch ein Novum \nist f\u00fcr Migrantenfamilien, die wir im Vordergrund hatten, \nfamilienpolitische Aspekte. Dass sozusagen dadurch auch in der \nPartnerschaft sich \u00e4ndert. Also sagen wir, ein st\u00e4rkerer Zug zum \nEgalitarismus, also eine andere Aufteilung der Erziehungsarbeit und \nletztlich auch dadurch die Entlastung der M\u00fctter beziehungsweise der \nFrauen. Auch die Wahrnehmung der, ich sage mal, Frau, der Mutter als \nPartnerin, nicht nur als Mutter. Und durch diese Aufteilung der Rolle \nauch eine wechselseitige andere Wahrnehmung.<\/p>\n\n\n\n<p>Und ein dritter Punkt, was ich eben gesagt habe, \nintegrationspolitisch, dass dadurch auch die Wahrnehmung der V\u00e4ter mit \nZuwanderungsgeschichte eine andere ist. Ich will nur zwei Punkte \naufarbeiten, wo es die gr\u00f6\u00dften Differenzen gab.<\/p>\n\n\n\n<p>Die gr\u00f6\u00dften Differenzen gab es bei der gewaltfreien Erziehung, also \ndie Relevanz der gewaltfreien Erziehung. Das ist sozusagen, durch die \nKurse habe ich erkannt, wie wichtig das ist. Und ein zweiter Aspekt, der\n nicht minder wichtig ist, die Bedeutung der Schule, der Bildung, also \nSchulerfolg, sich f\u00fcr den Schulerfolg zu interessieren, zu engagieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin selbst Bildungspsychologe und sp\u00e4testens seit PISA wissen \nwir, dass Sch\u00fclerleistungen nicht nur Sch\u00fclerleistungen sind, sondern \nauch Elternleistungen sind, nicht nur Leistungen der Schule, sondern \nauch die der Eltern. Das ist ungerecht, aber unabh\u00e4ngig davon haben die \nvon uns befragten V\u00e4ter erkannt, es kommt auch auf mich an. Also es \nkommt auch auf uns an, dass wir uns engagieren, dass wir uns einbringen,\n dass wir f\u00f6rdern, dass wir den Kontakt zur Schule halten. Und letztlich\n sozusagen, wie relevant V\u00e4terarbeit f\u00fcr den Schulerfolg der Kinder ist.\n An den beiden Punkten gab es die gr\u00f6\u00dften Differenzen zwischen vorher \nund nachher.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein weiterer Aspekt war auch die soziale Vernetzung. Dass sie erkannt\n haben: \u201eEs ist wichtig, auch mit andern V\u00e4tern ins Gespr\u00e4ch zu kommen\u201c,\n weil \u201eEs sind nicht nur meine Sorgen, sondern es sind Sorgen auch \nanderer V\u00e4ter.\u201c Und durch diese V\u00e4terarbeit auch eine Art von \nVernetzung, was letztlich auch Solidarpotenziale aufbauen hilft und dazu\n f\u00fchrt, dass man auch entlastet ist, weil man merkt, das ist nicht nur \netwas, was einen selbst betrifft.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Vor welchen Herausforderungen stehen diejenigen, die interkulturelle V\u00e4terarbeit machen heute und in Zukunft?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben seit 2015 nat\u00fcrlich einen starken Umbruch als \nMigrationsgesellschaft, als Einwanderungsgesellschaft. Nat\u00fcrlich w\u00e4re es\n wichtig hier, jetzt in einem Folgeprojekt beispielsweise, Kinder und \nV\u00e4ter mit Fluchthintergrund in \u00e4hnliche Projekte aufzunehmen. Wir haben \nin unserem Projekt ja sehr stark t\u00fcrkische, spanische, griechische \u2026 \nalso die klassische Gastarbeitergeneration gehabt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das w\u00e4re etwas, was, glaube ich, wichtig ist jetzt nach f\u00fcnf, sechs \nJahren, wo man sagen kann, gut, erste Einbindung in den Arbeitsmarkt, \nWohnungsmarkt ist mehr oder weniger einigerma\u00dfen gut erfolgt. Was jetzt \nkommt sind eher so die, ich sage es mal, weichen Aspekte. Vielleicht zum\n einen Traumabearbeitung, Fragen von Erziehung, aber auch Fragen von \nEltern-Kind-Beziehung, Vater-Kind-Beziehung.<\/p>\n\n\n\n<p>Das w\u00e4re etwas, was vielleicht k\u00fcnftige Projekte st\u00e4rker adressieren \nm\u00fcssten. Auch dort eine andere Form von V\u00e4terlichkeit. Und wenn wir \nwissen, dass beispielsweise in dem ersten Projekt die Relevanz \ngewaltfreier Erziehung so ein wichtiger Aspekt ist. Und ja, wir leben \njetzt seit zwei Wochen wieder in einer Welt voller Gewalt. Also wie \nwichtig das ist, sei es gewaltfreie Kommunikation in der \nEltern-Kind-Beziehung, aber sei es auch die Rolle von Erziehung, \nv\u00e4terlicher Erziehung, st\u00e4rker zu vermitteln. Da sehe ich einen gro\u00dfen \nBedarf in diesen Communities, arabischsprachige, m\u00f6glicherweise k\u00fcnftig \nauch russisch-ukrainische. Also wir haben jetzt auch mit neuen \nFluchtzuwanderungen zu rechnen. Genau solche Projekte auch in der neuen \nZuwanderergruppe zu adressieren, diese Gruppen einzubinden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Welche nachhaltigen Wirkungen sind heute, 6 Jahre nach dem Ende der F\u00f6rderung, noch zu sehen bzw. zu sp\u00fcren.