{"id":10248,"date":"2022-01-18T13:45:44","date_gmt":"2022-01-18T12:45:44","guid":{"rendered":"http:\/\/vaeter-und-karriere.de\/blog\/?p=10248"},"modified":"2022-01-30T13:57:22","modified_gmt":"2022-01-30T12:57:22","slug":"maenner-vaeter-als-subjekte-im-gleichstellungsprozess","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vaeter-und-karriere.de\/blog\/index.php\/2022\/01\/18\/maenner-vaeter-als-subjekte-im-gleichstellungsprozess\/","title":{"rendered":"M\u00e4nner &#038; V\u00e4ter als Subjekte im Gleichstellungsprozess"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Holger, du hast bei der Fachtagung der LAG V\u00e4terarbeit in\nNRW im November die Dialogrunde und den Workshop im Themenfeld\n\u201aGleichberechtigung und Beteiligung\u2018 moderiert. Eine der Visionen die in der Dialogrunde\nformuliert wurde lautet: \u201aFamilienarbeit aus der Tabuzone holen\u2018. Was ist damit\ngemeint?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im gesellschaftlichen Kontext gehen wir vom Idealbild der\nheilen Familie aus, ein Ort von Liebe und Geborgenheit. Treten Probleme und\nHerausforderungen auf, werden diese schnell individualisiert und stehen in\nVerantwortung der Eltern. Dann gibt es Aussagen wie: \u201eDie Eltern sind\n\u00fcberfordert sie sollen sich doch Hilfe holen.\u201c Im unternehmerischen Kontext\nsoll Familienarbeit idealerweise funktionieren und nicht den Arbeitsprozess\nst\u00f6ren. <\/p>\n\n\n\n<p>Schlaflose N\u00e4chte bei zahnenden Kindern, Erkrankungen, neue\nLebensabschnitte oder auch die Zeit der Pubert\u00e4t sind jedoch ganz normale\nFamilienthemen, die in der Regel viel Kraft und elterliche Aufmerksamkeit\nben\u00f6tigen. Konkret geht es darum, dass Kolleginnen nicht ausgegrenzt und\nbel\u00e4chelt werden, wenn sie aufgrund von Aufgaben mit und f\u00fcr die Kinder eher\ngehen m\u00fcssen oder die famili\u00e4ren Themen \u00fcber berufliche Aufgaben stellen. <\/p>\n\n\n\n<p>Ebenso sind Themen wie Allein- bzw. Getrennterziehende oder\nTrennung keine, mit denen man im Arbeitsalltag oder auch im Freundeskreis\npunkten kann, wenn Familie und Familienarbeit zur besonderen Herausforderung\nwird. Unsere Gesellschaft verweist lieber an individuelle\nUnterst\u00fctzungsangebote, als dass strukturelle Ver\u00e4nderungen angedacht und auf\nden Weg gebracht werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht zuletzt geh\u00f6rt Familien- und Care-Arbeit nach wie vor\nzu den unentgeltlichen Leistungen, die f\u00fcr eine Gesellschaft zwar unabdingbar\nsind, aber eben nicht finanziert und entsprechend anerkannt werden. Nicht\nzuletzt sehen wir im Umgang mit Familien w\u00e4hrend der Pandemie, dass zwar\nTrostpflaster verabreicht werden, wie einmalige Zahlungen, aber dass wir viel\nmehr \u00fcber Wirtschaft und Finanzen berichten, als dass die herausfordernde\nFamilien- und Sorgearbeit in den Mittelpunkt ger\u00fcckt werden. Ebenso ist das\nLohngef\u00e4lle ein Ausdruck daf\u00fcr, welchen Wert Sorgearbeit in unserer\nGesellschaft hat und wie selbstverst\u00e4ndlich sie in diesem Lohngef\u00e4lle gegen\u00fcber\nproduzierendem Gewerbe gehalten wird.