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Empirisch kann ich das jetzt nicht beantworten, weil wir jetzt keine \nBefragung gemacht haben. Aber generell ist es so, immer dort, wo \nMenschen sozusagen in die Kurse selbst einbezogen sind, selbst \nmitmachen, selbst aktiv sind, so etwas ist immer nachhaltiger als nur, \nich sage mal, Belehrung, als nur jetzt mit den V\u00e4tern einen Kurs zu \nmachen, wo sie \u00fcber richtige Erziehung belehrt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie stark das nachhaltig ist, wie weit das sozusagen durchgef\u00fchrt \nwird, das h\u00e4ngt nat\u00fcrlich auch von sehr vielen andern Faktoren ab. Das \nsind nicht nur Aspekte des Kurses, ne? Manchmal ist es ja auch eine \nver\u00e4nderte Wahrnehmung, dass pl\u00f6tzlich sozusagen auch die \nFamilienkonstellation besser ist, das Kinder dadurch leichter erziehbar \nwerden. Und wenn sie leichter erziehbar sind, sind Effekte oft besser zu\n erreichen, als wenn man immer wieder mit, ja, Windm\u00fchlen, mit \nSchwierigkeiten zu k\u00e4mpfen hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Direkt empirisch kann ich Ihnen keine Zahl jetzt nennen, wie stark \ndie Effekte sind. Aber zumindest aus den Gespr\u00e4chen mit den V\u00e4tern \nwissen wir, dass das etwas war, wo sie sich zum ersten Mal auch gefragt \nf\u00fchlen, adressiert f\u00fchlen und sagen: \u201eOkay, also wir werden als \nkompetent wahrgenommen.\u201c Und das ist, glaube ich, ein ganz wichtiger \nAspekt, dass sie in ihrer Kompetenz und nicht nur defizit\u00e4r gesehen \nwerden.<\/p>\n\n\n\n<p>Vatersein ist was Sch\u00f6nes, und wenn sie \u00fcber individuelle Erfahrungen\n aus der eigenen Kindheit positive Aspekte zum eigenen Vater, \nV\u00e4terlichkeit anders wahrnehmen k\u00f6nnen. Also wo wir wirklich Personen, \nich sage mal, so fast zwingen, positive Aspekte zu sehen, auch wenn sie \neine schwierige Kindheit hatten, dann aber merken: \u201eJa, stimmt, Mensch. \nAlso wie kann ich das, was ich selbst als Kind positiv erfahren habe von\n meinem Vater, wie kann ich das meinem Kind weitergeben?\u201c Also diese Art\n der Reflexion ist f\u00fcr V\u00e4ter, die vielleicht jetzt nicht akademisch, \nsozialwissenschaftlich-p\u00e4dagogisch geschult sind, schon was Neues.<\/p>\n\n\n\n<p>Und da glaube ich, dass das in der Tat was nachhaltig ist. Es ist \neine Perspektiv\u00fcbernahme, denk mal dar\u00fcber nach, also entdecke das Kind \nin dir selber. Und das ist ja so etwas, was sie sonst im eigenen Alltag \nso nie konfrontiert werden mit diesen Fragen. Da, glaube ich, ist eine \nstarke Nachhaltigkeit. F\u00fcr andere, die ohnehin jetzt p\u00e4dagogisch \narbeiten, ist das vielleicht Teil des Tagesgesch\u00e4ftes, sozusagen \nPerspektiv\u00fcbernahme, Rollen\u00fcbernahme, sich selbst aus der Situation des \nKindes zu sehen. Aber f\u00fcr genau diese V\u00e4ter war das schon was Novum und \nwar das ein Novum und hat dazu gebracht, Dinge anders zu sehen, auch aus\n der Perspektive des Kindes zu sehen, ne? Also wenn man mit einem Kind \nspricht, vielleicht wirklich auch runterzugehen auf Augenh\u00f6he, im \nphysischen Sinne auf Augenh\u00f6he. Und da hat es f\u00fcr diese V\u00e4ter schon sehr\n viel gebracht.<\/p>\n\n\n\n<p>Endbericht des Projekts \u201ePraxisforschung f\u00fcr nachhaltige Entwicklung interkultureller V\u00e4terarbeit in NRW\u201c <a href=\"https:\/\/www.lag-vaeterarbeit.nrw\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/ZfTI-Vaeterprojekt-Evaluation.pdf\">ZfTI-V\u00e4terprojekt-Evaluation<\/a> <\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.lag-vaeterarbeit.nrw\/2022\/03\/15\/tuerkische-maenner-wollen-eine-andere-form-der-vaeterlichkeit-leben\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"Quelle (\u00f6ffnet in neuem Tab)\">Quelle<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Professor Uslucan im Interview zu den Wirkungen des Projekt \u201aInterkulturelle V\u00e4terarbeit in NRW\u2018 Von 2014 bis 2016 wurde das Projekt \u201aInterkulturelle V\u00e4terarbeit in NRW\u2018 gef\u00f6rdert. Was waren die Ergebnisse des Vorhabens? 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