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Warum ist es wichtig, M\u00e4nner und V\u00e4ter von Anfang an als\nAkteure im Gleichstellungsprozess zu adressieren und einzubeziehen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Weil Gleichstellung nur im Miteinander und im f\u00fcr einander\nEinstehen gelingen kann. Equal Pay und Equal Care sind Aufgaben, die l\u00e4ngerfristig\nM\u00fcttern wie V\u00e4tern zugutekommen. Rollenklischees entwickeln sich, sobald wir\nauf die Welt kommen und pr\u00e4gen unsere Gesellschaft nachhaltig. Wenn wir daran\netwas \u00e4ndern wollen, dann m\u00fcssen wir an individuellen Einstellungen etwas\nver\u00e4ndern und bei den fr\u00fchen Sozialisationsinstanzen starten. Kinder m\u00fcssen\nerleben k\u00f6nnen, dass V\u00e4ter im Alltag anwesend sind und sich ebenso um Kinder\nk\u00fcmmern, wie sie ihre bezahlte Arbeit meistern. So braucht es in allen\nLebensbereichen m\u00e4nnliche Vorbilder, die ein gleichberechtigtes Leben ohne\nRollenzuschreibungen anstreben oder bereits realisiert haben. Und hierf\u00fcr\nbraucht es M\u00e4nner und V\u00e4ter die dies auch leben wollen, also davon \u00fcberzeugt\nsind, dass dies f\u00fcr sie und f\u00fcr die nachfolgende Generation ein guter Weg ist,\nGesellschaft zu gestalten. Oft erleben heute M\u00e4nner Gleichstellung als\nBeschneidung von M\u00f6glichkeiten, als Zurechtweisen und defizit\u00e4r. Dabei gilt es\ndas Augenmerk darauf zu legen, was M\u00e4nner und V\u00e4ter von diesem Prozess ganz\nindividuell und im Zusammenleben mit Frauen und M\u00fcttern davon haben. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Welche Vorteile bringt das f\u00fcr V\u00e4ter und die Beziehung zu\nihren Kindern?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es bringt Stabilit\u00e4t f\u00fcr die Beziehung, wenn V\u00e4ter nicht nur\nim Spa\u00dfbereich erlebt werden, sondern auch zeigen dass sie im Carebereich fit\nsind. Viele V\u00e4ter, die Elternzeit genommen haben, berichten davon, dass sie\nsp\u00e4ter eine gute Beziehung zu ihren Kindern haben. Zum einen ist dies nat\u00fcrlich\nin der Begleitung im Aufwachsen der Kinder eine wichtige Ressource. Aber ich\ndenke zudem ist es eine wichtige Energiequelle f\u00fcr V\u00e4ter selbst, wenn sie am\nWerden ihrer Kinder beteiligt sind und durch Beziehung zu ihnen gest\u00e4rkt und\ngetragen werden. Nicht zuletzt verhindert es soziale Isolation, insbesondere in\nKrisen &amp; Konfliktsituationen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Welche Stolpersteine und Widerst\u00e4nde gilt es dabei\nunbedingt zu beachten?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>V\u00e4ter sind, wenn es um Familien- und Carearbeit geht, in\neinem f\u00fcr sie noch relativ neuen Lebensbereich unterwegs. Es fehlt an\nErfahrungen und Angeboten. H\u00e4ufig bekommen sie direkt oder durch die Blume\ngesagt, dass die M\u00fctter hier die bessere Arbeit leisten. Als Beispiel sei ein\nVater genannt, der in der Familienberatung bei der Umgangsgestaltung danach\ngefragt wurde, ob er f\u00fcr seine Kinder sorgen k\u00f6nne. Dieser Vater hatte ein Jahr\nElternzeit genommen. Als er die Frage bejahte, kam die n\u00e4chste R\u00fcckfrage, was\ner denn f\u00fcr seine Kinder koche? Diese subtilen Kontrollfragen sind verunsichern\nV\u00e4ter zus\u00e4tzlich und zeigen ein fehlendes Zutrauen. V\u00e4ter brauchen jedoch\noffene und vertrauensvolle Rahmenbedingungen, um sich noch mehr in den Care-\nund Sorgebereich einzubringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wahrscheinlich stehen sich jedoch die M\u00e4nner im\nGleichstellungsprozess am meisten selbst im Weg, wird das Thema\nGleichberechtigung mit \u201eschwach sein\u201c verkn\u00fcpft und innerlich abgewertet. Auf\nder anderen Seite braucht es nat\u00fcrlich auch M\u00fctter und Frauen, die\nVer\u00e4nderungen aushalten, insbesondere, wenn sie nicht nach ihren Ideen\numgesetzt werden. Wichtig ist dabei, dass ein Austausch miteinander stattfindet\nund m\u00f6gliche Stolpersteine gemeinsam aus dem Weg ger\u00e4umt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht zuletzt ist es Aufgabe der Politik, den\ngesellschaftlichen Umdenkprozess zu forcieren und zu unterst\u00fctzen. V\u00e4ter und\nM\u00e4nner aktiv hierzu einzuladen und daf\u00fcr strukturelle Rahmenbedingungen zu\nschaffen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was sind deiner Meinung nach die ersten drei Schritte auf\ndem Weg hin zu einer \u201aechten\u2018 Gleichberechtigung in den Sph\u00e4ren Erwerbs- und\nCarearbeit?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Rahmenbedingungen daf\u00fcr zu schaffen, dass M\u00e4nner nicht\nmit dem Gedanken des Familienern\u00e4hrers aufwachsen, also als hauptverantwortlich\nin die Erwerbsarbeit gedr\u00e4ngt werden und dass Vereinbarkeit von Familie und\nBeruf aktiv von Unternehmen angesprochen und V\u00e4tern Mut gemacht wird, sich\nauszuprobieren, den Bereich von Sorgearbeit zu entdecken und sich selbst zu\nzeigen. <\/p>\n\n\n\n<p>Themen, wie Vereinbarkeit von Familie und Beruf m\u00fcssen auf\nM\u00e4nner und V\u00e4ter direkt zugeschnitten werden, auch wenn es dieselben Inhalte\nbetrifft. Solange wir in traditionellen Rollenvorstellungen verhaftet sind,\nbraucht es aktive und manchmal provokative Anst\u00f6\u00dfe zum Umdenken.\nRole-Model-Kampagnen k\u00f6nnen dabei positive Denkanst\u00f6\u00dfe liefern und eine\nVielfalt aufzeigen, die ganz unterschiedliche V\u00e4ter anspricht.<\/p>\n\n\n\n<p>Frauen in den Vorstandsetagen sind dabei ebenso wichtig, wie\nV\u00e4ter in einer Elternzeit von sieben Monaten und mehr. Die Elternzeit- und\nElterngeldreform 2007 hat gezeigt, dass strukturelle Anreize Ver\u00e4nderungen\nwunderbar beschleunigen k\u00f6nnen. Hier kann Politik entsprechend unterst\u00fctzend\nwirken.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/vaeter-und-karriere.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Holger-Strenz.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-10249\" width=\"517\" height=\"172\" srcset=\"https:\/\/vaeter-und-karriere.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Holger-Strenz.png 600w, https:\/\/vaeter-und-karriere.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Holger-Strenz-300x100.png 300w\" sizes=\"(max-width: 517px) 100vw, 517px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Holger\nStrenz<\/strong> ist Vater von 2 T\u00f6chtern, Sozialp\u00e4dagoge, Systemischer Paar- und\nFamilientherapeut. Er ergr\u00fcndet, untersucht und beforscht das m\u00e4nnliche\nGeschlecht seit \u00fcber 25 Jahren und versteht sich als Netzwerker, der mit\nPapaseiten.de V\u00e4terarbeit in Dresden und in Sachsen einen Weg bahnt. Seit \u00fcber\n15 Jahren geschieht dies innerhalb der Gleichstellungsarbeit. Er ist Mitglied\nder Fachgruppe V\u00e4ter im Bundesforum M\u00e4nner und im V\u00e4terexpertennetz Deutschland\ne.V. Aktuell koordiniert er die Kampagne zur Petition \u201e10 Tage\nVaterschaftsfreistellung* zur Geburt\u201c.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Holger, du hast bei der Fachtagung der LAG V\u00e4terarbeit in NRW im November die Dialogrunde und den Workshop im Themenfeld \u201aGleichberechtigung und Beteiligung\u2018 moderiert. Eine der Visionen die in der Dialogrunde formuliert wurde lautet: \u201aFamilienarbeit aus der Tabuzone holen\u2018. Was ist damit gemeint? 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